Christliche Themen für jede Altersgruppe

Klagen ist erlaubt (Impuls zu Hiob 23)

Hiob 23,15-17 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. Gott ist‘s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

Foto: Farid Askerov / Unsplash

Impuls zu Hiob 23 von Pfarrer Hans Veit (Knittlingen)

Solche Aussagen erwarten wir nicht unbedingt in der Bibel. Da öffnet ein Mensch sein Herz und lässt uns in die tiefsten Tiefen seiner Seele blicken. Und wir nehmen nur Dunkles wahr: Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit, Gottesfinsternis.

Der Mann, der diesen Blick zulässt, ist Hiob. Das ist das, was mich als Erstes anspricht: Hiob macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Hiobs Freunde haben eine andere Einstellung: „Was nicht sein darf, kann nicht sein“ – und meinen damit, dass Hiob gefälligst bei sich suchen soll, wo die Ursache für dieses harte Strafen liegt. So wie Hiob Gott anklagt, darf und kann man doch nicht denken, geschweige denn reden! Nur seine Frau scheint Hiobs Seelennot zu verstehen und gibt ihm deshalb den Rat, diesem Gott abzusagen. Für einen Menschen, der tief davon überzeugt ist, dass Gott das Gute segnet und Böses mit Strafe beantwortet, muss in dieser Situation das Gottesbild zusammenbrechen. Gott selbst bezeichnet ja Hiob als gottesfürchtig und rechtschaffen. Ein Vorbild in Sachen Glaube. Und dann muss er dieses fast übermenschliche Leid erfahren. Mit was hat er das verdient? Der in Hiobs Umwelt fest verankerte „Tun-Ergehen“-Zusammenhang wird total in Frage gestellt. Und ihm ist klar: Wenn Gott allmächtig ist, dann muss er auch hinter all dem Leid stecken – egal, ob er es zulässt oder gar aktiv verursacht.

Am Anfang des Hiob-Buches sieht alles noch richtig gut aus. Hiob ist reich gesegnet. Er hat Frau und Kinder, Besitz, Mägde, Knechte und Tiere. Er gilt als einer der Großen und Reichen. Und dann wird ihm alles weggenommen. Eine Hiobs-Botschaft folgt auf die andere. Am Ende wird ihm sogar noch die Gesundheit genommen. Nichts bleibt mehr übrig als ein armer alter, vom Leid gezeichneter Mann. Hiob ist verzweifelt und er gibt das zu. Wir lesen von Selbstverwünschungen und Todessehnsucht. Seine Freunde und seine Frau sind genauso verzweifelt, weil sie dem vorher so Glaubensstarken helfen wollen. Doch ihre Tipps erweisen sich als nicht hilfreich. Und Hiob schweigt! Die Starre seines Schweigens löst sich erst da, wo er seiner Klage Raum gibt. Er schreit seine Ohnmacht, seine Gottverlassenheit und seine Enttäuschung über diesen Gott heraus. Er setzt ihn, den Allmächtigen, auf die Anklagebank und wirft ihm sein ganzes Elend zu Füßen. Es ist auf einmal nicht mehr wichtig, was richtig oder falsch ist. Wichtig ist nur: „Gott, du machst mir Angst. Du bist es, der mein Herz mutlos macht, der mir den Glauben stiehlt. Wenn ich dich suche, finde ich nur Dunkelheit.“ Für mich schwingen da die Worte mit, mit denen Jesus Gott am Kreuz anklagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott lässt diese „gotteslästerliche“ Klage zu. Für ihn ist der klagende Hiob immer noch ein gottesfürchtiger Mensch. Denn auch die Klage ist ein Reden des Herzens mit Gott! Die Erfahrung von unermesslichem Leid ist heute genauso aktuell. Nicht nur im fernen Syrien oder Sudan, auch ganz nah um uns kommen Menschen an ihre Grenzen und können Gott nicht mehr verstehen.

Ob der Weg des Hiobs auch ihrer werden kann? Die Klage verwandelt Hiob. Es löst sich etwas. Es ist noch ein weiter Weg von der Klage bis zu seiner Erkenntnis: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt.“ Hiob lernt, dass sich die Frage nach dem „Warum?“ nicht beantworten lässt. Er merkt, dass er mit seinen enschlichen Möglichkeiten die Wege, die ihm Gott auferlegt oder die er zulässt, nicht verstehen kann. Aber bis zuletzt hält er daran fest, dass sein Leben, auch das unermessliche Leid, letztlich in Gottes Händen liegt. Dass am Ende Hiob Gottes Segen erfährt, ist ein schöner Schluss. Hiob stirbt am Ende reich und lebenssatt. Aber das ist nicht das Entscheidende; das hätte auch anders enden können. Entscheidend ist für mich, dass ich Gott ehrlich sagen kann, wie es mir geht. Dass ich mein Unverständnis herausbrüllen und klagen darf und dabei bei ihm auf offene Ohren und Verständnis stoße. Und vielleicht komme ich irgendwann zur weisen Erkenntnis: Egal, was Gott zulässt, egal, wie mir das Leben spielt, ich vertraue, dass dies alles in seinen Händen geborgen ist und letztlich zu einem guten Ende führt. Dass sich meine Klage in Lob verwandelt.