Christliche Themen für jede Altersgruppe

Jugengendliche Umweltaktivisten im gemeinsamen Interview mit Vertretern der Evangelischen Kirche

Wenige Bewegungen haben innerhalb kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit erhalten wie „Fridays for Future“. Warum engagieren sich die jungen Menschen für mehr Klimaschutz? Und wie geht die Kirche damit um? Das Gemeindeblatt hat zum Gespräch geladen, und Vertreterinnen und Vertreter der jungen Gene- ration und der Kirche sind gekommen. Die Fragen stellten Dorothee Schöpfer und Martin Janotta.

Yvonne und Sofie, Sie gehören zum Organisations-Team für Fridays for Future in Stuttgart und sorgen jeden Freitag dafür, dass mehrere hundert Schüler auf dem Marktplatz protestieren. Warum tun Sie das?

Sofie Rehberg: Weil immer deutlicher wird, dass wir unsere Lebensgrundlage zerstören. Das ist seit Jahrzehnten in der Wissenschaft bekannt, aber anscheinend nicht in Gesellschaft und Politik angekommen.

Yvonne Sauter: Seit 30 Jahren werden Petitionen geschrieben, Gutachten und Machbarkeitsstudien angefertigt und es passiert einfach nichts. Es ist alles noch viel schlimmer geworden, bis zu dem Punkt, wo wir jetzt sind: Wir können nur noch die schlimmsten Auswirkungen abschwächen.

Jakob, Sie sind aktiv in der Klima-AG des Evangelischen Heidehof-Gymnasiums. Was machen Sie da? Jakob Männle: Wir kümmern uns um Themen wie Mülltrennung, die Verbesserung der Energiebilanz durch bessere Fenster, den Einsatz von Recyclingpapier. Eine unserer größten Aktionen war der Verzicht auf Fleisch in der Schulküche für eine Woche. Bei diesem Klimafasten haben 200 Leute mitgemacht.

Sind Sie auch bei Fridays for Future dabei? Jakob Männle: Nein, ich habe in diesem Jahr Abitur gemacht, das hatte Priorität.

Herr Vogel, Sie haben bei einem Nachtschicht-Gottesdienst mit dem Meteorologen Özden Terli und Fridays-for-Future-Aktivistinnen den Klimaprotest in die Kirche geholt. Warum?

Ralf Vogel: Ich bin der tiefen Überzeugung, dass sich die Kirche mit der Schöpfung beschäftigen muss. Wie können wir dazu beitragen, dass auch die junge Generation vertrauensvoll, fröhlich und mit Gestaltungsmöglichkeiten in die Zukunft gehen kann? Wenn sich die Kirche da nicht zu Wort meldet, wer dann? Wir versuchen das mit der Nachtschicht seit vielen Jahren.

Fühlen Sie sich als Einzelkämpfer?
Ralf Vogel: Wir tun schon etwas als Kirche. Aber wir tun es nicht öffentlichkeitswirksam genug. Beim Nachtschicht-Gottesdienst haben wir uns aktiv an die Seite der Jugendlichen gestellt. Der zweite Schritt muss sein, dass wir selbst aktiv werden. Bis dahin, dass auch Kirche in Streik gehen könnte.

Sonntags bleibt die Kirche leer? Ralf Vogel: Zum Beispiel. Ich würde es befürworten, dass wir Christen in einer gewissen Regelmäßigkeit streiken, bis etwas passiert. Bisher wird nur Kosmetik gemacht, es geht aber um eine Trendwende.

Herr Koch, betreiben Sie als Umweltbeauftragter der Landeskirche Kosmetik?

Klaus-Peter Koch: Es passiert durchaus etwas. Aber ich stimme Herrn Vogel zu: Noch nicht so viel wie notwendig. Ohne Einschränkungen ist der Klimaschutz nicht zu haben, dafür ist viel Überzeugungsarbeit und Bewusstseinsbildung nötig, in allen der 1400 selbständigen Kirchengemeinden in Württemberg. Die Synode hat beschlossen, für die Emissionen der Sitzungen, durch Anreise und Verpflegung, Klima-Kompensation zu zahlen. Das ist ein kleines, aber deutliches Zeichen, um zu sagen: Dieses Thema ist wichtig. Ich bin mit meinen Mitarbeitern dran, das Klimaschutzkonzept der Landeskirche voranzutreiben und einen Maßnahmenplan zu erarbeiten. Das ist manchmal zäh, aber so ist die Wirklichkeit einer großen Verwaltung. Die Landeskirche ist wie ein großer Tanker mit einem langen Bremsweg und einem großen Wendekreis.

Sofie Rehberg: Um bei der Tanker-Metapher zu bleiben: Wenn wir einen langen Bremsweg haben, das Hindernis aber schon kommt, bevor wir zum Stehen kommen, dann bringt uns das Bremsen gar nichts. Dann können wir’s auch gleich lassen.

Yvonne Sauter: Selbst wenn alle Menschen hier aufhören würden, tierische Produkte zu essen und neue Klamotten zu kaufen und nur noch Fahrrad fahren, kommt die Krise trotzdem. Es liegt nicht mehr in persönlicher Verantwortung, das Schiff rumzureißen. Was wir brauchen, sind politische Rahmensetzungen. Und wenn tatsächlich für einen echten Wandel diese Riesen-Apparate mit ihren Verwaltungsstrukturen im Weg stehen, müssten sie vielleicht nicht unbedingt erhalten bleiben.

Also den Tanker versenken?
Yvonne Sauter: In der Schöpfungsgeschichte steht: Zuerst wurde das Wasser erschaffen, der Boden, die Pflanzen, das Wetter, die Tiere und ganz am Schluss der Mensch. Ohne die Schöpfung können wir nicht sein. Dieser Gedanke muss oberste Priorität haben.

Klaus-Peter Koch: Ich habe das Bild mit dem Tanker bewusst in die Runde geworfen. Denn es zeigt zum einen die Problematik, zum anderen aber auch: Da ist Bewegung drin, gerade weil es Initiativen gibt wie Fridays for Future. Wir müssen als Kirche dazu beitragen, dass Politiker befähigt werden, Entscheidungen zu treffen, die in die richtige Richtung gehen.

Jakob, als Yvonne gesagt hat: Wir können ja alles selber richtig machen, aber das hilft gar nichts mehr – hat Sie das nicht frustriert? Da macht man in der Klima-AG viel, hat Erfolge ...

Jakob Männle: Ja, wenn man’s ganz hart nimmt, könnte man sogar sagen: Es ist egal, was Deutschland macht. Aber das entmutigt mich nicht, weil ich finde, man muss schon auf niedrigster Ebene anfangen. Wir sind nun einmal nicht in der oberen Position, dass wir bestimmen können, also fangen wir halt unten an. Nur wenn der Einzelne handelt, wie bei Fridays for Future, kommt es auch ganz oben an. Klar, global gesehen ist es für das Klima vollkommen egal, ob ich jetzt einen Fleisch-Burger oder einen vegetarischen Burger esse.

Yvonne Sauter: Ich lebe vegan, kaufe so gut wie nichts außer Essen, habe auch seit Jahren nicht mehr die Stadt verlassen, mit dem Flugzeug schon gar nicht. Ich finde das schon wichtig, auch für mich selbst. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass Photovoltaik auf dem Dach das Ruder herumreißen wird.

Stichwort Photovoltaik. Sagt Ihnen der „Grüne Gockel“ etwas?

Yvonne Sauter: Nein. Sofie Rehberg: Nein. Jakob Männle: Ja.

Herr Koch, hat der „Grüne Gockel“ ausgekräht?
Klaus-Peter Koch: Der Grüne Gockel als kirchliches Umweltmanagement-System ist immer noch ein gutes Werkzeug. Allein dadurch, dass man als Kirchengemeinde die Räume bewusst beheizt, lassen sich in einer Gemeinde rund 15 Prozent Energie einsparen – ohne dass man dafür irgendetwas investieren muss. Solche kleinen Maßnahmen retten die Welt nicht, aber wir stoßen damit Bewusstseinsbildung an. [...] Die Klimafrage ist letztendlich auch eine Gerechtigkeitsfrage: Können wir zulassen, dass es uns gut geht, aber andere Staaten schon Umsiedlungsprogramme machen müssen? Können wir es zulassen, die Gestaltungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen einzuschränken?

Sofie Rehberg: Mein Vorschlag für so ziemlich alles, was Sie, Herr Koch, gesagt haben: Die Kirche könnte uns unterstützen, indem Sie radikaler aufklären. Sie haben ja eine ganz andere Zielgruppe als wir. Indem Sie zum Beispiel den Leuten bewusst machen, dass unter anderem durch ihr Verhalten Menschen auf der anderen Seite der Welt ihren Lebensraum verlieren. Jeder, der in der Position ist, diese Dinge zu sagen, sollte sie sagen und die Menschen damit konfrontieren. Wir hören auch von Politikerinnen und Politiker immer, dass die Mehrheiten fehlen. Aber die Mehrheiten bekommt man nur, indem man solche Tatsachen bewusst macht und an die Menschen heranträgt.

Das heißt, der Ton muss ein anderer werden?
Sofie Rehberg: Man muss Klartext sprechen. Es wird so viel geschwafelt. Auch mit der ewigen Diskussion: Ist es gerechtfertigt, für die Fridays for Future-Demos Schule zu schwänzen oder nicht? Das ging vollkommen am Inhalt des Protests vorbei.

Auf dem Kirchentag hat Luisa Neubauer, eine der bekanntesten Fridays for Future-Aktivistinnen, die Kirchen aufgefordert, „die Revolution mitzugestalten“. Würden Sie das unterschreiben?
Sofie Rehberg: Ja, es hat eine ziemliche Schlagkraft, wenn sich die Kirche mit Wissenschaft und uns zusammensetzt. Und man geschlossen sagt: Wir haben dieses Interesse gemeinsam und es betrifft uns alle.

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Das vollständige Interview können Sie in unserer ePaper-Ausgabe lesen.