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Jüdisch in der Saison - Hotel Post Bad Wildbad

BAD WILDBAD (Dekanat Neuenbürg) – Im Kurort Bad Wildbad gab es nie eine feste jüdische Gemeinde. Aber im 19. Jahrhundert und bis in die 1930er-Jahre hinein kamen jeden Sommer jüdische Kurgäste in die Stadt und damit auch jüdische Hoteliers, Ärzte und Händler. Deren Biografien erforscht heute eine engagierte Projektgruppe.

Das Hotel Post in den 1930er-Jahren. Foto: Stadtarchiv Bad WildbadDas Hotel Post in den 1930er-Jahren. Foto: Stadtarchiv Bad Wildbad

In der Serie „Jüdische Spuren“ geht es um vergangenes und gegenwärtiges jüdisches Leben in Württemberg. Teil 24: Bad Wildbad. Der Kurort liegt weit im Westen der württembergischen Landeskirche.

Zuerst stand die Gruppe, dann das Thema. So erzählen es Marina Lahmann von der Stadt Bad Wildbad und Diakonin Beate Kunz von der evangelischen Kirchengemeinde. Mit anderen zusammen wollten die beiden Frauen am Ort etwas Neues aus der Taufe heben. Die Inspiration kam Beate Kunz durch einen Besuch der Holocaust-Überlebenden Eva Umlauf an der Schule, wo sie unterrichtet: Die jüdische Geschichte von Bad Wildbad wollte die Gruppe näher untersuchen. Koordiniert von Marina Lahmann, die auch für das Stadtarchiv zuständig ist, legten sich die Ehrenamtlichen ins Zeug.

Dabei gab es in Bad Wildbad nie eine feste jüdische Gemeinde. Aber jüdisch geprägt wurde der Kurort trotzdem. Immer im Sommer.

Rückblick ins 19. Jahrhundert: Bad Wildbad ist als Erholungsort äußerst beliebt. Prominente Gäste wie die Mutter des russischen Zaren oder König Wilhelm von Württemberg bringen viel Aufmerksamkeit. Nach der rechtlichen Gleichstellung in Württemberg 1864 seien auch jüdische Kurgäste gekommen, erzählt Marina Lahmann. Auf einer Bäderliste aus dem Jahr 1908 entdeckte sie viele typische jüdische Namen. Etwa acht bis zehn Prozent der Kurgäste könnten damals Juden gewesen sein, schätzt sie. „Bei etwa einem Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung wären das viele“, sagt sie.

Bemühen um jüdische Kurgäste

Nun waren Kurorte nicht frei von Judenfeindlichkeit, mancherorts grassierte ein regelrechter „Bäder-Antisemitismus“. In Bad Wildbad war das offenbar anders. Über die Jahrzehnte hinweg lassen sich immer wieder Zeitungsanzeigen finden, die bewusst um jüdische Gäste werben. Noch 1934 setzte eine Gruppe Wildbader Hoteliers eine solche Anzeige in eine Zeitung in Bremen. Erst die Rassengesetze der Nationalsozialisten beendeten das.

Der Jahresablauf in Bad Wildbad war immer gleich. Von Anfang Mai bis Ende September ging die Saison. „Dann steppte der Bär“, erzählt Marina Lahmann. Und auch im Hinblick auf die jüdischen Kurgäste galt das Gesetz von Angebot und Nachfrage.

Da gab es dann Restaurants und Buden im Kurpark, die koscheres Essen anboten. Gleichzeitig wurde der Kurort für jüdische Dienstleister attraktiv. So praktizierten im Sommer jüdische Ärzte und jüdische Kaufleute boten ihre Waren an.

Mancher verband Tourismus und Gewerbe, wie Jakob Dessauer. 1861 nach Wildbad gekommen, betrieb er anfangs eine Garküche und arbeitete als Optiker. 1869 eröffnete er ein Hotel am Kurplatz. Zuerst bot er koschere Küche, später erweiterte er seinen Kundenkreis. Dessauers Kinder gingen in Wildbad auf die Schule, die Familie muss gut integriert gewesen sein, fand Marina Lahmann heraus. Als er 1888 starb, war er sehr wohlhabend.

Dessauers Hotel steht heute nicht mehr. Überhaupt ist im Stadtbild die jüdische Geschichte nicht präsent. Ihr Schauplatz waren meist unscheinbare Häuser. Wer aber mit Marina Lahmann und Beate Kunz durch die Straßen geht, erfährt spannende Geschichten über einstige Bewohner.

Das Gebäude des Hotel Weil auf einer Postkarte von 1899 und heute. Bei der Eröffnung 1888 warb Gründer Elias Weil mit „anerkannt streng ritueller Küche“ (links unten). Fotos: Martin Janotta, Stadtarchiv Bad Wildbad

Da ist zum Beispiel ein graues Gebäude, in dem heute eine Arztpraxis ist. Und in dem früher eine Arztpraxis war, die von Max Günzburger. Von 1919 bis 1938 praktizierte er, zuerst nur in den Sommermonaten. Im Winter betrieb er eine Praxis in Karlsruhe. Ab 1928 scheint er ganzjährig in Wildbad gelebt zu haben. 1937 unternahm die Stadt Versuche, Günzburger wegen angeblicher „Unordnung“ in seiner Praxis zu vertreiben. Letztlich musste er im Herbst 1938 seine Praxis schließen und am 10. November, einen Tag nach der Pogromnacht, verließ er den Ort. Triumphierend verkündete die Zeitung „Schwarzwald-Wacht“ wenig später: „In den letzten Tagen ist nun auch der letzte Jude, der in Wildbad ansässig war, von dannen gezogen.“ Max Günzburger lebte danach an verschiedenen Orten, 1942 wurde er deportiert und starb im KZ Theresienstadt.

Nur ein kurzes Stück die Einkaufsstraße weiter kommt ein Haus, das früher den Geschwistern Freund gehörte. Über sechs Jahrzehnte, erzählt Marina Lahmann, betrieben die Frauen hier ein Mode-, Weiß und Wollwarengeschäft. In den 1860er-Jahren ging es los und bis in die 1930er-Jahre hinein. Der Grund für das Ende lag wohl nicht im Nationalsozialismus, sondern darin, dass die schon hochbetagten Schwestern keine Nachkommen hatten, vermutet Marina Lahmann. Die letzte Schwester, Johanna Freund, zog 1937 aus Wildbad fort und starb 1939 in Mannheim.

Schließlich ist da ein Stück weiter ein großes Gebäude unweit des Bahnhofs. Einst das Hotel Weil, zwischen 1888 und 1933 von verschiedenen jüdischen Hoteliers betrieben. Am längsten vom Gründer Elias Weil aus Offenburg. Im Gegensatz zu Dessauer richtete sich Weils Hotel wohl ausschließlich an jüdische Gäste. 1889 ließ er einen Betsaal einrichten, in dem israelitische Gottesdienste gefeiert werden konnten. Dafür wurde jährlich für die Zeit von Mai bis Oktober – also für die Saison – eigens eine Thorarolle aus Karlsruhe nach Wildbad gebracht. Im „Badeblatt“ wurden die Gottesdienste im jüdischen Betsaal neben den katholischen und evangelischen veröffentlicht – ein weiteres Beispiel dafür, wie selbstverständlich jüdische Gäste im Kurort waren. Im September 1933 war aber schließlich auch das Hotel Weil am Ende. Der letzte Betreiber, Abraham Mowschowitz aus Freudenstadt, musste nach nur zwei Sommern aufgeben.

Marina Lahmann (links) und Beate Kunz. Projektgruppe jüdisches Leben Bad WildbadFoto: Martin JanottaMarina Lahmann (links) und Beate Kunz. Foto: Martin Janotta

Noch eine Handvoll weiterer jüdischer Biografien hat die Projektgruppe „Spuren jüdischen Lebens in Bad Wildbad“ rekonstruieren können. „Es kommt immer wieder was dazu“, sagt Marina Lahmann. Manchmal durch Zufall, wie vor kurzem bei einem Fund auf dem Dachboden der Schule. Die Gruppe motiviert das. „Was ans Licht kommt, da kommt Freiheit hin“, sagt Beate Kunz. Ihr Wissen bringen sie in Veranstaltungen und Stadtspaziergängen unter die Leute.

Dazu gehört auch eine erstaunliche Geschichte, die am 15. Januar 1945 in Bad Wildbad ihren Ausgang nahm. Im Hotel Post, gegenüber der evangelischen Kirche, traf sich an diesem Tag der Schweizer Politiker Jean-Marie Musy mit SS-Chef Heinrich Himmler und dem NS-Geheimdienstler Walter Schellenberg zum Abendessen. Keine vier Monate vor Kriegsende. Gegen die Deponierung von 1000 Dollar pro Häftling auf einem Schweizer Konto gab Himmler sein Einverständnis, dass Juden aus Theresienstadt in die Schweiz emigrieren durften. Am 5. Februar stiegen dann tatsächlich 1200 Juden in komfortable Personenwaggons ein und wurden über Nürnberg, Augsburg und Konstanz nach St. Gallen gefahren. Einer der Menschen in diesem Zug war der damals fünfjährige Pavel Hoffmann. Im Herbst 2018 gelang es der Wildbader Projektgruppe, ihn für eine Veranstaltung zu gewinnen. In der Stadt, in der im Januar 1945 über sein Schicksal entschieden wurde. □

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