Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kirche im Zwiespalt

Im Nationalsozialismus wurden evangelische Pfarrer jüdischer Herkunft verfolgt und aus dem Amt gedrängt. Einige gingen ins Ausland, manche gingen nach Württemberg, andere kamen in Konzentrationslager. Ein Gedenkbuch erinnert an sie. Auf den folgenden Seiten lesen Sie Beispiele. 


Ausschnitt Titel Evangelisches Gemeindeblatt 38/2015


Vom Zeitgeist bestimmt waren auch die Kirchen und ihre Leiter. Nachdem 1933 das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (siehe Seite 6) eingeführt worden war, mussten alle, die Beamte werden wollten, den Arier-Nachweis erbringen. Auch Pfarrer waren Beamte. Sollte der Paragraf 3, der so genannte „Arierparagraf“, auch auf die Kirche Anwendung finden? Das war in der Deutschen Evangelischen Kirche umstritten. Eine Verordnung zum Gesetz besagte zwar, dass dieser Paragraf auf Religionsgemeinschaften nicht gelten sollte. Doch die „Deutschen Christen“, eine evangelische Vereinigung, die den Protestantismus an den Nationalsozialismus anzugleichen versuchte, wollten, dass der Paragraf bei Pfarrern zur Anwendung kommt und sogar alle Kirchenmitglieder betreffen sollte.

In den Kirchen von Schleswig-Holstein, Braunschweig, Nassau-Hessen, Thüringen, Mecklenburg, Sachsen und Lübeck hatten die Deutschen Christen die Macht. Sie setzten den Arierparagrafen um und versetzten Pfarrer mit jüdischen Wurzeln in den Ruhestand. Die württembergische Landeskirche führte den Paragrafen nicht ein. Gleichwohl musste, wer in Tübingen Theologie studieren und im Stift wohnen wollte, den Arier-Nachweis erbringen, weil dies das Kultusministerium so verlangte. Es gab außerdem Studenten, die zwar die Erste Theologische Dienstprüfung beziehungsweise das Fakultätsexamen abgelegt hatten, aber nicht in den unständigen Pfarrdienst übernommen wurden. Begründung: Die „Nichtarier“ dürften wegen des Arierparagrafen in den staatlichen Schulen keinen Religionsunterricht erteilen. Und der gehörte zu den Aufgaben eines Pfarrers. Andererseits sorgte der Oberkirchenrat dafür, dass die Betroffenen, wie Fritz Majer-Leonhard (Seite 6), Arbeitsstellen in anderen Bereichen bekamen.

Für den württembergischen Landesbischof Theophil Wurm, der sich gegen die Tötung geistig Behinderter in Grafeneck erfolgreich zur Wehr gesetzt hatte, war die Judenfrage hingegen ein Randthema. So sagte er 1937 in der Stuttgarter Stiftskirche: „Unsere evangelische Kirche ist judenreiner als irgend eine andere Organisation. Auf tausend Pfarrer in Deutschland kommen drei Nichtarier. Die württembergische Landeskirche gehört zu denen, deren Pfarrstand überhaupt keinen Semiten aufweist.“ Das habe, so beschreibt es Eberhard Röhm, auch damit zu tun gehabt, dass in Württemberg seit der Reformation Juden weitestgehend nicht geduldet waren. Die Landeskirche nahm mehrere Jahre lang keinen Pfarrer mit jüdischen Wurzeln aus einer anderen Landeskirche auf. Das änderte sich erst 1942. Von da an wurden Theologen, die „Mischlinge zweiten oder ersten Grades“ waren, in den württembergischen Pfarrdienst aufgenommen. So beispielsweise Alfred und Helmut Goetze aus Braunschweig, Vater und Sohn. Sohn Helmut wurde Pfarrer in Allmersbach im Tal. Als er an die Ostfront berufen wurde, übernahm sein Vater die Stelle. Helmut fiel, Alfred wurde ständiger Pfarrer und blieb es bis 1953 (Seiten 6 und 7).

Insgesamt gab es um die 300?000 evangelische Christen mit jüdischen Wurzeln, schätzt Eberhard Röhm, und mindestens 180 von ihnen waren Theologen, eher mehr. Man kann ihre Schicksale nicht verallgemeinern, doch Betroffene hatten es schwer. Wenn sie als Pfarrer nicht schon in den Ruhestand versetzt worden waren, kam beispielsweise die Frage auf, ob ein „solcher“ Pfarrer Arier trauen, taufen oder beerdigen dürfe.

Als Gegengewicht zu den „Deutschen Christen“ wurde 1933 der „Pfarrernotbund“ gegründet, die Wurzel der „Bekennenden Kirche“. Der „Pfarrernotbund“ gab den Pfarrern, die sich gegen die „Deutschen Christen“ wehrten, Geld. Zwar hatten sich die Mitglieder in einer Verpflichtung darauf geeinigt, dass der Arierparagraf im Widerspruch zur Lehre der Kirche steht. Allerdings habe sich, so Eberhard Röhm, der „Pfarrernotbund“ nie zu den Pfarrern mit jüdischen Wurzeln geäußert. Auch die ein Jahr später gegründete „Bekennende Kirche“ überging den Arierparagrafen in ihren Beschlüssen und Bekenntnissen. Innerhalb der „Bekennenden Kirche“ war das Thema umstritten. Dietrich Bonhoeffer forderte beispielsweise alle Pfarrer auf, ihre Ämter niederzulegen, sollte in ihrer Kirche der Paragraf eingeführt werden. Martin Niemöller hingegen war der Meinung „dass wir von den Amtsträgern jüdischer Abstammung heute um der herrschenden ‚Schwachheit‘ willen erwarten dürfen, dass sie sich die gebotene Zurückhaltung auferlegen, damit kein Ärgernis gegeben wird. Es wird nicht wohlgetan sein, wenn heute ein Pfarrer nichtarischer Abstammung ein Amt im Kirchenregiment oder eine besonders hervortretende Stellung in der Volksmission einnimmt.“

Auch nach der Verabschiedung der „Nürnberger Gesetze“ (Seite 7) 1935 schwieg die „Bekennende Kirche“. Sie beschloss zwar, auch weiterhin Juden zu taufen, ließ diese Menschen aber zunächst alleine, wenn sie verfolgt wurden. Ausreisewillige Pfarrer und Christen jüdischer Herkunft bekamen zunächst ihre Hilfe nicht von der „Bekennenden Kirche“, sondern aus dem Ausland: Vom Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen. Erst nach der Reichspogromnacht im November 1938 gründete die Bekennende Kirche das „Büro Pfarrer Grüber“: Pfarrer Heinrich Grüber leitete eine Hilfsstelle, die die Auswanderung von Christen jüdischer Herkunft vorbereitete und ihnen bei der Ausreise half. Bis das Büro von den Nazis nach nur zwei Jahren geschlossen wurde, konnte es 1700 bis 2000 Betroffene im Ausland unterbringen, darunter auch 31 bis 35 Theologen.

Pfarrer, die zur Wehrmacht eingezogen wurden oder sich freiwillig gemeldet hatten, glaubten, im Heer vor Verfolgung geschützt zu sein. Das funktionierte bis Ende 1942/Anfang 1943. Danach wurden sie als wehrunfähig eingestuft und suspendiert. Pfarrer jüdischer Herkunft  wurden nach der Pogromnacht oft in Konzentrationslager verschleppt. Sie kamen nur frei, wenn sie ein Visum für ein anderes Land hatten. Andere wurden ab 1944 zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Überlebende Pfarrer jüdischer Herkunft hatten es in Deutschland auch nach dem Krieg schwer: Niemand wollte von Opfern der Judenverfolgung hören, Christen jüdischer Herkunft waren in Kirche und Gesellschaft isoliert.

Damit diese Pfarrer nicht vergessen werden, haben Eberhard Röhm und Hartmut Ludwig in Zusammenarbeit mit dem Theologie-Professor Jörg Thierfelder den Pfarrern jüdischer Herkunft ein Gedenkbuch gewidmet. Sieben Jahre lang haben sie recherchiert und geschrieben. Dabei kam ihnen zugute, dass Thierfelder  mit Röhm bereits in den 1980er-Jahren durch Deutschland gereist war und die Archive besuchte: Sie konzipierten damals eine Ausstellung der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema „Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ in Berlin.

Schon damals sind Röhm und Thierfelder Schicksale von evangelischen Pfarrern mit jüdischen Wurzeln begegnet. Doch zunächst hatten die beiden eine ganz andere Publikation im Kopf: Sie wollten untersuchen, wie sich das Verhältnis zwischen Juden und Christen während der Zeit des Nationalsozialismus entwickelt hatte. Aus dem geplanten Band mit 200 Seiten wurden sieben Bände mit im Schnitt 450 Seiten, der dickste umfasst 770. Als das Werk nach 17 Jahren beendet war, kamen Röhm und Thierfelder auf die Idee, ein Gedenkbuch über die evangelischen Pfarrer mit jüdischen Wurzeln zu schreiben. Doch wo beginnen, wo aufhören? Röhm und Thierfelder berichten nicht nur über  Pfarrer, sondern auch über Theologen, die erst nach dem Krieg Pfarrer wurden.

Eberhard Röhm und Jörg Thierfelder holten Hartmut Ludwig von der Humboldt-Universität in Berlin ins Herausgeber-Team. Ludwig hatte über das „Büro Grüber“ habilitiert. Die erste Liste für das Gedenkbuch enthielt 80 Namen, sie war von Fritz Majer-Leonhard. Der Rest kam von Hartmut Ludwig und aus den Archiven, die Thierfelder und Röhm in den 1980er-Jahren besucht hatten. Aus 180 geplanten Seiten wurden knapp 500.

Eberhard Röhm und Jörg Thierfelder stellen Schicksale von Theologen jüdischer Herkunft in der Zeit des Nationalsozialismus vor im Stuttgarter Hospitalhof: 17. November, 19 Uhr. 

Mehr über die evangelische Kirche im Nationalsozialismus: www.evangelischer-widerstand.de

Eberhard Röhm, Hartmut Ludwig
Evangelisch getauft,
als "Juden" verfolgt

Calwer Vlg.
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