Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kriegserlebnisse bleiben immer

Manche alten Frauen und Männer sind sehr traurig, leben zurückgezogen – auch im Heim. Früher wurde das einfach hingenommen. Heute weiß man, dass das bei über 80-Jährigen auf Kriegstraumata schließen lässt. Dieses Phänomen wird seit einiger Zeit erforscht. 


Bilder wie diese vergessen Menschen, die die Bombenangriffe mit erlebt haben, ihr Leben lang nicht. Das Foto zeigt das Neue Schloss in Stuttgart nach den Bomben­angriffen 1944. (Foto: Landesmedien­zentrum Baden-Württemberg)


Manchmal reden die alten Frauen und Männer mit ihr, sagt Eva Trede-Kretzschmar. Doch über den Krieg sprechen sie nicht mit jedem. Die Heimleiterin macht die Erfahrungen, dass sich traumatisierte Kriegskinder eher ihr – einer 60-Jährigen – als einer 20-Jährigen öffnen. Und sie erlebt, dass die Kriegskinder „hervorragende Verdrängungskünstler“ sind. Selbst sie hat als Kind nur allzu oft den Satz gehört: „Kinder, das war eine schlimme Zeit. Wir lassen sie lieber ruhen.“

Die Pflegekräfte müssen dafür sensibilisiert werden, Kriegstraumata zu erkennen. Und sie müssen mit ihnen umgehen können. Davon ist Eva Trede-Kretzschmar überzeugt. Deshalb geht ein Pfarrer, der inzwischen längst im Ruhestand ist und im Zweiten Weltkrieg Flakhelfer war, regelmäßig mit jungen Pflegerinnen auf den Monte Scherbellino – den Trümmerberg Stuttgarts – und erzählt den jungen Frauen, was er erlebt hat, als Stuttgart von Bomben zerstört wurde.

Die Bonner Psychologin Cora Kepka hat eine große Erfahrung mit Kriegstraumata. In ihren Gesprächskreisen sind hauptsächlich Menschen, die zwischen 1955 und 1975 geboren sind. Diese so genannten Kriegsenkel suchten oft einen Weg, um Zugang zu ihren vom Krieg traumatisierten Eltern zu finden. „Sie nehmen die emotionale Bedürftigkeit ihrer Eltern wahr und versuchen, etwas wieder gutzumachen, was gar nicht in ihrem Verantwortungsbereich liegt“, sagt die Psychologin. Es gehe ihnen auch um das Begreifen der eigenen Lebensgeschichte.

Tatsächlich leiden nach ihrer Erfahrung viele alte Menschen unter den Folgen ihrer Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. „Diejenigen, die von 1927 bis 1945 Kinder waren, erinnern sich im Alter wieder an traumatische Erlebnisse“, sagt Kepka. Teilweise geben Kriegskinder ihre Traumata nach Erfahrungen der Psychologin an ihre eigenen Kinder weiter.

„Das fehlende Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse und Nöte der eigenen Kinder, weil man ja selbst so Schlimmes erlebt hat, führt dazu, dass Kinder wenig emotionale Zuwendung bekommen“, erklärt die Bonner Expertin, die auf die Behandlung von traumatischen Erlebnissen wie Gewalt-, Kriegs- oder Missbrauchserfahrungen spezialisiert ist. Häufig seien traumatisierte Menschen gefühlsmäßig abgestumpft, weil sie Angst hätten, von Erinnerungen überwältigt zu werden.

Die Psychologin rät betroffenen Familien, über die Vergangenheit zu sprechen. „Aber wenn die Eltern nicht reden wollen, sollte man das ernst nehmen, weil sie sich damit schützen“, sagte Kepka. Gerade bei pflegebedürftigen Menschen besteht nach Kepkas Worten die Gefahr der Retraumatisierung. Durch die Abhängigkeit von anderen Menschen erlebten sie Ohnmachtsgefühle, die sie an Situationen aus dem Krieg erinnerten. Hilfreich sei, wenn sich Betroffene untereinander austauschen.

Dabei geht es nicht nur um Ängste vor den Bombenangriffen oder davor, in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden. Manchmal fühlen sich Menschen auch schuldig. Eine Heimleiterin berichtet etwa von der Tochter eines Lagerleiters. Sie ist in einem Konzentrationslager groß geworden, erfährt dann später, dass ihr Vater für die Vergasung von Tausenden von Männern, Frauen und Kindern verantwortlich ist. Wie können Pflegerinnen darauf reagieren? „Wir reden mit der Frau. Und schreiben mit ihrem Einverständnis ihre Erzählungen auf, die sie dann später wieder liest.“ Doch dabei allein bleibt es nicht: „Wir versuchen, ihr eine Perspektive zu eröffnen. Schließlich kann sie ja nichts für ihren Vater.“