Christliche Themen für jede Altersgruppe

Keine Segnung Homosexueller

Es war ein Sitzungsmarathon: Einen Tag lang dauerte in der Landessynode die Debatte um die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Am Ende wurde der Gesetz-Entwurf von der Synode abgelehnt: 62 Synodale  stimmten zwar dafür, doch das reichte nicht zur Zwei-Drittel-Mehrheit. Dafür hätten es zwei Ja-Stimmen mehr sein müssen. 


(Foto: epd-bild)

Als am 29. November um 9.53 Uhr Inge Schneider, die Präsidentin der Landessynode, das Ergebnis der Abstimmung verkündet, ist es im Paul-Lechler-Saal des Hospitalhofs in Stuttgart mucksmäuschenstill. Es reicht nicht: Zwei Stimmen fehlen zur erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit. Das „Kirchliche Gesetz zur Einführung einer Ordnung der Amtshandlung anlässlich der bürgerlichen Eheschließung zwischen zwei Personen gleichen Geschlechtes, der Begründung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft oder der Umwandlung einer Lebenspartnerschaft in eine Ehe“ ist gescheitert.

Auf der Zuschauertribüne fangen ein paar zu singen an: „We shall overcome“, das Protestlied der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Unten im Plenum stehen einige Synodale auf, manche singen mit. Auf Deutsch übersetzt: „Wir werden es überwinden.“ Zaghaft singen sie weiter, bis zur dritten Strophe „We’ll walk hand in hand“ („Wir gehen Hand in Hand“).

Inge Schneider könnte den Protest mit ihrer Glocke unterbinden, doch sie lässt das Singen zu. Später wird sie sagen, dass auch sie es bedauerlich findet, dass das Gesetz keine Zustimmung bekommen hat.

Nach dem Lied bittet der Gesprächskreis Offene Kirche um eine Unterbrechung der Sitzung. Die anderen stehen in Grüppchen zusammen. Auch bei der Lebendigen Gemeinde nur betretene Gesichter.
Aus Ernst-Wilhelm Gohl (Evangelium und Kirche) platzt es dann heraus. „Diese Entscheidung ist schlicht nicht nachvollziehbar. Die Bedenken der Lebendigen Gemeinde sind doch permanent eingearbeitet worden. Und die Gewissensfreiheit war immer gewahrt.“ Der Ulmer Dekan hat sich bis zur Pressekonferenz drei Stunden später immer noch nicht beruhigt. „Das ist ein bitterer Tag für die Synode und für homophile Paare.“

Die Debatte, ob es die Segnung homosexueller Paare künftig auch in Württemberg geben soll, dauert bereits einen ganzen Tag. Inge Schneider weiß, dass ihr eigener Gesprächskreis Lebendige Gemeinde mit dem Thema die größten Probleme hat. „Das Thema ist umstritten in der Landeskirche, wir wollen es deshalb sorgsam bearbeiten.“ Inge Schneider erinnert an den Studientag im Sommer. Ihre Feststellung klingt wie eine Mahnung: „Als Synode sind wir gemeinsam auf den Weg geschickt.“

Auf der Empore im Paul-Lechler-Saal waren tags zuvor vor Beginn der Debatte nur noch einzelne Plätze frei. Studierende der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg und von der Universität Tübingen sind gekommen. Dazwischen sitzen Männer und Frauen unterschiedlichen Alters – auch viele homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer. Bevor die Beilage 53 eingebracht wird, meldet sich Landesbischof Frank Otfried July zu Wort. Das kommt nur selten vor, deshalb hören alle aufmerksam zu. Dem Bischof geht es um die Einheit der Kirche. „Sie ist Einheit in Christus.“ Für homosexuelle Paare müsse ein Segen möglich sein. Schließlich seien sie Teil der Kirche. Er bedauert, dass es nach wie vor um dieses Thema einen heftigen Streit gibt. Aber eine Trauung lehnt er ab. Die Beilage 53 jedoch will genau das ermöglichen: Die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare. Die Offene Kirche wollte in der Trauordnung einen Absatz ändern: Das Wort „Ehe“ sollte ersetzt werden durch „Ehe von zwei Personen verschiedenen und gleichen Geschlechts oder eine eingetragene Lebenspartnerschaft.“

Der Entwurf geht den meisten zu weit. Kirche müsse nicht dem Zeitgeist hinterher rennen. „Wir sind eben auch Kirche“, sagt Dekan Werner Trick (Lebendige Gemeinde). Die Ehe von Mann und Frau sei grundlegend. Das sagen auch andere. Diskriminierung vermeiden will Dekan Hellger Koepff (Offene Kirche) und plädiert für die Trauung homosexueller Paare. Götz Kanzleiter (Kirche für morgen) gibt offen zu, dass er gegen den Antrag stimmt, weil er für den Kompromiss-Vorschlag ist, den der Oberkirchenrat einbringen wird.

Als dann noch Professor Jürgen Kampmann, der Vertreter von der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen, sagt, dass nach seiner Auffassung das Gesetz nicht beschlussfähig ist, ist klar, die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare wird abgelehnt.

Eine Trauung lehnen nicht nur Synodale der Lebendigen Gemeinde ab. Der Begriff Ehe gelte nur für die Verbindung zwischen Mann und Frau, sagt auch Ernst-Wilhelm Gohl (Evangelium und Kirche). Brigitte Lösch (Offene Kirche) bittet darum, ein Signal zu setzen und für das Gesetz zu stimmen, denn „die Liebe zwischen Homosexuellen ist so gleichwertig wie die Liebe zwischen Mann und Frau“.

Als der Jurist Michael Frisch vom Oberkirchenrat der Synode empfiehlt, den Antrag abzulehnen, ist das Publikum gespalten. Von einigen Zuhörern kommt Applaus. Unter den Studenten raunt es dagegen „tiefstes Mittelalter“. Es wird geheim abgestimmt. Für die Trauung stimmen gerade mal 36 Synodale – davon sind allein 32 Stimmen aus der Offenen Kirche.

Nun bringt Oberkirchenrat Frisch den Gesetz-Entwurf für die Segnung homosexueller Paare ein. Danach soll die Segnung eine von der Trauung klar unterschiedene Amtshandlung sein. Außerdem solle die Segnung eine Ausnahme bleiben. Doch eine Segnung kann es nur geben, wenn mindestens drei Viertel des Kirchengemeinderates dafür stimmen und auch der Pfarrer oder die Pfarrerin dafür sind.

Frisch hat hochgerechnet, dass es in Württemberg um die 75 Segnungen pro Jahr sein könnten. Der Vorsitzende des Theologischen Ausschusses, Karl Hardecker, sieht das Problem, dass dadurch Konflikte in die Gemeinden getragen werden. In seinem Ausschuss war das Gesetz umstritten. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Christian Heckel, sieht in der freien Entscheidung der Kirchengemeinden die Chance, verschiedenen Überzeugungen Raum zu geben.

„Die Lebendige Gemeinde kann sich dem Vorschlag nicht anschließen“, sagt Dekan Ralf Albrecht. Vieles an dem Gesetz-Entwurf sei gut: dass die Gewissensbindung gewahrt werde, dass die Ehe zwischen Mann und Frau eine besondere Wertschätzung genieße. Aber dass homosexuelle Paare in einem Gottesdienst und damit in einem öffentlichen Raum gesegnet werden sollen, das lehne die Lebendige Gemeinde ab. Und schließlich: Die Gemeinden dürften nicht mit den Fragen der Einführung einer neuen Kasualie befasst und belastet werden.

Elke Dangelmaier-Vincòn (Offene Kirche) machte deutlich: Sexuelle Orientierung kann nicht geändert werden. Der Gesetz-Entwurf gehe der Offenen Kirche zwar nicht weit genug. „Der Gesprächskreis stimmt aber dafür, weil wir wenigstens einen kleinen Fortschritt ermöglichen wollen.“
Ernst-Wilhelm Gohl (Evangelium und Kirche) ist der Entwurf zu wenig. Nach seiner Auffassung soll die Segnung keine Ausnahme, sondern die Regel sein. Dennoch werde sein Gesprächskreis dafür stimmen. Als gangbaren Weg bezeichnet Götz Kanzleiter (Kirche für Morgen) den Vorschlag. Viele Homosexuelle möchten ihre Identität nicht länger verleugnen.

Gesetze werden in der Synode in zwei Lesungen beschlossen. Das Gesetz nimmt zunächst die Hürde der einfachen Mehrheit. Zwischen erster und zweiter Lesung muss ein Tag liegen. Doch in der zweiten Lesung wird das Gesetz abgelehnt: Es fehlen genau zwei Stimmen für die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit. Der Schock ist groß. Der erste, der sich wieder fängt, ist der Landesbischof: „Fast zwei Drittel. Das ist doch ein starkes Votum und mir eine Verpflichtung, in der Sache weiterhin aktiv zu bleiben.“
„Gekämpft, gehofft und doch verloren“, sagt Martin Plümicke (Offene Kirche). Sein Gesprächskreis überlege eine Klage vor dem Verwaltungsgericht.

Nach der Geschäftsordnung der Sy­node kann über ein Gesetz nicht zweimal abgestimmt werden. Aber ob so schnell ein neues Gesetz erarbeitet  werden kann, scheint im Moment unwahrscheinlich.