Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kirchenmusik kommt an

In diesen Tagen feiert die Stuttgarter Kantorei ihr 25-jähriges Bestehen. Anlass, einmal zu schauen, welche Entwicklungen es in der Kirchenmusik in Württemberg gibt. Ein Streifzug durch Ulm, Nürtingen, Tübingen und natürlich durch Stuttgart, wo das Geburtstagskind zu Hause ist. 

Ingo Bredenbach. (Foto: Brigitte Jähnigen)


Kaum vorstellbar, dass die Rolle der Kirchenmusik in Kirchen früherer Jahrhunderte eine wesentlich reduziertere Rolle spielte, als wir es heute gewöhnt sind. Bis zum 6. Jahrhundert entwickelten sich zwar Liturgien; es dominierte jedoch einstimmiger Gesang. Die Orgel im Gottesdienst kam erst im 14. Jahrhundert hinzu. Und erst in der Renaissance gründeten sich Musikkapellen an Kathedralen, Stiftskirchen und Stadtkirchen. Messvertonungen, Kantaten und Motetten sind Entwicklungen der Neuzeit.

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In diesen Wochen freut sich das politische Ulm auf die Schwörfeier, in der Oberbürgermeister Gunter Czisch vom Balkon des Schwörhauses auf dem Weinhof Rechenschaft über das vergangene Jahr abgibt und Pläne für das nächste vorlegt. Die 115?000 Ulmer und Ulmerinnen feiern die Tradition aus dem Jahr 1397 mit einem großen Fest. Mit dabei ist auch der Mottetenchor der Münsterkantorei. Gemeinsam mit Choriosity, dem Popchor des CVJM, und dem Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm gibt er am 20. Juli um 19 Uhr ein Konzert, das neben anderen Werken die neuzeitliche Komposition „Sunrise Mass“ des norwegischen Komponisten Ola Gjeilo, aber auch Antonín Dvor?áks Sinfonie Nr. 9‚ „Aus der Neuen Welt“ präsentiert. Kirchenmusikdirektor Friedemann Johannes Wieland ist begeistert. „Fulminant“ wird es werden, meint er. Während Ulms Politiker nach der Schwörfeier in die Sommerpause gehen, geht das Musizieren im Münster weiter. Zum Beispiel mit den Reihen „Orgelmusik am Mittag“ und „Sonntagsorgelkonzerte“.

Über eine Million Besucher haben im vergangenen Jahr das Ulmer Münster besucht. „Auch der Touristen wegen orientieren wir uns mit der Kirchenmusik nicht nur am Kirchenjahr, sondern am bürgerlichen Kalender“, sagt Wieland. Der Münsterkantor plant langfristig. Zu den Aufgaben seines Ensembles, des Motettenchors, zählt neben konzertanten Aufführungen auch das Singen im Gottesdienst. Das Durchschnittsalter liegt bei 23 Jahren. Erst kürzlich wurden fünf neue Chorsänger aufgenommen. „Über Männerstimmen freuen wir uns aber immer“, sagt Wieland. Bekannt in Ulm und darüber hinaus sind auch das Vokalensemble Ulmer Münster, das sich aus verschiedenen Sängerinnen und Sängern der Ulmer Region zusammensetzt, und der Kinder- und Jugendchor. Am 5. und 6. Juli wird mit dem musikalischen Nachwuchs das Kindermusical „Bach Forever“ aufgeführt. „Das Münster ist eine Bürgerkirche, die Ulmer haben ihr Gotteshaus mitten in die Stadt bauen lassen, und wir legen Wert darauf, dass auch Touristen das Gebäude nicht nur aus Baudenkmal, sondern als Gotteshaus wahrnehmen“, sagt der 49-Jährige. „Ulm ist eine tolle Stadt, die Bürger sind sehr kulturaffin, die Verbindung zwischen Kirche und bürgerlicher Gesellschaft ist eng“, meint Wieland.

Wie vielfältig und organisationsintensiv die kirchenmusikalische Arbeit auch abseits der großen Städte ist, zeigt ein Blick in die „Musik in der Stadtkirche“ in Nürtingen. Angelika Rau-C?ulo und Michael C?ulo führen als Duo die „Capella laurentiana“, das Ensemble „Selig“, einen Kinder- und Jugendchor sowie den Nürtinger Posaunenchor. 2018 fanden die ersten Nachtkonzerte statt. In diesem Jahr schauen die Nürtinger allerdings mit einem lachenden und einem weinenden Auge in den kirchenmusikalischen Sommer. Angelika Rau-C?ulo wurde zum 1. Oktober als Kirchenmusikdirektorin an die St.-Michaelis-Kirche nach Hildesheim berufen. Michael C?ulo konzentriert seine musikalische Tätigkeit auf die Arbeit mit dem Knabenchor Collegium Iuvenum Stuttgart, den er seit Jahren leitet. Auch er verlässt Nürtingen. In einem Kantatengottesdienst werden die beiden am 14. Juli um 18 Uhr in der Nürtinger Stadtkirche St. Laurentius verabschiedet. Die Nürtinger müssen trotzdem nicht ohne Kirchenmusik in den Sommer gehen. Jeden Samstag 11 um Uhr gibt es die „Orgelmusik zum Markt“, am 30. Juni in der Auferstehungskirche einen Gottesdienst mit dem Kinder- und Jugendchor.

Kontinuität auch in die kommenden Jahre hinein verspricht Tübingens Kirchenmusikdirektor Ingo Bredenbach. „Die Tübinger sind musikhungrig und nicht frömmelnd“, stellt er Konzertbesuchern und Gottesdienstbesuchern ein Zeugnis aus. Er habe „unendlich viele Möglichkeiten, kirchenmusikalisch zu arbeiten“ und fühle sich wertgeschätzt in dieser Stadt, sagt der gebürtige Wuppertaler. Immer wieder besucht er die örtliche Vesperkirche. Dort trifft er Menschen, die sich bei ihm persönlich für die „Tübinger Motette“ bedanken. „Für einen Eintritt hätten sie kein Geld“, sagt Bredenbach und legt großen Wert darauf, dass die „Tübinger Motette“ auch weiter ohne Eintritt zu hören ist. „Es sind keine Konzerte, es ist eine gottesdienstliche Reihe geistlicher Musik“, erläutert der Musiker. So werden am 29. Juni Werke von Jean-Marie Leclair, Gabriel Fauré und anderen Komponisten zu hören sein. Am 6. Juli kommen die „Arcis Vocaliten“ aus München nach Tübingen. Mit dem Termin samstags 20 Uhr ist die „Tübinger Motette“ eine feste Größe in der Universitätsstadt. „Exsultate, jubilate“ heißt es deshalb nicht ohne Grund am 27. Juli, wenn die Kantorei der Stiftskirche gemeinsam mit Solisten und der Camerata Viva Werke von Wolfgang Amadeus Mozart präsentiert. Am Dirigierpult steht Ingo Bredenbach.

Den Tübinger Orgelsommer verantwortet Bredenbachs Kollege Jens Wollenschläger. Am 4. September wird es ein – nicht nur – für Kinder konzipiertes Konzert in der Stiftskirche geben. „Die Konferenz der Tiere“ ist ein Projekt für Musik, Sprecher, Lichtbildprojektionen und einen kleinen handgekurbelten Film. Auch für diese Veranstaltung wird kein Eintritt erhoben. Über 50 Chöre in sieben Innenstadtkirchen hat Ingo Bredenbach in Tübingen gezählt. Dazu kämen „riesige Chorvereinigungen“. Sie alle treffen sich im zweijährigem Rhythmus zur „Nacht der Chöre“. In diesem Jahr wird sie am 19. Oktober stattfinden. Mit seinem Bachchor führt der Kirchenmusikdirektor am 21. Juli Joseph Haydns „Die Jahreszeiten“ auf. Ein wichtiger Termin für die Tübinger ist der letzte Tag jedes Jahres: Dann findet die Extramotette statt, ein ökumenischer Jahresschlussgottesdienst. „Das zieht die Leute an“, weiß Bredenbach. Der Förderverein „Freundeskreis Tübinger Motette“ sorgt für einen Sektempfang.

„Einen Schatz an Engagement“ nennt Kay Johannsen die Mitglieder der Stuttgarter Kantorei an der Stiftskirche. Das Vokalensemble wurde 1994 von ihm gegründet und besteht aus rund 90 semiprofessionellen Sängerinnen und Sängern. „Wenn wir jetzt ein Jubiläum feiern, dann feiern wir die Kontinuität unserer Arbeit in den letzten 25 Jahren“, sagt der Stiftskantor. Die Stuttgarter Kantorei konzertiert vor allem in der Stuttgarter Stiftskirche, war aber auch zu Gast in der Berliner Philharmonie, beim Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd, in Shanghai und Peking. Beim Stuttgarter Zyklus „Bach: vokal“ übernimmt die Stuttgarter Kantorei regelmäßig Konzerte gemeinsam mit dem Ensemble Stiftsbarock Stuttgart. Kontinuität zeigte der Chor auch, als er 2017 im Rahmen von „Bach: Vokal“ mit der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach zu hören war.

Beim Landeskirchenmusikfest 2017 in Stuttgart gestalteten die Sänger das Eröffnungskonzert mit einem A-cappella-Programm und später die Uraufführung von Kay Johannsens neuem Werk „Credo in deum“ anlässlich des Festkonzerts zum Reformationsgedenken. In erweiterter Fassung wurde das Werk an Karfreitag 2018 erneut aufgeführt. Die Stuttgarter Kantorei probt wöchentlich einmal sowie zusätzlich an zwei bis drei Wochenenden pro Jahr. Als Organist beschäftigt sich Kay Johannsen intensiv mit der Orgelmusik von Johann Sebastian Bach.

Höhepunkte von Johannsens Arbeit waren in diesem Zusammenhang die Jahre 1997 und 2007, in denen er das Gesamtwerk Bachs an der Mühleisen-Orgel der Stiftskirche präsentierte. „Wir machen immer das, was wir können, und erweitern uns inhaltlich und räumlich“, sagt Kay Johannsen. Damit nimmt er Bezug auf die 58 Veranstaltungen beim Stiftsmusikfest, die an vielen Orten stattfinden werden. Johannsen schätzt die Publikumsbindung außerordentlich, die in Stuttgart seit 25 Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Nicht zuletzt auch durch die „Stunde der Kirchenmusik“, immer freitags um 19 Uhr in der Stiftskirche, und die Orgelmusik zum Weihnachtsmarkt.