Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kinder der Shoah - Pieces of Memory

Die Zeitzeugen des Holocaust werden weniger. Junge Erwachsene aus Israel und aus Württemberg haben in einem gemeinsamen Projekt deshalb Interviews mit Überlebenden geführt und in Archiven geforscht. So sind 32 eindrucksvolle Biografien entstanden.

Junge Forscher aus Israel und Deutschland beim Besuch in Tübingen. Foto: Projekt Pieces of MemoryJunge Forscher aus Israel und Deutschland beim Besuch in Tübingen. Foto: Projekt Pieces of Memory

Die einen waren jung, die anderen sind jung. Was sie trennt, ist nicht nur das Alter. Sondern vor allem die Erfahrung ihrer Jugend. Heutige Jugendliche in demokratischen Ländern führen meistens ein sehr freies, selbstbestimmtes Leben. Wie Amelie Grupp, Ariel Koriat, Jule Henninger, Hila Shaher. Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland und Israel. Ganz anders Miriam Harel und Tammy Lavi. Als sie jung waren, brach Deutschlands mörderischer Rassenwahn in ihre Welt. Wie war ihre Kindheit? Wie haben sie sie erlebt, was haben sie da getan? Das wollten 20 junge Menschen aus Deutschland und Israel wissen. Sie waren nicht unvorbereitet. Es sind Jugendguides, die sich schon länger mit dem Holocaust und der Erinnerung an ihn beschäftigt haben. Amelie Grupp arbeitet in der KZ-Gedenkstätte Bisingen, Hila Shaher unterstützt das Archiv von Shavei Zion, einer Siedlung, die von geflüchteten Jüdinnen und Juden gegründet wurde, Ariel Koriat ist beteiligt am Holocaust Studies Programm des Western Galilee College in Akko, Jule Henninger engagiert sich in der Jungen Geschichtswissenschaft Tübingen.

Virtuelle Gedenkstätte

Zwei Probleme stellten sich ihrem Forscherdrang entgegen. „Holocaust-Überlebende werden leider von Tag zu Tag weniger“, sagt Ariel Koriat. Und wie sollte das Vorhaben (das dann auch noch in die Corona-Zeit fiel) praktisch umgesetzt werden? Hier setzte ein gemeinsames israelisch-deutsches Projekt an, initiiert vom Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb, dem Holocaust Studies Programm und dem Ghetto Fighters’ House Museum in der Nähe von Akko.

Dieses Projekt hat eine virtuelle Gedenkstätte geschaffen: Die Website „Pieces of Memory: Children in the Shoah and us“, zu deutsch „Erinnerungsstücke: Kinder der Shoah und wir“ – insgesamt sind das 840 Seiten mit 500 Fotos. Die jungen Leute haben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen interviewt und Archive durchforscht, Literatur gelesen, Bilddokumente recherchiert – und so 32 Biografien zusammengestellt. „Das schreibt sich leicht hin“, sagt Heinz Högerle vom Gedenkstättenverbund. „Es stecken aber Berge von Arbeit und Problemen dahinter, die bewältigt und gelöst werden mussten.“

Im Zuge dieser Forschungen kamen etliche neue Dokumente oder Fotos ans Licht, außerdem erzählten die Interviewten so viel wie bisher noch nie in ihrem Leben. Wenn man weiß, dass mittlerweile drei Befragte gestorben sind, kann man schon sagen: in letzter Minute.

Es sind beeindruckende Rekonstruktionen. Wie die des Lebens von Tammy Lavi. So seltsam es klingt: Ihre Erinnerungen an die Zeit des Holocaust sind sehr friedlich. Vier, fünf Jahre alt war sie da, im Gedächtnis tauchen Frauen in langen Gewändern auf, die immer lächelten und sie umarmten. Nach dem Krieg werden Stationen greifbarer: Eine polnische Pflegefamilie, ein polnisches Waisenhaus, und schließlich, da ist sie zehn, eine Frau, die sich als ihre Mutter vorstellt und sie nach Israel bringt. Aber Tammy Lavi merkt bald, dass die sehr strenge Frau sehr seltsam für eine Mutter ist.

Sie sucht, forscht, fragt nach – und enträtselt über die Jahre ihre wahre Herkunft aus einer im Holocaust fast komplett ermordeten Familie. Auch über ihre wahre Mutter, die es kurz vor ihrer Deportation noch schaffte, ihr Kleinkind in ein katholisches Kloster zu schmuggeln – erst 40 Jahre später hat Tammy Lavi dieses Kloster und die Nonnen wiedergesehen. Tammy Lavis Biografie zeigt: Auch den Überlebenden war zunächst ihr Leben genommen – und sie zeigt, welcher Mühen es bedurfte, es wiederzugewinnen.

Foto: Projekt Pieces of MemoryFoto: Projekt Pieces of MemoryMiriam Harel beim Interview und als junge Frau. Fotos: Projekt Pieces of Memory

Miriam Harel dagegen blickte dem Tod direkt ins Auge, in Auschwitz stand sie vor Josef Mengele. Er schickte sie nicht in die Gaskammer, sondern zur Schwerstarbeit – ein gängiger Weg in den Tod, aber Miriam Harel überlebte bis zur Befreiung durch die Amerikaner.

Sich solche Schicksale berichten zu lassen, war nicht einfach. „Ja, das Reden war erstmal sehr besonders für mich, weil ich noch nie mit einem Zeitzeugen geredet hatte – das ist auch nichts Alltägliches“, sagt Amelie Grupp. „Das muss man erstmal verarbeiten, weil es ist ja nichts Leichtes, was da erzählt wird.“

Ein neues Fenster geöffnet

Jule Henninger ging es genauso. Sie, schon ziemlich erfahren, war die Projektmanagerin: „Ich hatte eigentlich die Rolle der begleitenden Person, aber selbst ich war sehr aufgeregt. Das war auch für mich ein schwieriger Schritt, dass man gerade von dieser Geschichte wirklich berührt wird – aber auch ein total schöner.“

Ariel Koriat möchte die Begegnungen nicht missen: „Die Möglichkeit, eins zu eins einem Holocaust-Überlebenden gegenüber zu sitzen und seine Geschichte zu hören, seine Gesichtsausdrücke zu sehen, das Leben durch seine Augen zu sehen. Diese Erfahrungen sind einfach erstaunlich, man sieht die Welt völlig anders. Heute bin ich Vater und sehe plötzlich eine andere Perspektive, auch als Erzieher von Kindern.“

Und noch etwas war wichtig an diesem Projekt: Die israelisch-deutsche Zusammenarbeit, zu der ein Besuch der israelischen Gruppe in Deutschland gehörte (Corona verhinderte den Gegenbesuch). „Es hat ein neues Fenster geöffnet, nämlich die deutsche Seite kennenzulernen“, sagt Anat Ann-Eli.

Oder die israelische: Dort, ist Jule Henninger aufgefallen, „wird im Familiären darüber gesprochen, in Deutschland ist immer noch sehr viel stärker eine Verdrängungspraxis. Bei uns ist Erinnerungskultur sehr viel zeremonieller.“ Das zu ändern – auch dafür ist „Pieces of Memory“ angetreten. □

Zoomkonferenzen waren Teil des Austausch. Foto: Projekt Pieces of Memory

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Träger des Projekts

Das Ghetto Fighters’ House Museum und das Holocaust Studies Programm des Western Galilee College in Israel sowie der Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb haben das Projekt gemeinsam organisiert.Es wurde von der Stiftung EVZ und dem Auswärtigen Amt sowie vom Stuttgarter Lehrhaus gefördert.

Die 32 Biografien sind zu finden unter www.piecesofmemory.com

www. piecesof memory.de