Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kirchgänger gesucht

ALBSTADT-EBINGEN – Der Kindergarten in der Friedenskirche ist gut besucht, die Gottes-dienste am Sonntag sind es nicht. Deshalb hat Kirchengemeinderätin Nicole Capobianco mit einer Annonce um Kirchgänger geworben. Die Aktion hat Aufmerksamkeit erregt.

Friedenskirche Albstadt-Ebingen

Friedenskirche Albstadt-Ebingen © Foto: Andreas Straub

„Stellen- und Todesanzeigen liest eigentlich jeder“, sagt Nicole Capobianco. Also kommt die Kirchengemeinderätin aus Albstadt-Ebingen auf eine kuriose Idee: Sie sucht in der Aufmachung einer Stellenanzeige nach Kirchgängern für die Friedenskirche. Denn oft sitzt sie dort zusammen mit Pfarrerin Ilze Druvin‚ a, der Mesnerin, der Organistin und nur wenigen anderen fast alleine. „Für die Todesanzeige ist es noch zu früh“, fügt Capobianco mit schwarzem Humor hinzu.

Nicole Capobianco Albstadt-EbingenPfarrerin Ilze Druvina Albstadt-Ebingen

Nicole Capobianco (links) hat die Anzeige formuliert. Die Sorge um die leere Friedenskirche teilt sie mit Pfarrerin Ilze Druviņa (rechts). 
© Fotos:Andreas Straub

„Glaube, Liebe, Hoffnung … bei uns sind Sie mittendrin“, beginnt die im Gemeindebrief veröffentlichte „Stellenanzeige“. Es werden Menschen jeden Alters gesucht, die Freude am gemeinsamen Gebet und Gesang haben und sich für das Wort Gottes interessieren. Versprochen sind ein Lächeln und ein freundliches Wort.

Es fehlt Gemeinschaft

Eingeweiht wurde die im Bauhaus-Stil gebaute Friedenskirche 1932. Sie erlebte Krieg, Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder und zwei schwere Erdbeben. Viele Gemeindemitglieder wurden dort getauft, besuchten den Kindergarten, feierten ihre Konfirmation, ihre Hochzeit. Die 39-jährige Capobianco zählt dazu: Die Bankkauffrau und Mutter zweier Kinder hat in der Kirche ebenso geheiratet wie ihre Eltern und ihre Großeltern. Sie ist in den angeschlossenen Kindergarten gegangen, ihre Tochter wurde in der Friedenskirche getauft. „Ohne die Friedenskirche, das ist für mich nicht vorstellbar“, sagt Capobianco. In ihrer neben die Anzeige gestellten Erklärung führt sie aus, dass die Zahl der Kirchenbesucher in den letzten Monaten und Jahren stets abgenommen habe. „Wie lange können noch Gottesdienste in der Friedenskirche stattfinden?“, fragt sie. Es sei „fünf vor zwölf“.

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Die kleinere, eher familiäre Emmauskirche hingegen sei viel besser besucht, berichtet Pfarrerin Druvin‚ a, die für beide Kirchen zuständig ist. In der Emmauskirche gibt es vor einigen Gottesdiensten neuerdings ein Frühstück, bei anderen wird danach gegrillt. Mal werden die Stühle verrückt und modernere Lieder angestimmt, dann dürfen Gottesdienstbesucher ihre eigenen Gedanken erzählen, beispielsweise zu bestimmten Bibelstellen oder zum Thema Teilen. Der vertraute Rahmen bleibt aber gleichwohl erhalten. Die 45-Jährige Pfarrerin kümmert sich seit elf Jahren um die etwa 2100 Gemeindemitglieder.

„Wenn so wenige Gottesdienstbesucher wie in der Friedenskirche da sind, kann sich nur schwer ein Gottesdienstgefühl einstellen. Die Gemeinschaft fehlt“, sagt Capobianco. Kurz vor dem Glockenschlag gehen deshalb regelmäßig sorgenvolle Blicke auf die Uhr. In den letzen Jahren seien einige treue Kirchgänger gestorben. „Wir merken jeden“, sagt Druvin‚a. Viele Gläubige hätten eine falsche Vorstellung, was in der Kirche los sei, weil sie selbst nie dort seien. „Viele denken, bei uns ist sonntags die Kirche voll. Aber das Gegenteil ist der Fall. Deshalb ist die Zukunft der Friedenskirche immer wieder Thema“, sagt Druvin‚a. Es könnte sein, dass sie bald aufgegeben wird.

Friedenskirche Albstadt-Ebingen

Friedenskirche Albstadt-Ebingen © Foto: Andreas Straub

Die „Stellenanzeige“ zu veröffentlichen, sei ein gewagter, aber im Kirchengemeinderat besprochener Schritt. Immerhin wurde so auf das Problem aufmerksam gemacht. „Viele haben mich auf die Anzeige angesprochen. In die Kirche sind leider nicht viel mehr Leute gekommen“, sagt Capobianco. Voll sei es nur an Weihnachten und bei Konzerten. Momentan lebe die Friedenskirche vor allem vom gut besuchten Kindergarten im Erdgeschoss. Doch Nicole Capobianco und Ilze Druvin‚ a haben auch die Hoffnung für das Gotteshaus nicht aufgegeben.

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