Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kindheit auf dem Bauernhof

BRACKENHEIM-BOTENHEIM – Wenn Ulrike Siegel innehält und darüber nachdenkt, was in den vergangenen 15 Jahren aus einer kleinen Idee entstanden ist, ist die 57-Jährige immer noch erstaunt. „Es hat mein Leben komplett verändert“, sagt die Stockheimerin. Damals erschien ihr erstes Buch, in dem Bauerntöchter aus ihrem Leben erzählen. Die Veröffentlichung hat Spuren hinterlassen.


Wie bei einem Klassentreffen tauschen sich die Bauerntöchter über ihr Leben aus. (Foto: Stefanie Pfäffle)

Es hat etwas von einem Klassentreffen. Überall wird geschnattert, sich ausgetauscht und vom eigenen Leben berichtet. Dabei sind die über 30 Frauen, die an diesem Vormittag auf dem elterlichen Hof von Ulrike Siegel in Brackenheim-Botenheim stehen – er wird inzwischen von ihrer Schwester Martina Wein betrieben – nicht zusammen aufgewachsen. Die meisten kennen sich sogar erst seit wenigen Jahren. Doch eine Gemeinsamkeit verbindet sie tief – die Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in den 1960er- und 70er-Jahren.

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Einmal im Jahr versammeln sich die Frauen zu einem Bauerntöchtertreffen irgendwo in Deutschland. Oder sogar darüber hinaus, denn eine von ihnen lebt inzwischen in Portugal und dort soll es nächstes Jahr hingehen. „Ich habe schon bei unserem ersten Treffen sofort das Gefühl gehabt, dass unsere gemeinsamen Erfahrungen eine erstaunliche Nähe erzeugen“, sagt Greta Wüppen-Schneider aus Bielefeld.

Schon als kleines Mädchen stellt Ulrike Siegel fest, dass ihr Leben irgendwie anders ist als das ihrer Schulkameraden. „Die mussten nicht zu Hause helfen, sondern konnten ins Freibad gehen und Urlaub war für uns Bauernkinder undenkbar“, erinnert sie sich.

Als ihre Mutter stirbt, ist es für sie als älteste Schwester klar, dass sie hilft, damit es auf dem Hof weiter geht. 14 Jahre wird sie bleiben, dabei zwei Meistertitel in Landwirtschaft und ländlicher Hauswirtschaft erwerben. Dann steht fest, dass ihre Schwester den Betrieb übernehmen wird. Mit 30 Jahren entschließt sich Ulrike Siegel, Agrarwissenschaften zu studieren.

2003 wird sie Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg (bis 2015) und nutzt das große Netzwerk, um ihre Idee umzusetzen. „Ich wollte ein reales Bild von der Landwirtschaft vermitteln“, erzählt sie. Viele Autorinnen kennt sie persönlich über das Bauernwerk. Dann sei ganz schnell die Diskussion aufgekommen, ob die Erfahrungen etwas mit der süddeutschen, kleinteiligen Agrarlandschaft zu tun haben. Also inseriert Ulrike Siegel in landwirtschaftlichen Magazinen und in der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Sie wird mit Zuschriften überhäuft, den Begriff Bauerntöchter scheinen viele auf sich zu beziehen. Ein zweiter Band aus Norddeutschland und ein dritter mit Geschichten aus dem Osten entstehen. 70 Autorinnen bilden ein Netzwerk über ganz Deutschland und darüber hinaus. „Über die hab ich auch all die anderen Autoren gefunden“, sagt Siegel und strahlt. Bauernsöhne berichten genauso wie Frauen, die einen Landwirt geheiratet haben, und die Töchter interviewen ihre Mütter. Auch die, die ihren Hof verlassen haben, kommen zu Wort. „Das war eigentlich am schwierigsten.“

Auch, weil Ulrike Siegel inzwischen weiß, dass die eigentlich geplante Anonymität längst nicht so gut funktioniert wie gedacht. Ursprünglich waren die Beiträge nämlich nur mit Vorname, Beruf und Bundesland beschriftet, damit die Frauen ganz offen, manchmal auch schonungslos erzählen können. „Aber sie wurden trotzdem erkannt.“ Schon beim zweiten Buch warnt sie vor. „Wenn was nicht bekannt werden soll, schreibt es nicht rein.“

Der Kontakt hält über die Jahre immer an, wegen der Treffen, aber auch, weil Siegel mit ihren Mitautorinnen immer wieder zu Lesungen angefragt wird. „Immer, wenn eine Reportage von 3sat, die vor Jahren gedreht wurde, ausgestrahlt wird, kommen Anfragen.“

Ulrike Siegel, die seit neun Jahren in Brackenheim-Stockheim lebt, arbeitet für einen Gemüsebetrieb und macht die Pressearbeit für eine Schüleraustauschorganisation. Ihr Leben hat sich durch die Bauerntöchter komplett verändert, aber es sei alles gut so, wie es gelaufen ist. Auch die Tatsache, dass sie eben nicht mehr ihren eigenen Hof hat. „Wenn irgendwo das Heu gemacht wird, muss ich zwar manchmal schon tief durchatmen, aber wenn ich am Sonntagmorgen nicht melken muss, finde ich das auch gut“, gibt sie augenzwinkernd zu.

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