Christliche Themen für jede Altersgruppe

Knattern für die Kirche

RUDERSBERG-SCHLECHTBACH (Dekanat Schorndorf) – Langweilige Gemeindefeste? Von wegen! Wenn die Jugend der Gesamtkirchengemeinde zum Zuge kommt, dann staubt es. Denn die jungen Leute wollen mehr Menschen erreichen und verastalten dafür ein Crossrennen mit Mofas. Auch zur vierten Auflage sind Hunderte zu der Veranstaltung gepilgert, die mehr bietet als nur Motorsport. 


Konzentriert sind die Fahrer bei der Sache. (Foto: Markus Heffner)

Zwischen dem Knattern der Zweitaktmotoren und benzingetränkter Luft gibt Werner Hinderer richtig Gas. Das Gedränge vor ihm wird immer größer, weshalb er sich ranhalten muss, um den Anschluss nicht zu verlieren. Mit einem kühnen Schwung wirft er ein paar Portionen frisches Putenfleisch in die Pfanne. Nachschub für den Renner des Tages am Stand, der hundertfach über den Tresen braust: der Mofacross-Döner.

Während der Feinkostmetzger aus Rudersberg mit der Grillzange in der Hand seinen eigenen Wettkampf bestreitet, kurvt nebenan ein Feld von Mofabikern durch einen engen Parcours, vor dessen rot-weißen Flatterbändchen sich die Zuschauer in Scharen drängen. Dahinter wird alles geboten, was zu echtem Motorsport gehört: wagemutige Sprünge über Erdhügel,  spektakuläre Überholmanöver, Stürze vom Schrottauto, Kurvenfahrten in Schräglage, Balanceakte über dem Wassergraben – und das alles begleitet von Motorenlärm und Benzingeruch.

Es ist die vierte Auflage des Schlechtbacher Mofacross‘, ein Spektakel, zu dem an diesem schönen Frühsommertag Besucher aus allen Himmelsrichtungen und Ortschaften im ganzen Rems-Murr-Kreis und von noch weiter her pilgern. „Darauf freuen wir uns das ganze Jahr. Der Aufwand ist zwar immens, aber alle in der Gemeinde stehen voll dahinter“, sagt Martin Birzele vom Kirchengemeinderat. Er ist einer der vielen Helfer, die ihren Teil dazu beitragen, dass aus einer Idee im jugendlichen Leichtsinn ein Gemeindefest werden konnte, „das zwischenzeitlich für eine offene und moderne Kirche steht, die für alle zugänglich sein will“, wie Birzele betont.

Einer der jugendlichen Ideengeber und Initiatoren ist Jonas Zehnder, der an diesem Tag kaum dazu kommt, das Mikro aus der Hand zu legen. Geschweige denn, selber ein paar Runden auf einer alten Knatterkiste zu drehen. Der 21-Jährige kündigt zusammen mit Jannik Hieber die einzelnen Rennen an, erklärt, was ein Le-Mans-Start ist, kommentiert die Läufe, stellt die Fahrer vor und gibt die Zwischenstände durch. Zwischendurch zupft er noch schnell ein Absperrband zurecht, wenn einer der Mofa-Rennfahrer sich etwas zu wagemutig in die Kurve gelegt und selbige unfreiwillig verlassen hat.

„Wir haben früher alle selber Mofas und Mopeds gehabt“, erzählt er. Vor lauter Begeisterung an der Sache sei ihnen eines Tages dann die Idee gekommen.  

Weil das Schlechtbacher Mofacross dabei nicht nur einfach ein Spektakel mit Unterhaltungswert sein sollte, sondern gleichzeitig auch ein etwas anderes Angebot der Kirche, mussten die Jugendlichen zunächst einiges an Überzeugungsarbeit leisten, sagt Jonas Zehnder, der sich seit vielen Jahren in der evangelischen Kirchenjugend Rudersberg engagiert. Nicht alle in der Gemeinde waren auf Anhieb davon begeistert, dass ein Motorsportspektakel als Botschafter für die Kirche werben und Menschen womöglich den Glauben näher bringen soll.

Das hat sich aber längst geändert. „Wir wollen damit Leute erreichen, die nicht in einen herkömmlichen Gottesdienst gehen“, sagt Martin Stober, der als Pfarrer das Rennen begleitet und zuvor auf der Bühne ein Vaterunser mit den Zuschauern betet. „Dass Glauben gut tut und weiter bringt, kann auch auf diesem Weg vermittelt werden“, sagt er.

Jens Unger glaubt an diesem Tag vor allem an seine Schrauberkünste und an das mattschwarze Mofa der eher exotischen Marke Tomos, das er im Internet für 75 Euro ersteigert hat. „Extra für das Mofacross“, wie der 21-jährige Industriemechaniker aus Rudersberg betont. Zu dem vergleichsweise günstigen Preis hatte er das Gefährt insbesondere deshalb bekommen, weil es einen Totalschaden hatte und komplett neu aufgebaut werden musste. Nach längerer Fehlersuche und einem halben Jahr Schrauberei steht es nun fast wie neu neben ihm. Allerdings stellt sich im ersten Lauf heraus, dass der Vergaser etwas zu wenig Luft bekommt, weshalb Unger die Erdhügel hinauf mit den Füßen mitlaufen muss. „Da braucht man gute Oberschenkel“, sagt er in einer der Pausen zwischen den Rennen, in der er seinem Mofa eine Frischluftkur und sich eine Dose Energie-Drink gönnt.  

Gefahren werden darf bei dem Rennen mit maximal 50 Kubikzentimeter starken Motoren, die im Rahmen einer alten Kreidler Flory, Honda Dax oder einem anderen zweirädrigen Oldtimer aus längst vergangenen Zeiten hängen. 38 Teilnehmer sind in diesem Jahr zum Rennen angetreten, „so viele wie noch nie“, sagt Jonas Zehnder. Dabei wird das Fahrerfeld nicht nur immer größer, sondern zur Freude der Besucher auch immer origineller: So braust die Nummer 66 im Bärenkostüm bis ins Finale, eine motorisierte Kuh landet mit ihrem gefleckten Gefährt dagegen im Wassergraben.  

Ausgehoben wurde der Graben mit schwerem Gerät, das der Vater von Jonas Zehnder hat anfahren lassen. Der ehemalige Vorsitzende des Kirchengemeinderats hat praktischerweise einen Straßenbaubetrieb, dessen Mitarbeiter beim Bau des 600 Meter langen Parcours geholfen haben. Ein Landwirt hatte zuvor noch schnell die Wiese gemäht, und die Gemeinde Rudersberg hat das gesamte Gelände kostenlos zur Verfügung gestellt. „Das ist eine tolle Veranstaltung und ich bin froh, dass wir in der Gemeinde so etwas haben und sich so viele Bürger ehrenamtlich engagieren“, sagt Martin Kaufmann, der erst unlängst frisch wiedergewählte Bürgermeister von Rudersberg. Er war auch schon selber auf einem Mofa mit von der Partie. „Das macht einen Mordsspaß.“

Auch bei Jonas Zehnder und seinen beiden Mitstreitern vom Organisationsteam überwiegt trotz der Arbeit und der Verantwortung der Spaß, zumal auch diesmal außer ein paar Schrammen keine größeren Blessuren zu vermelden sind. Natürlich probieren die Organisatoren die Strecke vorher aus, „das muss schon sein“, sagt Jonas Zehnder, der überzeugt davon ist, dass diese Art von Gemeindefest dazu beiträgt, „die Kirche als eine Institution aus der Mitte der Gesellschaft darzustellen“.

Selbstverständlich gehört daher der morgendliche Gottesdienst dazu, zu dem die Organisatoren diesmal Josef Müller eingeladen haben, jenen Millionenbetrüger, der mit dubiosen Finanzgeschäften viel Geld gemacht hat, von der CIA um die halbe Welt gejagt wurde, ins Gefängnis kam, dort zum Glauben fand und nun das Wort Gottes verkündet. Zum Ausklang steht nach der Siegerehrung die Band Crossfire auf der Bühne, deren Klassiker und Balladen inbrünstig mitgesungen werden. „Ein Wahnsinnstag, alles ist perfekt gelaufen“, sagt Jonas Zehnder. Einziger Wermutstropfen: Die leckeren Mofacross-Döner sind irgendwann ausverkauft.