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Klischees fangen früh an - offener Rassismus gegen Roma und Sinti - Interview mit Andreas Hoffmann-Richter, Beauftragter der Landeskirche

Offener Rassismus gegen Sinti und Roma ist heute seltener geworden. Doch Spuren der Diskriminierung zeigen sich noch immer. Warum Sinti seit Jahrhunderten zu Deutschland gehören und dennoch lange am Rande der Gesellschaft standen, erklärt Andreas Hoffmann-Richter, Beauftragter der Landeskirche für das Gespräch mit Sinti und Roma. Die Fragen stellte Isabella Hafner.

Foto: Isabella Hafner
Foto: Isabella Hafner

Als Kind war ich im Fasching Zigeunerin und durfte mit goldenen Armreifen klimpern. Ein anderes Mal war ich Indianerin, andere Kinder waren Chinesen oder Mexikaner …

Andreas Hoffmann-Richter: Bis heute werden Klischees weitergegeben, die mit der Wirklichkeit der Sinti und Roma nichts zu tun haben.

Sie erinnern an Zeiten der Verfolgung und deren Folgen. Man zwang im Mittelalter die Frauen der Sinti dazu, ihren Besitz als Schmuck stets an sich zu tragen, brannte Sinti-Häuser nieder, nahm ihren Besitz. Eine Folge von Reichstagsbeschlüssen am Ende des 15. Jahrhunderts. Die Osmanen drangen in Südosteuropa vor und Menschen wie die Sinti, die vor ihnen flohen, verdächtigte man als deren Spione. Möglicherweise spielte auch die Konkurrenz zwischen den Goldschmieden Freiburgs und denen der Sinti eine Rolle. Die Freiburger Zünfte forderten, dass man denen, die das unverständliche Romanes sprachen, die Anwesenheit im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verbietet. Man erklärte sie für vogelfrei – tatsächlich konnten sie bleiben: Sie wurden gebraucht.

Sinti und Roma wurden ab Ende des 15. Jahrhunderts verfolgt?

Andreas Hoffmann-Richter: Zunächst waren sie geehrt und besaßen Häuser. Das änderte sich in den Folgejahrhunderten. Luther schrieb: Man soll es mit den Juden machen wie mit den Zigeunern: Ihre Häuser niederbrennen. Wo sie verjagt wurden, verlegten sie ihren Handwerksbetrieb und ihre Wohnung auf Räder. „Herumzigeunern“ – das Wort hat sich aus jener Zeit bis heute gehalten. Aber schon zu Anfang wollten gerade auf dem Land viele, dass die Sinti blieben. Dort fehlten Handwerker.

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Viele sind kreativ mit ihrer Not umgegangen und haben sich selbstständig gemacht.

Andras Hoffmann-Richter: Die Sinti schauten, wo welche Gewerbe fehlten und spezialisierten sich darauf. Vor 1750 fanden sie in Städten etwa mit Marionettentheater Zugang. Sie spielten auch Sinti-Märchen. Die fanden später Eingang in die Gebrüder-Grimm-Sammlungen. Musikalische Familien traten auf Hochzeiten auf. Der württembergische König hatte eine eigene Sinti-Kapelle.

Wie unterscheiden sich Sinti von Roma?

Andreas Hoffmann-Richter: Sinti sind diejenigen der Romanes-Sprechenden, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation heimisch waren. Sie verstehen sich seit mehr als einem halben Jahrtausend als Deutsche. Roma dagegen haben Sklaverei erlebt, als sie von den Türken aus dem Orient für die Landarbeit nach Südosteuropa geholt wurden.

Wenn Sinti schon ewig in Deutschland leben – wie kann man wissen, dass man von Sinti abstammt?

Andreas Hoffmann-Richter: Viele wissen das nicht. Wir alle haben Vorfahren aus verschiedenen Ländern, wenn wir weit genug zurück gehen. Unter Sinti gab und gibt es aber auch Menschen, die ihre Muttersprache und je nach Familie bestimmte Traditionen pflegen. Für deren Erinnerungskultur spielt die Verfolgung eine Rolle. Wenn Vorfahren eine Leidensgeschichte hatten, dann erzählte man sie weiter. Leider waren es in Deutschland Verfolger, die das Romanes verschriftlichten. Das bewirkte bei den Sinti eine Aversion gegen die Verschriftlichung. Andere entschieden sich gegen die Weitergabe der Sprache oder Tradition oder hielten ihre Kinder an, sich nicht mehr zu outen. Um nicht diskriminiert und in Armut gedrängt zu werden.

Leben viele Sinti in Armut?

Sinti und Roma, Landesbeauftragter der Landeskirche, A. Hoffmann-Richter. Foto: Isabella HafnerAndreas Hoffmann-Richter: Es gibt wie überall Reiche und Arme. Im Alltag treffe ich heute Sinti im Anzug als Bankangestellte oder als Abteilungsleiter einer Softwarefirma. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so. Sinti erhielten keine Entschädigung und als KZ-Rückkehrer oft keine Wohnung. Die Vorurteile in den Ämtern waren noch da, man wies ihnen oft alte Bauwagen an Müllabfuhrplätzen oder Kiesgruben zu. Die Überlebenden waren meist die Jüngeren und Kräftigeren. Sie waren in der Nazizeit aus Schulen ausgeschlossen worden, hatten deshalb mangelnde Bildung, teils waren sie Analphabeten. Dadurch hatten sie es auf dem Arbeitsmarkt schwer, ebenso deren Kinder, weil sie weitab keine Vorschulerziehung erhalten konnten und von den Regelschulen bis in die 80er-Jahre abgewiesen wurden. Die Diskriminierung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt ging weiter. Wer trotzdem die Kraft dazu fand, machte sich selbstständig. Manche spezialisierten sich auf Putzfirmen, Hausmeisterdienste oder Altmetall. Mittlerweile wächst das Bildungsniveau junger Sinti.

Sie gehen als landeskirchlicher Beauftragter bei Ihrer Arbeit auch in Kindergärten und Schulen …

Andreas Hoffmann-Richter: Die Verbreitung der Klischees fängt dort schon an: über Spiele, Verkleidungen, Lieder – zum Beispiel „Lustig ist das Zigeunerleben“. Ein Mehrheitsbürger dichtete es während der industriellen Revolution. Viele sehnten sich nach Freizeit. Der Dichter projizierte den Wunsch auf die, mit denen man nichts zu tun haben wollte. Und erzeugte so eine Vorstellung, die der Wirklichkeit der Sinti nicht entsprach. Und Neid darauf, diese Menschen könnten gut leben, ohne von Früh bis Spät in der Weberei zu arbeiten. Das Klischee, Sinti wären arbeitsscheu, wurde dadurch erzeugt, indem man ihnen keine Chance auf dem regulären Arbeitsmarkt ließ. Finanziell ging es ihnen schlecht, weil die industriell hergestellten Töpfe günstiger wurden als das Flicken der Töpfe. In Auschwitz musste eine Sinti-Kapelle „Lustig ist das Zigeunerleben“ spielen, als ihre Leute im Krematorium ermordet wurden.

Die „Zigeunersauce“ heißt neuerdings nicht mehr „Zigeunersauce“. Findet ein Umdenken statt?

Andreas Hoffmann-Richter: Nach und nach nehmen immer mehr Firmen Abstand von als diskriminierend empfundenen Bezeichnungen. „Negerküsse“ oder „Mohrenköpfe“ gibt’s schon länger nicht mehr. Und die „Zigeunersauce“ ist einfach eine scharfe Paprika-Sauce.

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