Christliche Themen für jede Altersgruppe

Körper und Leib - Körperspende theologisch betrachtet

Christina Jeremias-Hofius begleitete als Hochschulpfarrerin in Tübingen die Studentinnen und Studenten des Präparierkurses während des Semesters und bei der Aussegnungsfeier. Hier erzählt sie, welche, auch theologischen, Fragen das Thema Körperspende bei ihr aufwirft – und wo sie Antworten findet.

Die Stiftskirche in Tübingen ist bei der Aussegnungsfeier immer gut besucht. Foto: Julian Rettig

Die Stiftskirche in Tübingen ist bei der Aussegnungsfeier immer gut besucht. Foto: Julian Rettig

In Gesprächen mit Studierenden des Präparierkurses kommen ganz unterschiedliche Fragen auf. Das fängt damit an: Wie spricht man von dem, der namenlos und anonymisiert vor einem liegt? Ein Körperspender? Ein Präparat? Wir einigen uns darauf, von den Verstorbenen zu reden.

Dazu passt, dass die Körper auch über den Tod hinaus noch sehr persönliche Züge aufweisen. In ihrer Dankesrede für die Aussegnungsfeier 2020 greifen die Tübinger Medizinstudierenden den Aspekt der körperlichen Individualität ausdrücklich auf: Die Art, wie wir leben, hinterlässt Spuren in unserem Körper sowie umgekehrt unser Körper auch unser Leben mitgeprägt hat. Und mir stellt sich die Frage: In welchem Verhältnis stehe ich eigentlich zu meinem Körper?

In der gemeinsamen Vorbereitung der Dankesrede streifen wir auch die Frage nach dem Tod. Kommt danach noch etwas? Lässt das, was überlebt, oft als Seele bezeichnet, den Körper zurück? Oder gibt es gar nichts Überlebendes? Welche Bedeutung hat es dann, dass in der Aussegnungsfeier die Namen der Körperspender noch einmal genannt werden, wenn aus den Präparaten explizit wieder Verstorbene werden?

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Nach der Aussegnungsfeier erzählen mir Angehörige einer Körperspenderin, dass die Verstorbene sie schon frühzeitig informiert habe: Sie habe ihnen das unterschriebene Formular in die Hand gedrückt. Was für eine Chance, über Sterben und Tod und über die eigene Bestattung ins Gespräch zu kommen.

Wobei Körperspender in der Hinsicht die Form des Abschieds ihrer Angehörigen stark mitbestimmen. Denn der Abschied dauert; in der Regel vergehen zwei bis drei Jahre, bis die Urnenbeisetzung erfolgt. Und vorher, gleich nach Eintritt des Todes bleibt auch kaum Zeit, um sich in einer gestalteten Form zu verabschieden: Die Überführung in die Anatomie muss zeitnah erfolgen. Und ich frage mich, was das für den Trauerprozess bedeutet. Nicht nur für den der nächsten Angehörigen, sondern auch für den von Freunden und Freundinnen. Doch vielleicht ist das Teil des Erlebens derer, die einem Spender, ganz egal welcher Art von Spende er oder sie tätigt, nahestehen: Sie haben zu akzeptieren. Und im besten Fall heißen sie es aus Liebe und Zuneigung zum Spender und zur Spenderin auch gut.

Körperspende - Der Mensch ist begrenzt gemacht

Christina Jeremias-Hofius, Pfarrerin Stiftskirche Tübingen. Foto: Wolfgang Albers

Christina Jeremias-Hofius begleitete als Hochschulpfarrerin in Tübingen die Studentinnen und Studenten des Präparierkurses während des Semesters und bei der Aussegnungsfeier. Foto: Wolfgang Albers

Viele Fragen. Aus meiner christlichen Perspektive finde ich auf etliche durchaus Antworten: Die Namensnennung bei der Aussegnungsfeier erinnert mich daran, dass zu jedem gespendeten Körper eine Geschichte gehört. Und in Verbindung mit Jesaja 43,1 weiß ich auch, wer die Namen und Geschichten noch kennt und sie tatsächlich über Zeit und Raum (be-)hält. Und dass darum der Mensch auch getrost zu Erde, Asche, Staub werden und vergänglich sein kann. Weil er so begrenzt gemacht und gewollt ist. Was Gott in seiner Grenzenlosigkeit ihm dann um seines Namens willen eröffnet, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Für mich bekommt die Metapher von Paulus aus 1. Korinther 15,35ff. ein stärkere Gewicht: Gesät wird der Same und der stirbt. Und dann kommt etwas ins Leben und bekommt einen neuen Leib, der ganz anders aussieht als der Same. Für die Kontinuität zwischen Samen und Leib steht Gott. Von sich aus lebt nichts weiter, das gestorben ist. Paulus besteht hier, wie auch an anderen Stellen, auf der ganz anders gearteten Leiblichkeit des Auferstandenen und des aufzuerweckenden Menschen.

Der „Leib“-Gedanke ist mir wichtiger geworden. Wenn ich von „Körper“ spreche, spalte ich einen Teil von mir ab, nehme meine Fleischlichkeit als Hülle, gestaltbare Form: Durch Fitness und Ernährung, Tattoos und Schönheitsoperationen, durch Permanent Make-up oder auch abwischbares, durch Färben des Haares und vieles andere mehr.

Manchmal erlebe ich meinen Körper auch als etwas, was sich von mir abspaltet: Wenn er nicht das tut, was ich will, mich mit Kopfschmerzen plagt, wenn ich doch dringend kreativ sein sollte. Doch die Psychosomatik erinnert uns immer wieder daran, dass das „Ich“ eben nicht vom Körper zu trennen ist. Im Wortteil „soma“ klingt die Leiblichkeit wieder an. Leib bin ich, einen Körper habe ich. Es ist meine Leiblichkeit, durch die ich werde, mich entwickle, Beziehungen erlebe, mich beeinflussen lasse, Eindrücke gewinne und all das hoffentlich segensvoll auch weitergeben kann.

Die Körper der Verstorbenen repräsentieren die frühere Leiblichkeit. Doch sie sind nicht mehr Leib, weil alle lebendige Beziehung zum Ende gekommen ist. Tot ist tot. Doch Gott, der das, was nicht ist, ruft, dass es sei (Römer 4,17), hält uns mit unseren Namen. Ungeahnte Möglichkeiten, die Gott für uns bereithält. Das Leben ist gewollt und darum schön. Hier wie dort.

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