Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kleine Hilfen bewirken viel - Verfolgte Christen weltweit

In vielen Ländern der Welt werden Christen benachteiligt, verfolgt und sogar getötet. Doch wo genau werden Christen verfolgt? Kirchenrat Klaus Rieth berichtet jedes Jahr vor der Synode darüber. Im Gespräch mit Nicole Marten erläutert er, was Christenverfolgung ist, wo sie genau anfängt. Und er beschreibt, wo die Not gerade am größten ist und was man tun kann.

Verzweifelte Frau. Foto: Ulrike Mai, pixabayVerzweifelte Frau. Foto: Ulrike Mai, pixabay

Wo fängt Christenverfolgung an?

Klaus Rieth: Da gibt es viele Abstufungen. In der ehemaligen DDR hatten diejenigen, die sich offen zur Kirche bekannt haben, Einschränkungen hinzunehmen bei der Berufswahl. Es gibt Länder, in denen man als Christ nicht in politische Ämter kommen kann. In der Türkei beispielsweise kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Christ Präsident werden kann. Das ist eine Benachteiligung. Dann gibt es wirtschaftliche Nachteile, die Christen in Kauf nehmen müssen. Da gibt es also viele Zwischenstufen, bis hin zur Gefahr für Leib und Leben. Am härtesten war es in der Gegend von Mossul zur Zeit der IS-Herrschaft: Da hat mir eine Frau erzählt, dass sie nicht mit einem Kreuzanhänger an der Kette auf die Straße gehen kann, sonst würde sie erschossen werden.

In Deutschland gibt es Menschen, die ihre Kinder aus religiösen Gründen nicht in die Schule schicken wollen. Und wenn sie das dann nicht dürfen, reden sie von Verfolgung ...

Klaus Rieth: Da muss man klar sagen, das ist keine Benachteiligung von Christen, geschweige denn Verfolgung. Wir haben Gesetze, an die wir uns halten müssen, auch als Christen.

Welches ist das gefährlichste Land für Christen?

Klaus Rieth: Nordkorea ist immer ganz vorne dran. Aber auch im Irak und in Syrien kann das Leben für Christen schwierig werden. Häufig ist es so, dass Christen extreme Probleme bekommen, wenn zwei große muslimische Blöcke aufeinandertreffen. Dann sind die Christen oft die großen Verlierer. Sie kommen in die Minderheit, spielen keine große Rolle im öffentlichen Leben.

Was ist das Problem in Nordkorea?

Klaus Rieth: Das Hauptproblem ist dort, dass die Staatsdoktrin auf einen vollkommen säkularen Staat setzt, der Christen als subversiv empfindet. Christen werden als Bedrohung gesehen, sie gelten als störender Faktor im Staat. Außerdem hat die Verehrung gegenüber dem Staatsführer Kim Jong-un religiöse Züge. Wenn ein Christ sagt, dass er Gott mehr ehrt als den großen Führer, dann passt das nicht.

Und im Irak?

Klaus Rieth: Da gibt es den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, dazu noch die zeitweilige Herrschaft des IS, der Christen und Jesiden ausrotten wollte. Im Nordirak haben wir viele Corona-Tote zu beklagen. Seit der IS aus Mossul vertrieben wurde, werden christliche Dörfer wiederaufgebaut. Manche Christen kehren mittlerweile auch wieder zurück. Sie werden finanziell von der Landeskirche unterstützt. Im Nordirak akzeptiert die kurdische Regierung die Christen und heißt sie willkommen. Aber im Rest vom Irak leben nicht mehr viele Christen, das wäre zu gefährlich.

In Syrien ist die Lage ganz ähnlich. Auch hier gibt es einen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, bei dem die Christen den Kürzeren ziehen. Viele Christen sind ins Ausland geflohen, ein paar von ihnen kehren wieder zurück. Aber Syrien ist einfach kein sicheres Land. Insgesamt ist es kompliziert, denn das Land ist aufgeteilt in unterschiedliche Regionen. In einem Landesteil haben die Sunniten die Übermacht, in einem anderen die Schiiten, in wieder einem anderen die Aleviten. Außerdem hat die Türkei Teile des Landes besetzt. Übrigens leben viele Christen aus Syrien noch in der Türkei als Flüchtlinge.

Im jährlichen Bericht über verfolgte Menschen, den Sie der Synode geben, sprechen Sie seit Jahren von zwei verschwundenen Bischöfen in Syrien. Was haben Sie über die Bischöfe gehört?

Klaus Rieth: Es gibt keine Lebenszeichen von den beiden. Stattdessen zwei Theorien. Die eine besagt, sie seien längst tot, die andere, sie seien verschleppt. Wie es auch immer ist, mir ist es wichtig, dass diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten. Wir müssen immer und immer wieder an sie erinnern.

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Ihr Bericht vor der Synode hat nicht allein verfolgte Christen zum Thema, es geht um verfolgte Menschen allgemein, natürlich mit dem Schwerpunkt Christen. Welche Länder nehmen denn die meisten Flüchtlinge auf?

Klaus Rieth: Da ist an erster Stelle die Türkei zu nennen. Das Land hat die meisten Menschen aufgenommen – weltweit. Es handelt sich allein in der Türkei um 3,6 Millionen Menschen. An nächster Stelle steht Kolumbien mit 1,8 Millionen Menschen, Pakistan und Uganda mit je 1,4 Millionen Menschen. Dann kommt schon Deutschland mit 1,1 Millionen Menschen. Auffällig ist, dass schwächere und ärmere Länder offiziell viele Flüchtlinge aus anderen Ländern aufnehmen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass es viele Binnenflüchtlinge gibt, also Menschen, die innerhalb ihres eigenen Landes bleiben und doch von Ort zu Ort, von Lager zu Lager, ziehen. Von den 82,4 Millionen Flüchtlingen weltweit sind 48 Millionen Menschen Binnenflüchtlinge.

Um welches Land muss man sich aus christlicher Sicht Sorgen machen?

Klaus Rieth: Da ist an erster Stelle Indien zu nennen. Es gibt Gruppierungen, die den Hinduismus zur Staatsreligion machen wollen. Christen haben es dort generell schwer. Sie müssen wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen. Und natürlich müssen sie sich an die Essgewohnheiten anpassen, also Rindfleisch eben nicht essen, obwohl sie das laut Bibel ja dürften. Ein weiteres Land, das mir extrem Sorgen macht, ist Belarus. Denn jeder, der etwas gegen den Präsidenten sagt, begibt sich in Gefahr für Leib und Leben.

» Um Indien muss man sich sorgen «

Von China hört man immer wieder, dass es Untergrundkirchen gibt ...

Kirchenrat Klaus Rieth berichtet regelmäßig vor der Landessynode über verfolgte Christen. Foto: EMH/ Jens SchmittKirchenrat Klaus Rieth berichtet regelmäßig vor der Landessynode über verfolgte Christen. Foto: EMH/ Jens Schmitt

Klaus Rieth: In China muss man sehr genau unterscheiden, in welcher Gegend man sich befindet. In manchen Kantonen sind Christen sehr willkommen, weil sie sich staatstreu verhalten und die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. In anderen Gegenden können Christen ihr Christsein nur im Untergrund leben. Der Staat bestimmt, welche religiösen Organisationen er akzeptiert. Aber es gibt viele Missionare in China, viele von ihnen agieren von Hongkong aus, aber auch dort nimmt der Druck zu. Es gibt kleine lutherische Kirchen und Missionsgesellschaften im Land, die mit uns verbunden sind. Von ihnen hören wir, dass es nicht einfacher wird.

Wo hat sich die Lage für Christen denn verbessert?

Klaus Rieth: In manchen Gegenden von Nigeria hat es sich verbessert. Dort, wo der Staat zum Beispiel Boko Haram stärker bekämpft. Aber der Staat ist noch nicht so stark, wie er es eigentlich sein sollte. Es gibt immer noch Gegenden, wo christliche Dörfer und Schulen durch Boko Haram überfallen werden. Nigeria ist das korrupteste Land in Afrika. Aber es gibt immerhin eine staatliche Ordnung und die Hoffnung, dass sich die staatlichen Stellen durchsetzen.

Man hört ja nicht immer davon, wie sich die Landeskirche konkret für verfolgte Christen einsetzt ...

Klaus Rieth: Das stimmt. Wir hängen manche Dinge nicht an die große Glocke, sondern nehmen direkt Kontakt auf mit deutschen Politikern, die in die jeweiligen Länder reisen, und bitten sie, den Fall anzusprechen, wenn sie dort sind.

Welches Gebiet ist bei der Debatte um verfolgte Menschen in Vergessenheit geraten?

Klaus Rieth: Der Norden von Mosambik. Hier gibt es hohe Flüchtlingszahlen, vor allem unter Christen. Denn hier dringen extremistische Muslime ein und vertreiben christliche Bewohner aus ihren Dörfern.

Ist die finanzielle Unterstützung der Landeskirche nicht ein Tropfen auf den sprichwörtlichen heißen Stein?

Klaus Rieth: Ja, schon, wenn man die Landeskirche und ihre Mittel anschaut. Aber das vergleichsweise Wenige hilft in den jeweiligen Ländern schon viel. Wir unterstützen beispielsweise im Libanon christliche Strukturen und damit auch Schulprojekte oder andere Kleinstprojekte. In christlichen Dörfern zahlen wir beispielsweise Maschinen, damit die Menschen Marmelade kochen können, um sie zu verkaufen. Oder um weitere Arbeitsplätze zu schaffen. Manchmal investieren wir in den Bau von Jugendräumen oder unterstützen Studierende. Dazu fördern wir diakonische Aktivitäten, wie die Lebensmittelausgabe für Arme. Ein großer Schwerpunkt ist die Bildung. Sicher, das ist eine Herkulesaufgabe, aber die Menschen in diesen Ländern sind sehr findig. Sie schauen, was sie aus den Mitteln machen können, die sie haben, und dann machen sie das.

Sind Sie angesichts der Fülle der Brandherde nicht manchmal frustriert?

Klaus Rieth: Ja, allerdings. Ein Land, bei dem ich regelmäßig frustriert bin, ist der Südsudan. Da gibt es mehr Rückschritte als Fortschritte. Aber der Frust dauert nicht lang, wenn man mitbekommt, wie viele Menschen aus wenig etwas machen. Das beeindruckt mich. Und das trägt mich jetzt schon viele Jahre lang in meiner Arbeit.

Sie fordern in der Synode und auch sonst immer auf zum Gebet. Welche Rolle spielen diese Gebete denn Ihrer Meinung nach?

Klaus Rieth: Ich persönlich halte die Gebete für sehr wichtig. Es gibt viele Situationen, in denen man nicht mit Geld helfen kann und auch nicht mit Gütern. Da sind wir manchmal ohnmächtig. Da ist das Gebet sehr wichtig. Außerdem: Wenn ich die Menschen in den unterschiedlichen Ländern besuche und ihnen erzähle, dass wir für sie beten, merke ich: Das ist für die Menschen total wichtig, dass sie nicht allein dastehen. Und das sagen sie uns auch immer wieder. Ich bin der Landeskirche und der Synode gegenüber übrigens sehr dankbar, dass sie so viel Geld bereitstellen für die Arbeit. Einerseits sind das ja Gelder, die aus dem Opfer im Sonntagsgottesdienst kommen, und andererseits sind es Kirchensteuermittel. Da kommen jährlich mehrere Millionen Euro zusammen. Auch der kirchliche Entwicklungsdienst wird nochmal extra gefördert. Das ist sehr wichtig. Die Württemberger sind übrigens auch sehr bereit, für Mission und Entwicklungsarbeit zu spenden.

» Dass wir beten, ist wichtig «

Und manchmal, so wie beim Hochwasser im Sommer in Deutschland, kommen Spenden aus Afrika hier an ...

Klaus Rieth: Ja, da habe ich Anrufe aus aller Welt bekommen. Die Menschen aus Afrika, Kanada und aus vielen anderen Ländern haben uns gesagt, dass sie an uns hier denken. Da merkt man, wir sind eine Gemeinschaft und nehmen uns gegenseitig wahr.

Nach vielen Jahren als Leiter des Referats Mission, Ökumene und Kirchlicher Entwicklungsdienst: Was ist Ihr Fazit?

Klaus Rieth: Ich fühle mich sehr privilegiert, dass wir diese vielen Kontakte haben, sie wahrnehmen dürfen, dass wir gute Partner haben, dass wir was bewirken können – und daran arbeiten, dass die Welt ein bisschen besser wird. Die besten Projekte, die wir unterstützen können, weil sie am nachhaltigsten wirken, sind übrigens Bildungsprojekte. Die müssen wir weiter fördern.

Was wünschen Sie sich von der Landeskirche für die Zukunft?

Klaus Rieth: Die Landeskirche soll weiterhin großzügig sein beim Verteilen von Kirchensteuermitteln. Sie soll diesen Bereich weiter stärken und die Gemeinden weiterhin darüber informieren, was in der Christenheit weltweit passiert. □

Zur Person

Klaus Rieth, Jahrgang 1955, ist seit 2007 Leiter des Referats Mission, Ökumene und Kirchlicher Entwicklungsdienst im Oberkirchenrat.