Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kirchliches Bodenpersonal

ECHTERDINGEN (Dekanat Bernhausen) – Wenn der Flughafenpfarrer um 12 Uhr eine Andacht hält, dann ist das für viele Menschen vor dem Abflug eine Gelegenheit, innezuhalten. Doch in der Hauptsache ist Seelsorger Dieter Kleinmann für die 9500 Mitarbeiter da, für ihre alltäglichen Sorgen und Nöte und ­Momente wie jenem, als sie um ihre Kollegen von Germanwings trauerten. 


Wie geht’s? Der Flughafenseelsorfer im Gespräch mit einer Mitarbeiterin in Terminal 3. (Foto: Benny Ulmer)

Es war eine stille Gedenkfeier ohne Öffentlichkeit und Presse. Am 31. März, um 10.53 Uhr, genau eine Woche nach dem Absturz der Maschine auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf kamen 90 Mitarbeiter von Germanwings und Lufthansa in Terminal 1 zusammen, um Abschied zu nehmen. Sie hatten es sich so gewünscht. Pfarrer Dieter Kleinmann war ihrem Wunsch gerne nachgekommen. Die Blumenvasen mit der Flugnummer 4U9525 wurden auf den Altar des Andachtsraums gestellt.

Seit 2012 ist Dieter Kleinmann Pfarrer am Flughafen Stuttgart in Leinfelden-Echterdingen. Er ist der erste Pfarrer überhaupt, der dieses Amt bekleidet. 15 Jahre saß er für die FDP im Landtag. Als er 2011 aus der Politik ausschied und sich fragte, wohin sein Weg führt, da war gerade die Diakonatsstelle auf dem Flughafen frei geworden. Man legte sie mit der benachbarten Messe zusammen und machte daraus eine Pfarrstelle für den Flughafen und das Messegelände.

Seither ist Dieter Kleinmann (62) unablässig unterwegs: Von Terminal 1 zu Terminal 2, 3 und 4, von der Abflugs- auf die Ankunftsebene, von seinen Diensträumen zur Kapelle, vom Passagierbereich hinter die Kulissen einer Maschinerie, die 18 Stunden am Tag wie geschmiert laufen muss. „Ich grüße Sie, wie geht‘s?“ Die Männer in der dunklen Halle lächeln kurz, entladen in Windeseile das Fluggepäck, das sie aufs Ausgabeband bugsieren.

Zweimal in der Woche macht Dieter Kleinmann die Runde. Sie beginnt zumeist bei seiner Terminal-Nachbarin im Spielcasino. Dort arbeitet Caro. Caro ist selbst eine Art Seelsorgerin, weil alle möglichen Menschen zu ihr kommen: Solche, die einen Computer  mit Internetanschluss brauchen, der hier ebenso kostenlos ist wie der Kaffee, andere, die rauchen wollen und es im Casino tatsächlich auch noch dürfen. „Da hört man so einiges“, sagt sie und ist Gott froh, dass ihr vor ein paar Monaten auch einer zugehört hat, als ihre Schwester starb.

Auch die junge Frau am Wrap-Fly-Stand in der Abflugshalle 3 hat es nicht leicht. Tagsüber verpackt sie schwere und sperrige Gegenstände, abends kümmert sie sich um ihre krebskranke Mutter. „Gibt‘s was Neues?“, fragt Dieter Kleinmann und erfährt, dass weitere schwierige Untersuchungen anstehen.

Dieter Kleinmann kennt fast alle, die sonst kaum einer kennt. An denen man als Fluggast achtlos vorbeigeht und mit denen man niemals ein Wort wechselt. Den Busfahrer auf dem Rollfeld zum Beispiel. Wenn der Pfarrer neben ihm Platz nimmt und mit ihm eine Runde über den Flughafen fährt, dann ist das eine der wenigen Gelegenheiten für ihn, mit jemandem zu plaudern.

Es ist fünf vor zwölf. Höchste Zeit für Pfarrer Kleinmann, sich die graue Krawatte umzubinden und in die Kapelle zu gehen. Jeden Tag um zwölf findet dort eine ökumenische Andacht statt, ein paar Minuten des Innehaltens vor dem Abflug, nach der Ankunft, beim Abschiednehmen oder in schwierigen Lebensmomenten.

An diesem Tag sind ein Vater und eine Mutter in den Gottesdienst gekommen. Sie haben gerade ihre Tochter für ein Jahr nach Amerika verabschiedet. Nun beten sie für sie mit ein paar Tränen in den Augen. Daneben sitzt ein Erwerbsloser mit einer alten Sporttasche. „Er kommt dreimal in der Woche“, sagt Dieter Kleinmann und dass der Flughafen viele anzieht: Einsame, die ein wenig unter Menschen gehen wollen, psychisch Kranke, die es alleine zu Hause nicht aushalten, aber auch eine allzu große Nähe fürchten: „Hier werden sie von niemandem angesprochen.“

Nach einer Viertelstunde ist die Andacht vorbei. Die Tür geht auf und eine katholische Pilgergruppe auf dem Weg nach Rom tritt ein. Sie haben ihren Pfarrer mitgebracht, ein Handschlag unter Kollegen: „Wann geht’s los? Um halb drei? Guten Flug.“

Seit 2004 gibt es eine Kapelle auf dem Stuttgarter Flughafen. Sie kam mit dem Neubau von Terminal 3 und ist für alle Menschen und Religionsgemeinschaften offen. Bibeln in mehreren Sprachen und ein Koran stehen im Regal, ein Kreuz ist auf dem Altar und ein Pfeil nach Mekka auf dem Boden.

Für manche auf der Durchreise ist der Flughafen einer der seltenen Kontakte mit der Kirche. Manchmal beginnt er an der Rolltreppe in Terminal 1, wo täglich von 8 bis 12 und 14 bis 18 Uhr die Ehrenamtlichen stehen. 43 sind es insgesamt, Frauen und Männer wie Rosato Corvo. Der gebürtige Italiener ist katholisch, seit 50 Jahren im Land und mit einer evangelischen Deutschen verheiratet. „Evangelisch, katholisch, das spielt hier keine Rolle“, sagt er. Deswegen ist auch nur von den Kirchlichen Diensten am Flughafen die Rede, wenn sie ihr Faltblatt verteilen.

Es wird nie langweilig am Kirchen-Counter neben der Rolltreppe. Die einen fragen nach der Toilette, die anderen nach der S-Bahn, die dritten nach dem Check-in-Schalter für ihre Fluggesellschaft und wieder andere, was eigentlich die Kirche hier am Flughafen macht.

So kommt man mit den Menschen ins Gespräch, über Gott und die Welt und machmal auch das Leben, das nicht immer so läuft, wie es soll. Erst vor kurzem war ein an Demenz erkrankter älterer Mann bei ihnen, der sich verlaufen hatte. Oder eine junge Frau, der ihr Freund Prügel angedroht hatte.

Knapp zehn Millionen Fluggäste starten und landen pro Jahr in Stuttgart. 9500 Menschen arbeiten dort für den Flughafen, die Airlines und die zahlreichen Läden, die seine Gänge säumen. Eine Stadt in der Stadt, eine eigene Welt, die die meisten nur flüchtig passieren und die für andere doch jahrelanger Berufsalltag ist.

Zu diesem Alltag, den kaum ein Fluggast kennt, gehört auch der Flughafenchor, den es dort seit einigen Jahren gibt. Jeden Mittwoch um 17 Uhr trifft er sich zur Probe, auch der Pfarrer gehört zu den Sängern. Fünfmal im Jahr feiert man zusammen auf der obersten Ebene von Terminal 1 Gottesdienst, oft mit Untertstützung des Posaunenchors aus Bernhausen.

Irgendwann ist dann auch Feierabend für Pfarrer Dieter Kleinmann. Vielleicht schaut er nochmal zu Caro ins Spielcasino rein. Das Handy bleibt auf jeden Fall angeschaltet. Man weiß ja nie, was abends auf dem Flughafen noch passieren kann. 


Information

In der Flughafenkapelle in Terminal 3 finden täglich um 12 Uhr ökumenische Andachten statt. Die Kappelle ist rund um die Uhr und für alle Menschen und Glaubensrichtungen geöffnet. Zu Messezeiten finden um 12.45 Uhr Andachten auf dem Messeglände statt. Kirchliche Gruppen, die eine Flughafenführung machen möchten, können sich an Pfarrer Dieter Kleinmann wenden: Telefon 0711-9484100,

E-Mailadresse: dieter.kleinmann@elkw.de.