Christliche Themen für jede Altersgruppe

Komm, du Geist der Wahrheit

Pfingsten. Ein schwieriges Wort. Ein schwieriges Fest. Die meisten nutzen diese Feiertage, um in den ­Urlaub zu fahren. Manche Zeitgenossen wissen auch noch, dass dieses Fest mit dem Heiligen Geist zusammenhängt. Aber auch Christen fällt es zuweilen schwer, zu erklären, was wir feiern. 



Der Geist ist dynamisch: Das zeigt auch der Bonner Tänzer Felix Grützner beim „Lebenstanz“ in der kleinen
romanischen Kölner Kirche St. Maria in Lyskirchen. (Foto:epd-Bild)

Oder noch direkter in die Welt der Musik: Gustav Mahlers 8. Symphonie nimmt den mittelalterlichen Pfingst­hymnus „Veni, Creator Spiritus!“ auf, im genialen Gespräch mit dem Schluss von Goethes Faust II. Bei der Uraufführung seines größten Werkes am 12. September 1910 waren 3000 begeisterte Zuhörer in München (die gleiche Zahl wie in der Pfingstgeschichte!), unter den Prominenten auch Thomas Mann, der nach der Aufführung ein hymnisches Dankschreiben an Mahler sandte. Ein Kritiker bezeichnete Mahler in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung als „deutschen Meister, der uns Unaussprechliches zu sagen hat“.

Pfingsten der Geburtstag der Kirche, das wird gern so gesagt, ist aber nur Oberfläche. Pfingsten ist reicher, tiefer, komplexer. Lukas schreibt in Apostelgeschichte Kapitel 2, dass in Jerusalem viele Pilger an dem großen jüdischen Wallfahrtsfest Schavuoth zusammengekommen waren. Schavuoth wird auch mit „Wochenfest“ übersetzt, weil es „eine Woche von Wochen“ nach dem Passahfest gefeiert wird, also nach 49 Tagen – oder anders ausgedrückt „am fünfzigsten Tag.“ Auf Griechisch heißt dieses Zahlwort pentékostê. Daraus entwickelte sich unser „Pfingsten“ als Lehnwort.

Obwohl die Jünger nur aus Galiläa stammen, können die frommen Juden aus aller Welt sie in ihrer jeweiligen Muttersprache verstehen. Biblisch gesprochen ist damit die babylonische Sprachverwirrung rückgängig gemacht und aufgehoben.

Wieso waren fromme Juden aus Rom, Nordafrika, von der Krim und aus dem Orient nach Jerusalem gepilgert? Schavuoth ist ein jüdisches Hochfest, an dem Israel Gott feierlich dankt, dass er ihnen am Berg Sinai die Thora, die Weisung für gelingendes Leben gegeben hat, bildlich dargestellt mit den Zehn Geboten.

Das Bild mit den Feuerzungen auf dem Kopf: Gustav Mahler hat innerlich gebrannt, als er die Idee zu seiner 8. Symphonie bekam und sie in kürzester Zeit niederschrieb, wie er darin in seiner Genialität zwei Texte, die tausend Jahre auseinanderliegen, einen mittelalterlichen Pfingsthymnus mit der Schlussszene aus Goethes Faust II. verbindet. In fremden Zungen, anderen Sprachen reden und verstanden werden können: Der Heilige Geist kann bewirken, dass Menschen über sprachliche Hürden, kulturelle und soziale Grenzen etwas von Jesu befreiender Botschaft über Gott erfahren können. Was könnten die Jünger von Jesus damals gesagt haben?

„Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Es ist aber leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Tüpfelchen der Thora fällt. Jesus ist das Ziel des Gesetzes.“ „O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann.“ (EG 136,1)

Was ist der Heilige Geist? Aus der Eröffnung des Gottesdienstes kennt man die dreigliedrige Formel: „Wir feiern im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Und im Glaubensbekenntnis beginnt der dritte Artikel mit: „Ich glaube an den Heiligen Geist…“ Woran denken Sie da bei „Heiliger Geist“?

Interessant sind zunächst die sprachlichen Beobachtungen: im Hebräischen ist das Wort rúach haqodèsch grammatikalisch weiblich und bedeutet: „Wind, Hauch.“ Bei den Griechen, die gerne in Konzepten dachten, ist das Wort pneuma hágion ein Neutrum, sächlich, und mit „Atem“ verwandt, ein dynamisches Prinzip. Und bei den Römern ist spiritus sanctus ein Maskulinum, wir sagen im Deutschen auch: der Geist.

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“ So fängt die Bibel an. Schon im zweiten Satz, noch bevor die Schöpfung beginnt, ist der Geist Gottes da. Aber Luthers Übersetzung „schwebte“ suggeriert etwas Ruhiges. Im hebräischen Original steht das Gegenteil: Der Geist Gottes wird in einem heftigen Flattern geschildert.

Und ganz egal, wie wir uns heute Schöpfung vorstellen, vor dem so genannten Urknall wird man sich das Universum gar nicht anders als in dynamischer Spannung denken können. Der Geist Gottes bei der Erschaffung der Welt: Für die Bibel ist er die personifizierte Kreativität. Wie will man das göttliche Lebensprinzip im All und in uns selbst schöner ausdrücken? Der Heilige Geist ist der göttliche Lebensatem in uns.

In der Sprache der Bibel stehen sich Fleisch und Geist gegenüber. Fleisch bezeichnet alles, was unvermeidlich der Vergänglichkeit verfallen ist – Fleisch muss verwesen, wenn es nicht mehr vom Lebensatem lebendig gehalten wird. Geist ist dieser Lebensatem, ganz real biologisch, aber dann übertragen in alle Bereiche von Lebendigkeit. Bis zur höchster spirituellen Wirklichkeit, unserer Teilnahme am göttlichen Leben, wenn wir in Liebe völlig aufgehen.

An den Heiligen Geist zu glauben, das können wir so verstehen: auf unsere innerste Verbundenheit mit dem lebendigen Gott zu vertrauen und entsprechend zu leben.

Der Komponist Gustav Mahler hat „Veni, Creator Spiritus“ vertont, Luther hat den mittelalterlichen Pfingsthymnus übersetzt, im Gesangbuch steht er als „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist, besuch das Herz der Menschen dein, mit Gnaden sie füll, denn du weißt, dass sie dein Geschöpfe sein“ (EG 126).

Mahler verbindet in seiner großartigen 8. Symphonie diese Bitte um den schöpferischen Spiritus, männlich, im Schlusschor mit diesen abschließenden Worten Goethes im Faust II: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis; das Unbeschreibliche, hier wird’s getan; das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“

Gottes „Geist“ ist nicht nur als Kraft, Energie, Lebendigkeit gedacht, sondern wesentliche Liebe als weltstiftendes und welterlösendes Prinzip. Nicht bloß Bewegung, Energie, Brausen, Blutdruck oder Biologie, hier kommt die Vorstellung einer höheren Gnade dazu.

Doch weil wir unzulängliche Menschen sind, hat das ein rastloses Streben und den Wunsch nach Erleuchtung zur Folge, hier kommt der faustische Charakter zum Zug, von Mahler als Inbegriff des kreativen und schöpferischen Menschen gedeutet, welcher „immer strebend sich bemüht“. Vereint führen deshalb Liebe und Gnade zu einer seelischen Reinigung und Fortdauer der Existenz nach dem Tod. Die Brücke von den Bitten des Pfingsthymnus zu Goethes Versen ist das Scharnier in der Mitte des Hymnus, diese Bitte „Accende lumen sensibus, infunde amorem cordibus“, mit Luther: „Zünd uns ein Licht an im Verstand, gib uns ins Herz der Lieb Inbrunst.“

Liebe kennt keinen Zwang, sie tröstet, muntert auf, schenkt Freiheit, weitere Entwicklung, neues Leben. Gottes Heiliger Geist ist in den Sprachen der Bibel sächlich und männlich, und eben ursprünglich auch weiblich, weil sich die Bibel Erbarmen nur als Gottes mütterliche Seite denken kann. Bei der Taufe, Konfirmation und Ordination wird dieser Heilige Geist uns zugesagt und im Segen bekräftigt. Er bleibt unverfügbar und frei, denn er weht, wo er will.