Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kirche in der Zeitenwende

Wie soll evangelische Friedensethik künftig aussehen? Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar wird darüber in der Evangelischen Kirche in Deutschland diskutiert und teils auch gestritten. Stimmen aus der Debatte.

Verschiedene Positionen: Margot Käßmann, Joachim Liebig, Hans Michael Heinig (oben von links), Friedrich Kramer, Annette Kurschus, Bernhard Felmberg (unten von links).
Fotos: epd-bild/Jens Schulze (2), epd-bild/ Christian Ditsch (2), epd-bild/Jens Schlueter, epd-bild/Matthias Rietschel


Man tritt Friedrich Kramer sicher nicht zu nahe, wenn man annimmt, dass er sich sein neues Ehrenamt anders vorgestellt hat. Am 29. Januar hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland den Bischof der Landeskirche in Mitteldeutschland zum neuen EKD-Friedensbeauftragten ernannt. Die kirchliche Friedensarbeit stärken und sie nach außen repräsentieren, so sein Auftrag. Keine Position, wo man auf viel Widerstand stoßen sollte. Hätte man meinen können. Damals.

Dann kam der 24. Februar. Wladimir Putins Truppen überfielen die Ukraine. Und Friedensbeauftragter ist auf einmal eine randständige Position. So sagte der frühere Bevollmächtigte der EKD bei der Bundesregierung, Martin Dutzmann, dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Der Rat der EKD hat eine klare Haltung, was das Recht auf Selbstverteidigung der Ukraine angeht. Das gilt auch für den Zusammenschluss der Landeskirchen, mit wenigen Ausnahmen. Es sind einzelne Personen, die sich anders äußern.“

Wie Friedrich Kramer. Der hatte in der Online-Ausgabe des Magazins „Zeitzeichen“ vom 1. März Waffenlieferungen an die Ukraine kritisiert: „Je lauter die medialen Kriegstrommeln geschlagen werden, desto mehr sind wir als Kirche gefordert, die Stimme des Friedens zu erheben und den anderen nicht zum Feind zu erklären.“ Einige Tage später bekräftigte er seine Position: „Die christliche Botschaft von der Gewaltlosigkeit ist zentral für unsere friedens-ethische Position und als mahnende Position für unsere Gesellschaft unerlässlich.“ Einen Monat später in einer Online-Diskussion erklärte Kramer: „Es braucht jetzt den klaren Ruf zum Frieden, zur waffenlosen Friedensstiftung, auch seitens der Kirche.“ Kritik übte Kramer am Begriff „Zeitenwende“ und am 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr.

Mahnende Position für Gesellschaft

 

Ähnlich wie Kramer sehen es inzwischen nur noch wenige in der EKD. Vor allem eine, die aus den offiziellen Strukturen draußen ist. Für Margot Käßmann ist der Ukraine-Krieg keine „Zeitenwende“. Gegenüber dem Magazin „Zeitzeichen“ sagte sie im Mai: „Nein, wir brauchen keine neue Friedensethik.“ In Syrien oder im Jemen sei seit Jahren Krieg. „Was jetzt als anders oder gar neu empfunden wird, ist die Brutalität des Angriffskrieges und die Nähe zu unseren Grenzen. Doch die ethischen Grundsätze ändern sich deshalb nicht.“ Und der „Rheinischen Post“ sagte sie Anfang Juni: „Wer jetzt gegen schwere Waffen ist, wird als ‚Lumpen-Pazifist‘ oder ‚fünfte Kolonne Putins‘ diffamiert. Das kann ich nicht hinnehmen.“ Es sei im Moment sehr schwer, Pazifistin zu bleiben. „Ich tue es aber. Aus Überzeugung.“

Eine gänzlich andere Position innerhalb der EKD vertritt der Kirchenrechts-Professor Hans Michael Heinig. Er betonte in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 4. Juli: „Eine kirchliche Friedensethik tut gut daran, die realen Machtverhältnisse zur Kenntnis zu nehmen.“ Eine Ethik, die den „gerechten Frieden“ postuliere, aber „zum ungerechten Frieden, der in Massenmord, Folter, Vergewaltigung und kultureller Auslöschung eines Volkes mündet, nichts Substantielles mehr zu sagen weiß, muss sich die Frage gefallen lassen, wie sie es mit dem ansonsten postulierten ‚Vorrang‘ für die Schwächsten und Verletzlichsten hält“. Bereits im April hatte Heinig die Auffassung, man möge lieber auf rechtserhaltende Gewalt verzichten, polemisch als „Ponyhof-Theologie“ bezeichnet. Auch die EKD-Friedensdenkschrift von 2007 liefere heute „kaum sinnvolle Antworten“ mehr.

Im Ton weniger polemisch, aber in der Sache ähnlich argumentiert der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg. In manchen Teilen der Kirche sei die Friedensdiskussion in den vergangenen Jahren zu „naiv“ verlaufen. „Manche idealistischen Vorstellungen müssen sich an der Realität dessen, was jetzt als Aggressionskrieg geschieht, messen lassen“, sagte er Ende Mai. So etwa die Vorstellung, jeder Krieg könne allein mit zivilen Mitteln gelöst werden. Im Gegensatz zu Heinig nennt Felmberg die Denkschrift von 2007 aber weiterhin eine „gute Grundlage“.

Vorwurf der „Ponyhof Theologie“

 

Keine Zeitenwende – oder Zeit für eine neue Friedensethik? Der größte Teil der Stellungnahmen leitender Geistlicher liegt irgendwo dazwischen. Das gilt auch für die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus. Die Ukrainer hätten ein Recht sich zu verteidigen, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe Anfang März:„Wer bin ich, ihnen ins Gesicht zu sagen, sie sollten dazu Pflugscharen benutzen.“ Indes gelte für sie: „Ich setze weiterhin auf Diplomatie und möglichst wenig Waffen.“ Dem epd sagte Kuschus: „Ich bin nicht der Meinung, wir müssten jetzt unsere gesamte Friedensethik über den Haufen werfen. Wir sollten sie aber einer kritischen Prüfung unterziehen und neu diskutieren.“

Wie aber soll sie aussehen, die künftige Friedensethik? Vermutlich wird sie die Waffengewalt als „ultima ratio“, als letztes Mittel, mehr betonen als bisher. So auch die Meinung von Kurschus in einem Interview mit dem „Weser-Kurier“ im April: „Wir sehen jetzt: Dieser für uns friedliebende Christen schwierige und unangenehme Gedanke muss weitergedacht und neu befragt werden.“ Und: „Unsere Friedensethik darf nicht zu einer steilen Ideologie werden, die wir anderen vorhalten, um selbst edel und gut zu bleiben.“

Einig sind sich die meisten, auch die Befürworter von Waffenlieferungen, dass es aus dem Dilemma der Kirche keinen Ausweg gibt, bei dem man ohne Schuld bleibt. „Ein radikal pazifistisches Votum birgt ebenso schuldhaftes Versagen in sich, wie das Zugeständnis letztlich militärischer Gewalt zur Selbstverteidigung“, sagte etwa der Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig. Die evangelische Friedensethik sei biblisch begründet, beantworte aber nicht die Frage nach einem legitimen Selbstverteidigungsrecht: „Wer gerade in diesen Zeiten einfache Schwarz-Weiß-Lösungen fordert und anbietet, wird unter keinen Umständen einer sehr komplexen Situation gerecht.“

Liebig richtet die konkrete Forderung an den Friedensbeauftragten Kramer, eine biblisch begründete Friedensethik vorzulegen, die an der Realität zu überprüfen sei. Die Debatte, sie geht also weiter. Der Krieg auch. Mit Material von epd □

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