Christliche Themen für jede Altersgruppe

Jesus hat auch gern gefeiert - Gottesdienst in der Kneipe

MESSSTETTEN (Dekanat Balingen) – Gesangbuch und Getränkekarte: Warum nicht einmal Gottesdienst in einer Kneipe feiern? Im „Tonic“ in Meßstetten hat die Kirchengemeinde das erstmals ausprobiert. Und das Personal mit dem großen Andrang offenbar überrascht.

Kneipe Tonic in Messstetten

Volles Haus: Im „Tonic“ sind die Plätze besetzt.  (Foto: Wolfgang Albers)

Mit dem pünktlichen Beginn des Gottesdienstes wird das nichts. Sonntagabend 18 Uhr ist es, die Gemeinde sitzt schon zahlreich versammelt, Pfarrer Reinhold Schuttkowski steht auch schon da. Nur den Talar hat er noch nicht an. Aber das ist gar nicht der Grund, aus dem er um einen Aufschub bittet: „Wir wollen sicherstellen, dass niemand verdurstet.“

Tatsächlich klirren Gläser im Hintergrund, schäumt eine Bier-Zapfanlage, huscht eine Bedienung mit vollem Tablett durch die Reihen. Dass Kirche und Kneipe mitunter eng verbunden sind, kennt man ja aus Bayern – aber mitten auf der Schwäbischen Alb, wo es nicht nur evangelisch, sondern mitunter strenger evangelisch zugeht? Wie in Meßstetten?

Gottesdienst in der Kneipe

(Foto: Wolfgang Albers)

Tatsächlich bleibt die Meßstetter St. Lambrecht-Kirche an diesem Sonntagabend leer. Die Gemeinde versammelt sich in einem eher unkirchlichen Ambiente, in einem Areal mit mehreren Einkaufszentren, einem großen Parkplatz – und am Rande dem „Tonic“, einem Gastro-Betrieb im derzeit angesagten Bar-Lounge-Mix.

Hierhin geht Reinhold Schuttkowski zu seinem Musiker-Stammtisch, an dem auch Lothar Gerstenecker sitzt. Der kommt beruflich ganz schön herum und berichtete eines Abends, wie ihm in der Ortenau eine Pfarrerin von ihrem Projekt erzählt habe: Sie halte ihren Gottesdienst ab und zu in Kneipen und habe da gute Erfahrungen gemacht – es funktioniere.

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„Können wir das nicht auch mal machen?“, fragte Lothar Gerstenecker seinen Pfarrer. In Meßstetten? Der Ort ist ja nicht gerade als Vorposten der Avantgarde bekannt. „Dann wird es Zeit, dass sich das ändert“, entgegnet Reinhold Schuttkowski knapp. Der Mann stammt aus Oberschwaben, ein Landstrich, der bei aller konservativen politischen Färbung ein lockereres Lebensgefühl kennt. Und auch in seinem Engagement bleibt Reinhold Schuttkowski nicht beim Althergebrachten: Kirchenpolitisch engagiert er sich für die Offene Kirche, als Kreistagskandidat der SPD war er bei den beiden letzten Wahlen Stimmenkönig.

Organisatoren des Kneipen-Gottesdienstes in Messstetten im Tonic

Die Organisatoren: Reinhold Schuttkowski, Lothar Gerstenecker, Martin Gomeringer-Haas (von links) waren begeistert vom Andrang im „Tonic“. (Foto: Wolfgang Albers)

„Das Kneipen-Ambiente ist doch mal was anderes“, sagt er sich. Theologisch sieht er auch keine Probleme: „Jesus kann man nicht nur in der Kirche begegnen. Jesus hat sich auch gerne mit Leuten getroffen und mit ihnen gefeiert.“ Der Kirchengemeinderat war einverstanden – und die Gemeinde?

Das „Tonic“ ist nicht gerade klein, wenn sich da kaum einer hin traut, sieht das ein bisschen mager aus. Aber eine Viertelstunde vor Beginn haben sich die Gäste, die erkennbar andere Interessen haben, vor die Tür an die Tische im Freien verzogen, während es plötzlich innen voll wird. „Da strömen sie“, hört Martin Gomeringer-Haas, der dritte Mann vom Stammtisch, von seiner Frau: „Gleich brauchen wir noch mehr Plätze.“ Und die Bedienungen haben erkennbar Stress – die Schichteinteilung war wohl etwas zu pessimistisch kalkuliert.

Was Reinhold Schuttkowski besonders freut: Jedes Alter ist vertreten. Die Konfirmanden sind mit einer starken Gruppe versammelt. Hat auch, vermutet der Pfarrer, mit einem besonderen Element des Gottesdienstes zu tun: Tobias Conzelmann aus Meßstetten musiziert, zusammen mit der Geigerin Carla Klein.

Gottesdienst in der Kneipe, Live-Musik

(Foto: Wolfgang Albers)

Die beiden eröffnen mit „Hymn“ von Barclay James Harvest: „Jesus came down from heaven to earth.“ Ein Klassiker, genauso wie das „Hallelujah“, vor allem durch Leonard Cohen bekannt geworden. Das folgt gleich hinterher und löst die Gesangbuchfrage: Den Refrain können alle zumindest gut mitsummen.

Und der Pfarrer – übrigens weiter im weißen Hemd statt im schwarzen Talar – geht mit dem Mikrofon durch den Raum, fragt: „Warum sind Sie da?“ „Ich bin einfach neugierig auf diese Art von Gottesdienst“, sagt eine Frau, und auch andere bestätigen das.

Ein Gottesdienst, der von den Elementen her jetzt gar nicht so ungewöhnlich ist. Da ist das Gebet („Gott, lass uns gemeinsam feiern und wissen, dass du da bist – auch in Meßstetten“), auch ein stilles für die Menschen, die einem wichtig sind.

Da ist ein Impuls, ein Video der von der EKD unterstützten Youtuberin Jana Highholder: „Ich bin Jana. Gottes Influencerin.“ Jana ist blond, sympathisch, theologisch freikirchlich angehaucht und wird von etlichen als fundamentalistisch kritisiert. Sie sagt: „Mir geht es darum, den Glauben zu erklären, damit ihn jeder verstehen kann. Ich nütze meine Reichweite, um von Gott zu erzählen. Er ist nicht gebunden an alte Bücher und dicke Mauern, er lässt sich finden – auch auf Youtube.“

Predigt vom Tresen

Reinhold Schuttkowski predigt im TonicDann die Schriftlesung, Kirchengemeinderat Bruno Lachmann trägt die Matthäus-Verse über das Doppelgebot der Liebe vor. Und Reinhold Schuttkowski macht sich seine Predigt-Gedanken über die Aufforderung zur Nächstenliebe: „Manchmal klappt es, aber oft denken wir doch erst an uns selbst und erst später an die anderen.“

Aber er wolle keine Moralpredigt halten. Wie die Pfarrer früher, die vor den Gefahren der Sünde warnten, die in Kneipen und beim Tanz drohten: „Diese Zeiten sind vorbei.“ Und nach einer kurzen Pause: „Hoffentlich.“ Denn in den Köpfen stecke: Was sagen die Leute dazu? „Und das ist nicht christlich.“

 

Der Pfarrer ist jetzt ein Kneipen-Zelebrant. „Es ist schon was Besonderes, vom Tresen zu predigen“, sagte Reinhold Schuttkowski schon während des Gottesdienstes – wo er übrigens auch das eine oder andere Gesicht sieht, das er von der Kirche her noch nicht kennt.

Sicher: Die Kneipenatmosphäre schlägt schon immer mal wieder durch. Da wird doch auch zwischendurch geordert und geliefert, hat man statt des Gesangbuchs die Getränkekarte in der Hand, und zwischendurch kassiert die Bedienung schon mal ab. Aber zum Vaterunser stehen dann alle andächtig auf.

„Hat es euch gefallen?“, fragt Tobias Conzelmann die Gemeinde. Hört viel Applaus und schickt gleich ein Lob hinterher: „Dass wir hier einen so coolen Pfarrer haben, der solche Sachen mit uns macht.“ Der verabschiedet seine Gemeinde mit dem Hinweis, dass so ein Ort auch seine Vorteile habe: „Man muss ja hinterher nicht auseinander gehen, sondern kann noch da bleiben.“ Und einen kleinen Ausblick wagt er auch: „Es war vielleicht nicht das letzte Mal.“

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