Christliche Themen für jede Altersgruppe

Judas im Karohemd

Im erzgebirgischen Zschorlau führen evangelische Laienspieler die Leidensgeschichte Christi auf – und das seit 15 Jahren. Die Idee hierfür geht auf Kreuzworträtsel-Fragen zu DDR-Zeiten zurück. Heute schauen sich bis zu 6000 Zuschauer die Passionsspiele an. 

Voll Inbrunst betet Jesus im Garten Gethsemane bei den Passionsspielen in Zschorlau. (Foto: Ruth Bourgeois)

Entstanden ist das protestantische Schauspiel im Erzgebirge eher zufällig. „Zu DDR-Zeiten waren mir Passionsspiele vor allem aus Kreuzworträtseln ein Begriff: Österreichischer Passionsspielort mit drei Buchstaben – Erl“, berichtet Initiator Dieter Schürer, selbst Mitglied des Gemeindevorstandes der evangelisch-lutherischen Gemeinde Zschorlau. Während des ersten Westurlaubs 1990 fuhr der heute 62-Jährige voller Neugier nach Erl, schaute sich ein Jahr später die dortigen Spiele an. „Aus einer Weinlaune heraus und bei Alpenglühen überlegte ich 1997 vor Ort mit Gleichgesinnten: Was bräuchten wir, um so etwas in unserem Zschorlau mit seinen 3500 Einwohnern zu veranstalten?“ Die Idee nahm Gestalt an. Als Regisseur verteilte Schürer die Rollen und schrieb das Textbuch – basierend auf den vier Evangelien des Neuen Testaments sowie dem Roman „Jesus von Nazareth“ des polnischen Schriftstellers Roman Brandtstätter. Das Szenario verfasste Schürer während eines Türkeiurlaubs am Strand. Im April 2000 war es soweit – die Zschorlauer Passionsspiele feierten Premiere.

Jesus ist Bauschlosser

Der Jesus von Zschorlau heißt Matthias Groß. Im normalen Leben ist der 54-Jährige Bauschlosser. In der erzgebirgischen Passionsspielwelt hingegen ist Groß erste Besetzung des Jesus, schlüpft der Zschorlauer dafür in einen weiß-beigen Kittel. „Meine Vorbereitung beginnt damit, nicht mehr zum Frisör zu gehen“, erklärt Groß während einer Szene, in der einer der beiden anderen Jesus-Darsteller probt. Nach vier Spielzeiten und vielen Dutzend Proben kennt der Zschorlauer Jesus seinen Text sehr gut auswendig. „Richtig aufgeregt bin ich mittlerweile auch nicht mehr. Das ist gut, denn so kann man sich besser auf das eigentliche Spielen vorbereiten.“ Am meisten aus sich herausgehen könne er in der Tempelszene und beim Ausspruch: „Lasst diesen Kelch an mir vorübergehen!“

„Im Zschorlauer Spiel versuchen wir, das Passionsgeschehen weniger von unserem heutigen christlichen Standpunkt aus zu zeigen, sondern so, wie es damals die jüdische Bevölkerung erlebt haben dürfte“, erklärt Initiator Schürer. Vor der ersten Aufführung erhielten die Laiendarsteller schauspielerische Unterstützung von einem Zirkuspfarrer aus Dresden. Mit Erfolg: Nach der ersten Spielzeit gab es so viele positive Reaktionen, dass alle Beteiligten für eine Wiederholung plädierten und sich vornahmen, eine Tradition daraus zu machen.

Eine Tradition entsteht

So gründeten im Herbst 2000 damals 73 Interessenten aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche, der Evangelisch-Methodistischen Kirche sowie der Landeskirchlichen Gemeinschaft der Ortsteile Zschorlau, Albernau und Burkhardtsgrün den „Passionsspielverein Zschorlau“. Schon zu Ostern 2001 wurde das protestantische Gemeinschaftsschauspiel erneut aufgeführt, dann einigte man sich auf einen Fünf-Jahres-Turnus. 15 Jahre und vier Spielzeiten nach seiner Gründung hat der Verein fast doppelt so viele Mitglieder, kommen bis zu 6000 Besucher pro Spielzeit zu den Aufführungen in die Sporthalle in Zschorlau, war sogar schon ein Fernsehteam vor Ort und drehte einen Film mit dem sinnigen Titel „Im Dorf der Bärtigen“. Ein richtiges Wir-Gefühl sei aufgekommen, berichtet Dieter Schürer, alle freuten sich auf das nächste Mal.

Voller Einsatz

„Mehr Dramatik!“, fordert Schürer in der nächsten Szene von den Teilnehmern des Hohen Gerichts. Sprechpausen auf Null, ruhig dem Vorgänger ins Wort fallen, so seine Instruktionen. Was folgt, ist voller Einsatz: „Er hat Gott gelästert, dieser Sohn eines Zimmermanns!“, brüllt Thomas Seifert in seiner Rolle als Hohepriester in die Runde. Laut sprechen mussten noch bis zur letzten Spielzeit 2010 alle Darsteller, damit ihre Stimme die Deckenmikrofone erreichte. Mittlerweile hat sich der Passionsspielverein Knopflochmikros geleistet, und auch Kulisse, Requisite und Kostüme wurden aufgepeppt. Doch über die äußerlichen Verbesserungen hinaus wirkt das gemeinschaftliche Schauspiel vor allem auf den inneren Zusammenhalt der Beteiligten. Und den der teilnehmenden Gemeinden. „Die Spiele schweißen zusammen“, bestätigt Schürer. „Früher sagte man sich nur flüchtig Hallo auf der Straße, nun bleibt man stehen, das ist gut für den Ort und die Gemeinden. Proben und Aufführungen schaffen viele Gemeinsamkeiten und Verflechtungen. Aus den Berührungspunkten auf der Bühne entstehen Bindungen während der Zeit zwischen den Spielen.“

Keine Nachwuchssorgen

An Konzept und Dialogen hat sich seit der Premiere 2000 kaum etwas verändert. Altersbedingt ziehe sich zwar der eine oder andere Darsteller zurück, erklärt Schürer. Nachwuchssorgen aber kennen sie hier in Zschorlau nicht. Im Gegenteil: Weil sich längst alle etwas darunter vorstellen können, ist es für Schürer und seine Mitstreiter viel einfacher geworden, Gemeindemitglieder zum Mitmachen zu bewegen. Das Aufhören hingegen gehe fast von alleine, schaltet sich am Ende noch einmal Hohepriester Thomas Seifert ein: „Aus der Rolle wächst du heraus, wenn deine Haare aufhören, aus dem Kopf zu wachsen!“


Die Passionsspiele in Zschorlau werden vom 3. bis 12. April aufgeführt. Weitere Informationen: www.passionsspiel-zschorlau.de

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Margot Kässmann
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