Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kässpätzle und Couscous - Internationales Ferienwaldheim

STUTTGART-FEUERBACH – Wenn Kinder und Jugendliche aus Ägypten, Tunesien, Spanien, Italien und Deutschland eine gemeinsame Woche im Waldheim verbringen, treffen nicht nur Esskulturen aufeinander. Ein Besuch im ersten Internationalen Ferienwaldheim.

Gruppenfoto, Teilnehmer des Internationalen Ferienwaldheimes

Weniger als erwartet, aber mit viel Spaß: die Teilnehmer des Internationalen Ferienwaldheims. (Foto: Brigitte Jähnigen)

Shada findet, dass die gesellschaftlichen Regeln in Deutschland strenger als in Ägypten sind. „Ich hab kurz meine Tasche auf ein geparktes Auto gelegt, das war ein Problem“, gibt sie ein Beispiel. Shada ist Muslima. Sie trägt ihre Haare offen, T-Shirt und Hose sind im westlichen Stil. Trotzdem sagt sie: „Dass sich die Frauen im Freibad Killesberg in den Duschräumen nackt geduscht haben, war für mich sehr ungewohnt.“ Die 16-Jährige lebt in Kairo und lernt dort in einer Privatschule Deutsch. Im August war sie nun zum ersten Mal in Deutschland, und zwar in Stuttgart. Dort nahm sie am ersten Internationalen Ferienwaldheim teil.

Arabisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch: Es ist ein Sprachenkonzert, das in der fünften Woche der Sommerferien im Evangelischen Ferienwaldheim Lindentäle in Feuerbach gesprochen wird. Die Kinder und Jugendlichen kommen aus den Stuttgarter Partnerstädten Kairo (Ägypten) und Menzel Bourguiba (Tunesien) sowie aus Alba (Italien) und Barcelona (Spanien) Auch deutsche Kinder aus Stuttgart sind dabei.

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Das Waldheim findet auf Einladung des Vereins „Interchance“ und in Kooperation mit dem Evangelischen Ferienwaldheim Feuerbach, der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Feuerbach und der Evangelischen Jugend Stuttgart statt.

Ferienwaldheim Stuttgart - Internationales Treffen

Geplant war, 120 junge Menschen, davon 32 Betreuer, acht Tage lang bei Gastfamilien wohnen zu lassen und die Tage im Ferienwaldheim zu verbringen. Doch „es kamen weniger“, sagt Johannes Söhner, Waldheimferienleiter und früher Jugendreferent in Böblingen. „Es gibt wohl nicht mehr so viele Familien, die den Mut haben, ihre Kinder in die Welt zu schicken. Und es gibt in Stuttgart nicht viele, die Interesse an einem Internationalen Ferienwaldheim zeigten.“ So kamen letztlich nur 27 Kinder und Jugendliche und 27 Betreuer zum internationalen Treffen. Die finanzielle Eigenbeteiligung war moderat. Das Auswärtige Amt, der Kinder- und Jugendplan des Bundes und die Landeshauptstadt Stuttgart förderten das Treffen.

Teilnehmerinnen Teilnehmer, Outdoor Spaß

Weniger als erwartet, aber mit viel Spaß: die Teilnehmer des Internationalen Ferienwaldheims.
(Foto: Brigitte Jähnigen)

Diejenigen, die dabei sind, möchten die Freizeit nicht missen. Von den Ausflügen ins Mercedes-Benz Museum, zum Killesberg und zur Kinderspielstadt „Stutengarten“ auf dem Stuttgarter Wasen sind die Teilnehmer „voll begeistert“. Sie genießen das viele Grün, das in ihren Heimatländern nicht selbstverständlich ist, und leben ohne nennenswerte Missverständnisse miteinander. „Es gab keine Dramen wegen kultureller Unterschiede“, sagt Söhner. Und die Veranstalter ziehen das Fazit, dass es sogar gut gewesen sei, dass alle Gäste im Ferienwaldheim (und nicht wie geplant in hiesigen Familien) von früh bis abends hätten gemeinsam wohnen können.

 

Ferienwaldheim - Abends geht es erst richtig ab

Und noch etwas anderes haben die Veranstalter gelernt: „Den Tag wie sonst in Ferienwaldheimen um 17.30 Uhr mit einem typisch deutschen Abendbrot zu beschließen geht nicht“, sagt Johannes Söhner und lacht. „Die gehen abends richtig ab, und so gab es halt gegen 21 Uhr noch mal ein warmes Essen, wie in Ägypten und Tunesien, aber auch in Italien und Spanien üblich.“ Da hätten die Tunesier eben auch mal ein Couscous mit Hühnchen für alle gekocht.

Überhaupt das deutsche Essen! Wer die jungen Leute nach Fremdheiten fragt, der hört als erstes: „das Essen“. Während Marta aus Italien Maultaschen und Kässpätzle gut findet, winken die Tunesier und Ägypter ab. Sie vermissen die intensiv gewürzten Speisen ihrer orientalischen Heimat. Gleich nach der Heimkehr wollen die Ägypter ihr geliebtes und vermisstes Koshari essen gehen. Ein einfaches Straßengericht, ähnlich wie Kebap, „nur besser“, wie sie versichern. Die „Geschmackskatastrophe“ für sie im Waldheim, da sind sich alle einig, war: gekochter Rotkohl.

Heute gibt es ein typisch schwäbisches Essen: Linsen, Spätzle, Saitenwürstchen. Die Jugendlichen tragen die Zutaten in einzelnen Schüsseln auf die Tische. Sehr genau begutachten sie die Speisen, riechen sie, kosten. „Gibt es Ketchup?“ fragen sie das Küchenteam. Spätzle mit Ketchup, das hätten sie gegessen. Doch die Linsen, die auch zur traditionellen Küche anderer Kulturen gehören, rühren nur die wenigsten an. Als eine aufgeschnittene Zitrone aus der Küche geholt und der Saft über die Linsen gepresst wird, essen ein paar mehr davon. Die Würstchen gehen am besten weg – sie sind von der Pute und so für arabische Kinder und Jugendliche „halal“, also rein.

Waldheim-Küche

Wie stellt sich die Waldheim-Küche auf solch unterschiedliche Geschmäcker ein? Renate Weyershaus arbeitet seit 30 Jahren als ehrenamtliche Helferin im Waldheim Feuerbach, oft als Küchenleiterin. Als sie in diesem Jahr hörte, dass Gäste aus anderen Kulturen dabei sein werden, dachte sie: „Na, das wird halt bissle exotischer.“ Als die jungen Leute dann da waren, stellte sie fest: Auch deren Appetit ist gut, die haben viel Bewegung und im Waldheim wenig Süßigkeiten. „Sonst kochen wir für 200 bis 300 Personen, dass es diesmal weniger waren, war nicht schlimm, wir haben kleinere Portionen gekocht“, sagt sie.

Dass Muslime aus Ägypten und Tunesien kamen, habe keine Aufregung im Küchenteam verursacht. „Wir haben auch im normalen Waldheim immer viele Kinder aus Stuttgarter muslimischen Familien“, sagt Renate Weyershaus. „Wir sind hier kein Robinson-Club“ hat Johannes Söhner den Gästen klar gemacht – und die haben sich auf ihre Weise gefügt.

Küchenteam

Küchenteam - Internationales Ferienwaldheim Stuttgart (Foto: Brigitte Jähnigen)

Ferienwaldheim - goes Video

Ohne Zweifel – die Stimmung ist gut. Auch wenn den jungen Teilnehmern manche Regel nicht einleuchtet. Als die Gruppe etwa vom Ferienwaldheim zum Aktivspielplatz geht, müssen alle brav im Gänsemarsch hintereinander am Straßenrand laufen. „Das ist komisch für uns, das würden wir zu Hause nie tun“, sagt Shada.

Spannend aber: Die Kinder werden gefilmt. Die 23-jährige Jana Heilig ist mit ihrer Videokamera-ausrüstung ins Lindentäle gekommen. Ihre Ausbildung zur Film- und Mediendesignerin hat sie beendet, die mediale Unterstützung im ersten Internationalen Ferienwaldheim ist ihr erster Auftrag. „Ich begleite alles mit der Kamera“, sagt sie und findet es „total cool“, dass sie jetzt „in vier Sprachen Bitte und Danke sagen“ kann. Ihre Aufnahmen möchte Johannes Söhner als Werbung nutzen. Der Waldheimferienleiter wirkt etwas erschöpft. „Die Kommunikation mit den Eltern ist anstrengend, wie oft habe ich mit den Müttern telefoniert, die wissen wollten, wie es ihren Kindern geht“, sagt er. Trotzdem ist Johannes Söhner begeistert von dem aufwendigen Projekt.

Mitarbeiterin Ferienwaldheim mit VideokameraMarta, Shada und die anderen sind inzwischen wieder zu Hause angekommen. Im Gepäck haben sie schöne Erinnerungen, Souvenirs aus Stuttgart, ein bisschen Kleidung und die bekannte quadratische Schokolade aus der Region. Einige von ihnen planen schon ein Wiedersehen mit Deutschland, auch Shada. Trotz mancher deutscher Eigentümlichkeiten, die sie in der Waldheimwoche kennengelernt hat. Die, sagt sie, werden sie nicht davon abbringen, eines Tages an einer deutschen Universität zu studieren.

 

 
Jana Heilig mit Videokamera (Foto: Brigitte Jähnigen)

■   Mehr Informationen zu den Ferienwaldheimen in Stuttgart: www.ferienwaldheime.de

 

 

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