Christliche Themen für jede Altersgruppe

Keine Zeit zu verlieren - Deutsches Institut für ärztliche Mission (Difäm)

TÜBINGEN – Gisela Schneider ist Direktorin des Deutschen Instituts für ärztliche Mission, kurz Difäm. Der Kampf gegen tödliche Infektionskrankheiten ist ihr vertraut. Jetzt tut sie alles dafür, dass im Kampf gegen Corona auch die armen Länder Afrikas nicht vergessen werden.

Erst mal Hände waschen: Die Difäm- Direktorin 2015 in Sierra Leone während der Ebola-Krise. Foto: DifämErst mal Hände waschen: Die Difäm- Direktorin 2015 in Sierra Leone während der Ebola-Krise. Foto: Difäm

Wie damals in Gambia soll es nicht wieder werden. Diese Erinnerung, treibt Gisela Schneider momentan besonders an als Direktorin des Difäm, des Deutschen Instituts für ärztliche Mission. In Tübingen ist es sichtbar durch seine Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus, weltweit engagiert sich das Difäm in wirtschaftlich schwächeren Ländern für Gesundheitsprojekte.

1984 kam Gisela Schneider als junge Ärztin in das westafrikanische Land Gambia, damals für das Missionswerk WEC International (Weltweiter Einsatz für Christus). Sie hatte die Leitung eines Krankenhauses übernommen und die Versorgung dort ausgebaut. „Damals hat man mit Briefen Medikamente in Europa bestellt. Wenn die nicht ankamen, hat man das erst sechs Wochen später gemerkt.“

Sie baute ein Gesundheitsprogramm mit einheimischen Helfern auf, brachte die Möglichkeiten der Medizin auch auf die Dörfer. Es ging aufwärts – aber dann sickerte aus Ostafrika Ende der 80er-Jahre eine neue Krankheit nach Gambia ein: HIV. Eine tödliche Krankheit. Palliativ war Gisela Schneider an der Seite der Kranken, aber mehr konnte sie nicht tun: „Es hat mir das Herz zerrissen, junge Leute in den Tod zu begleiten.“

Da war die alleinerziehende Mutter von fünf Kinder: „Sie ist weggestorben, die älteste Tochter war jetzt mit 14 Jahren verantwortlich für die Familie.“ Noch heute hat Schneider Kontakt zu ihnen. Sie hat diesen Tod auch deshalb so gut im Gedächtnis, weil er nicht hätte sein müssen.

Denn die westliche Welt hatte da schon die ersten Anti-HIV-Medikamente entwickelt. Nur waren sie so teuer, dass afrikanische Länder sie sich nicht leisten konnten. Im Jahr 1998 war Gisela Schneider auf einer Aids-Konferenz in Genf. „Da sind Tomaten geflogen auf die Vertreter der Pharmaindustrie.“ Aber die zeigten sich nur mäßig beeindruckt. Gisela Schneider hat noch das Angebot eines Pharma-Riesen im Ohr: „Wir geben euch eine Tablette umsonst für die Schwangeren. Dann könnt ihr wenigstens die Kinder retten.“

Erst als die Welthandelsorganisation auf einer weiteren Aids-Konferenz in Doha erklärte, Eigentumsrechte seien kein Grund, dass Menschen sterben, war der Weg frei für billige Generika. Und für das, was in der afrikanischen Helfer-Szene als Lazarus-Phänomen bekannt wurde: Todkranke wurden nach drei Monaten wieder gesund.

„Seit Mitte der 90er-Jahre wussten wir, wie man Aids behandeln kann, aber es hat fast zehn Jahre gedauert, bis die Medikamente auch dem Süden zur Verfügung standen. Das darf sich nicht wiederholen“, sagt Gisela Schneider. Gegen die Corona-Pandemie hat sich das Difäm von Anfang an engagiert. In Tübingen betreibt das Difäm die Fieberambulanz, vor allem aber versuchen die Mitarbeiter, ihre Partner weltweit zu unterstützen. Webinare überbrücken die gekappten persönlichen Kontakte, wenigstens digital kann das Difäm seine Partner weltweit schulen. Weil das Gesundheitssystem in ärmeren Ländern noch mehr an seine Grenzen kommt, hilft das Difäm auch direkt, hat mit der Unterstützung von „Brot für die Welt“ einen Corona-Fonds eingerichtet und schickt Schutzkleidung, Desinfektionsmittel, Infrarot-Thermometer, Pulsoxymeter, Sauerstoff-Konzentratoren. Sogar Lebensmittelpakete sendet das Difäm seinen Partnern.

Gisela Schneider bei einer Schulung im Kongo. Foto: DifämGisela Schneider bei einer Schulung im Kongo. Foto: Difäm

Das lindert Probleme – aber beseitigt Corona nicht. Gisela Schneider ist deshalb längst wieder in dem Kampf, den sie von HIV kennt: Um eine effektive Therapie. „Wir müssen die Welt impfen“, fordert sie deshalb unablässig. Das sieht zwar jeder ein. Doch auf dem Impf-Markt sichern sich erst mal die reichen Staaten die knappen Ressourcen. Die produzierenden Pharma-Unternehmen pochen auf ihre Patente.

Das darf nicht sein, sagt Gisela Schneider: „Die Impfstoffe sind auch durch massive öffentliche Förderung entwickelt worden. Deshalb muss sofort weltweit die Produktion hochgefahren werden. Wir können nicht 20 Jahre warten, bis Medikamente aus dem Patentschutz heraus sind.“ In den USA hat Präsident Biden ein Gesetz aus den Kriegszeiten reaktiviert und einen Pharma-Konzern gezwungen, seine Produktion auf Impfstoffe umzustellen: „Wo es uns selber trifft, wagen wir solche Eingriffe.“

Dabei liege es doch im weitergehenden Interesse der reichen Länder, ärmeren Ländern das Impfen zu ermöglichen. Corona ist dort zwar nicht so tödlich, weil die Menschen meist jünger sind, aber Corona tötet auf andere Weise: „Lieferketten sind unterbrochen, so dass die Menschen an fehlenden Masernimpfungen sterben. Die HIV-Tests sind zurückgegangen. Ich habe die Sorge, dass das, was im Aufbau eines Gesundheitswesens schon erreicht wurde, durch Corona in Gefahr kommt.“

Die Lockdowns lassen die schon schwachen Volkswirtschaften zusammenbrechen: „Am Ende werden mehr Menschen am Hunger sterben als an Corona. Weltweit leiden die Ärmsten am meisten.“ Das könne zu politischer Instabilität führen, mit Folgen auch für die reichen Länder, etwa zunehmender Migration. Klingt logisch. Aber welchen Konzern werden Forderung von einem Tübinger Schreibtisch beeindrucken? Das Difäm ist als Verein organisiert, hat kein öffentliches Mandat.

Aber es hat eine entschlossene und unerschrockene Direktorin. Als im Kongo der Bürgerkrieg tobte, schaute Gisela Schneider persönlich bei den christlichen Krankenhäusern vorbei. War das nicht zu riskant? Gisela Schneider macht nicht viel Aufhebens: „Ich habe ja westafrikanische Sprachen gelernt. Das gibt eine Basis, um zu verstehen, wie die Kulturen funktionieren.“

Ungerechtigkeit schafft Energie - positive Kraft die Veränderung schafft

Als 2014 Ebola ausbrach und jeder Europäer sich schleunigst vom Acker machte, flog Gisela Schäfer nach Liberia und Sierra Leone: „Wir haben uns gesagt, wir schauen uns mal um, wie wir Lösungen finden, die lokalen Krankenhäuser zu stärken.“ Angst vor Ansteckung? „Wir waren immer normal zivil gekleidet. Ebola wird ja nicht durch die Luft übertragen. Nur bei Kontakt mit Patienten waren wir geschützt.“

Mit den Leuten reden ist ein Prinzip von Gisela Schneider, die auf ein großes Netzwerk baut. Eine Skizze im Difäm-Besprechungsraum zeigt die vielen Verknüpfungen, etwa bis zu Venro, einem Verband deutscher Nichtregierungs-Organisationen. Im Beratungsgremium der Bundesregierung für globale Gerechtigkeit war Gisela Schneider auch schon. Die Bundeskanzlerin hat bereits Post von Gisela Schneider bekommen, die Pharma-Unternehmen Biontech und Curevac ebenfalls.

In Burkina Faso werden medizinische Hilfsgüter verteilt. Foto: DifämIn Burkina Faso werden medizinische Hilfsgüter verteilt. Foto: Difäm

Das Difäm bietet sich als Scharnier zwischen reicher und armer Welt an: „Wir haben die Kontakte in den Ländern, wir wissen, wo man was ändern kann.“ Dabei macht sich Gisela Schneider nichts vor. „Klar, man braucht einen langen Atem. Aber ich mach das ja auch schon lange.“ Mit unverminderter Motivation: „Ungerechtigkeit schafft auch Energie.“ Aber keine destruktive: „Wut macht krank. Ich setze das lieber in positive Aktion um: Wo kann man was ändern?“

Sie wird in ihrem Kampf um Gerechtigkeit bei der Patientenversorgung nicht nachlassen: „Der christliche Glaube gibt mir die Grundlage dazu: Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Ich habe erlebt, dass Menschen ein neues Leben geschenkt bekommen.“ Kürzlich ging eine Impfstoff-Sendung nach Ghana. „Es tut sich was. Man muss dran bleiben.“ □

◼ Einen Überblick über die Arbeit gibt es unter www.difaem.de

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