Christliche Themen für jede Altersgruppe

Klosterluft schnuppern - Von wegen weltfremd

UNTERMARCHTAL (Dekanat Blaubeuren) – Über den Jahreswechsel lernten sechs junge Frauen im katholischen Kloster St. Vinzenz in Untermarchtal den Alltag der Schwestern kennen. Auch Evangelische waren dabei willkommen.

Auch das gemeinsame Kartenspiel gehört zum Alltag der Klosterschwestern im Konvent.
Foto: Maria Bloching

Debora Reith aus Stuttgart und Sabrina Deckenbach aus Blaustein sind evangelisch. Und haben sich entschlossen, gemeinsam mit anderen jungen Frauen eine Woche lang mit den Vinzentinerinnen im Kloster in Untermarchtal zu leben. Debora und Sabrina wollen – ebenso wie die katholische Michaela Mörk aus Leonberg – nach ihrem Abitur bei Schwestern in Tansania ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. In Untermarchtal möchten sie die Gepflogenheiten in einem Konvent kennenzulernen.

Ihre Ankündigung „Ich geh für eine Woche ins Kloster“ wurde im Bekannten- und Verwandtenkreisen ganz unterschiedlich – meist aber mit Befremden – aufgenommen. Doch anders, als viele vermuten, verbringen die Ordensschwestern ihre Tage im Kloster nicht isoliert von der Umwelt nur mit Gebet und Arbeit – die Vinzentinerinnen sind engagiert, öffnen sich nach außen und nehmen am Alltagsgeschehen teil.

Das haben die sechs jungen Frauen im Alter zwischen 17 und 34 Jahren miterlebt, die eine Woche lang im Konvent St. Luise mit sechs Schwestern, einer Novizin und zwei Postulantinnen gebetet, gearbeitet, gegessen, gefeiert und innere Ruhe gefunden haben.

Ganz anders als in der Vorstellung

Vier solche Klostererlebnistage finden sich im Jahresprogramm, doch auch außerhalb der festgelegten Termine kann für eine kurze Zeit im Kloster mitgelebt werden. „Wer Urlaub machen will, braucht jedoch etwas anderes“, sagt die zuständige Schwester Marlies Göhr. Interessentinnen melden sich bei ihr und werden unabhängig von ihrer Konfession aufgenommen.

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„Es ist ganz anders, als ich mir vorgestellt habe. Von manchen katholischen Ritualien wie Weihwasser oder Kreuzzeichen bin ich überfordert, auch die Marienanbetung kenne ich nicht. Aber es ist mir freigestellt, wie weit ich mich darauf einlassen will“, erzählt die 17-jährige Debora. Ihr Bild von Klosterschwestern hat sich vollkommen verändert: „Ich hab sie mir viel strenger und unpersönlicher vorgestellt. Aber das Verhältnis untereinander ist herzlich und entspannt.“ Hin und wieder gebe es sogar Alkohol, wie etwa Bier zum Raclette, Sekt an Silvester oder einen Schnaps beim Christbaumloben, sagt die junge Frau und lacht.

Die Schwestern teilen ihren Alltag und ihre Privaträume mit den Besucherinnen. Voraussetzung dafür ist laut Schwester Marlies die Bereitschaft, sich auf dieses Leben für kurze Zeit einzulassen. „Die meisten jungen Frauen sind auf der Suche und wir zeigen ihnen, was das Leben im Glauben ausmacht.“ Viele kommen mit konkreten und persönlichen Fragen und die Schwestern sind bereit, diese offen und ehrlich zu beantworten.

Maria, 34-jährige Psychologin und Theologin, wollte sich nach einem Stellenwechsel eine Auszeit nehmen. „Ich schätze solche Orte sehr, weil hier die Seele zur Ruhe kommt. Die Schwestern machen ihre Türen auf, nehmen einen mit hinein und lassen an ihrem Lebensrhythmus teilhaben. Das hat mir eine innere Ausgeglichenheit geschenkt“, sagt sie und erzählt von ihrer namenlosen Sehnsucht nach Erfüllung. Nach sechs Tagen fühlt sie, dass sie gestärkt in ihren eigenen Alltag zurückkehren kann.

Mittendrin in dieser besonderen Gemeinschaft leben, die von der Liebe Gottes gehalten wird – für die 29-jährige Naturwissenschaftlerin Kerstin aus Neu-Ulm eine wertvolle Erfahrung. Sie habe an diesem Ort Kraft und Liebe gespürt, die im normalen Alltag verloren gingen. „Tief in mir drin kann ich die Gegenwart von Gott zulassen. Das soll mir helfen, künftig in gewissen Alltagssituationen im Glauben und nach dem Vorbild Jesu gelassener zu reagieren.“ Bei den Schwestern habe sie gelernt, dass man auch Zweifel zulassen darf: „Durch Krisen wächst man im Glauben.“

Schwester Marlies Göhr gemeinsam mit Debora Reith in der Bibliothek. Foto: Maria Bloching

Die 25-jährige Masterstudentin Sabine hat nach einem schönen, aber stressigen Jahr die Möglichkeit ergriffen, aus der Hektik des Alltags auszubrechen. „Wenn alles so laut ist, überhört man oft wichtige Dinge“, meint sie. Ihre Entscheidung, diese Ruhe für einige Tage im Kloster zu suchen, habe bei Bekannten Mitleid erregt: „Sie meinten, ich hätte über Silvester nichts besseres vor und luden mich zu ihrer Party ein. Das Klösterliche und der Glaubensaspekt erschrecken viele Leute, weil sie sich nicht viel darunter vorstellen können. Hätte ich gesagt, ich nehme mir eine Auszeit und mache Yoga, wäre das einfach nur cool gewesen.“

Die Tage hier hat sie als normal und strukturiert erlebt, auch wenn der frühmorgendliche Start in den Tag mit dem Morgengebet für die Studentin ungewohnt war. „Ich genieße die Routine, die festen Zeiten für das gemeinsame Essen, Beten und Ruhen.“ Obwohl genau das zeitweise sehr anstrengend sein kann, wie sie einräumt. Die Zeit, so betont Maria, hat für sie auf jeden Fall eine andere Wertigkeit erhalten. „Eine Stunde, die ich sonst am Handy verdattele, nutze ich hier bewusst zum Lesen oder Ausruhen.“

Untermarchtal, Kloster St. Vinzenz, Gesprächsrunde

Für die sechs jungen Frauen war Schwester Marlies die Ansprechperson. Foto: Maria Bloching

Alle sechs jungen Frauen können nach ihrer Woche im Kloster ein positives Resümee ziehen. Und die Schülerinnen Debora und Sabrina wissen nun zumindest zum Teil, welches Leben im Konvent in Tansania auf sie zukommt. Das oft altertümliche Bild der isolierten Nonnen hat sich bei allen verändert. Die gelebte menschliche Gemeinschaft, geprägt vom respektvollen Umgang miteinander und getragen durch den Glauben und das Gebet, hat Spuren hinterlassen und neue Wege aufgezeigt.



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