Christliche Themen für jede Altersgruppe

Labiles Gleichgewicht

Die Aufgabenteilung zwischen Staat und Kirchen der Reformation schien zunächst klar. Doch leicht konnte das neue Gleichgewicht aus dem Lot geraten. Die Kritik der Kirche am Staat führte mitunter zu einer viel zu engen Bindung zwischen den beiden. 


Luthers Gedanken sind das Fundament für eine Gegenkirche, die den Opponenten gegen Kaiser und Papst die Legitimation als neue Herrscher verschaffen soll.
(Foto: Basti Arlt/ekd.de)


Die evangelisch gewordenen Fürsten werden nicht nur in die Pflicht genommen, den Schutz nach außen sicherzustellen. Ihnen werden auch die Kirchenaufsicht, die Verantwortung für Bildung und Erziehung und die evangelische Lebensführung überhaupt übertragen. Eine solche Übertragung verstand man dabei nicht im modernen Sinne als Ergebnis politischer Willensbildung, von Abstimmungen oder Vertragsschlüssen. Die Reformatoren dachten hier grundlegend anders: Gott hat die Obrigkeit genau zu diesem Zweck eingesetzt, sie führt das Schwert, um die Ordnung und die rechte Lebensführung zu garantieren. Aus dieser Aufgabenbeschreibung ergibt sich ihre Legitimation, daraus ergeben sich aber auch ihre Grenzen. Denn so sehr von den Christen mit Römer 13,1 Gehorsam gegenüber der Obrigkeit gefordert ist, so sehr gilt auch mit Johannes 18,36: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Die Obrigkeit darf sich daher nicht in die Aufgaben des geistlichen Amtes einmischen.

So klar diese Aufgabenteilung auf den ersten Blick aussieht, so schnell ergaben sich in der Praxis Probleme. Denn diese Funktionszuschreibung ist eindeutig aus der Perspektive der Theologie entworfen: Ihre Vertreter bestimmen darüber, welche Aufgaben der Obrigkeit legitimerweise zukommen. Nun zeigte sich aber schon bald, dass nicht nur die reformatorischen Kirchen den Staat für ihre Zwecke funktionalisieren wollten, sondern auch umgekehrt die Obrigkeit die Kirche für ihre Ziele in Dienst zu nehmen suchte. Daraus erwächst ein Spannungsverhältnis, dem von Anbeginn an etwas Unstetes und Fragiles eignet. Dies musste aber keineswegs etwas Schlechtes bedeuten, sondern konnte sich durchaus als ein produktives Unruheverhältnis darstellen. Doch dieses labile Gleichgewicht konnte eben auch leicht aus dem Lot geraten. Die Verführbarkeit durch den Nationalismus und, schlimmer noch, den Nationalsozialismus sind die dunkelsten Kapitel dieser besonderen Beziehung zwischen Kirche und Staat.

Dabei ist es für den deutschen lutherischen Protestantismus kennzeichnend, dass er gerade durch seine Kritik an der weltlichen Macht der Kirche einen engen, mitunter eben auch einen zu engen Schulterschluss mit der Politik suchte. Den Eigeninteressen der Politik hatte er dann zu wenig kritisches Potenzial entgegenzusetzen: Ohne die Autorität eines kirchlichen Lehramts als Korrektiv und als von Gott selbst eingesetzt konnte der weltlichen Obrigkeit durchaus zu viel Spielraum für die Ausgestaltung ihrer Aufgaben zugebilligt werden.

Eine aus der Antike übernommene Tradition erwies sich dabei für die Beteiligten als hilfreich – und aus heutiger Perspektive als äußerst problematisch: Machtausübung muss nicht nur auf physischer, sondern auch auf geistiger Stärke beruhen. Das bedeutet: Die Legitimität einer Herrschaft entscheidet sich daran, ob sie die reformatorischen Überzeugungen zum rechten Glauben und rechten Leben teilt und befolgt. Ohne Zweifel hat dies nachhaltig zur Entstehung des verfassungs- und vor allem auch des wertorientierten Kulturstaates beigetragen. Allerdings hatte diese Auffassung auch zur Folge, dass sich gerade der deutsche lutherische Protestantismus lange Zeit schwertat mit modernen Staatsauffassungen. Denn zu dieser Vorstellung gehört auch, dass man den Landesherrn, der sich am reformatorischen Glauben orientiert, als Verkörperung von Gottes weltlichem Regiment ansieht, der dem Übel wehrt und die Schwachen schützt. Daraus resultiert nicht nur ein theologisches Votum für die Monarchie, sondern auch eine Verklärung paternalistischer Strukturen.

Mehr noch: Politische Ordnungen, die auf dem Zusammenschluss oder dem Votum der Bürger beruhen wie die Demokratie, mussten in dieser Perspektive als unvereinbar mit dem Willen Gottes gedeutet werden. Die Distanz des Protestantismus zur Demokratie liegt hier begründet, aber auch seine Nähe zum Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert: Mit dem Aufkommen des Nationalstaates wandelt sich der Protestantismus auch zur Nationalreligion. Politische Auseinandersetzungen im Zeitalter des Imperialismus und Nationalismus wurden somit religiös aufgeladen, eine Entwicklung, die vor allem den Konflikt mit Frankreich, mit Einschränkungen auch mit England motivierte. Für den Dreischritt Luther – Bismarck – Hitler, vom französischen Germanisten Edmond Vermeil erstmals 1934 formuliert und dann vielfältig aufgenommen, gab und gibt es also durchaus Anhaltspunkte.

Bestimmte Denkfiguren in den reformatorischen, besonders in den lutherischen Kirchen ließen eine Mentalität entstehen, die sie anfällig machten für den Nationalsozialismus. Im Führerprinzip sah man die Rückkehr zum Idealbild der sittlich verantwortlichen Obrigkeit, die die Herrschaft der Masse und damit den Widerstand gegen die gottgegebene Ordnung beendet. Hitler wusste sich diese Mentalität geschickt und skrupellos zunutze zu machen – mit fatalen Konsequenzen auch für den deutschen Protestantismus.

Dennoch wäre es verkürzt, den Beitrag des Protestantismus zur politischen Kultur in Deutschland zu beschränken auf diese zweifelsohne dunkle Seite mit ihren fürchterlichen Folgen. Denn gleichzeitig trugen die bereits genannten, anders gerichteten Elemente auch dazu bei, eine moderne, an den Partizipationsrechten des Einzelnen orientierte Staatsform zu befördern. Dabei bleiben die Kirchen selbst oft in ihrer institutionellen Bindung an den Staat gefangen.

Dennoch befördert die evangelische Lehre eine nachhaltige Veränderung des politischen Denkens in der Moderne. Die Grundrechte, der Verfassungsgedanke, die weltanschauliche Neutralität des Staates und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit lassen sich auch als – vielfach transformierte – Folgerungen reformatorischer Überzeugungen lesen: Jedem Menschen kommt von Gott gleiche Würde zu; zwischen geistlicher und weltlicher Macht ist strikt zu unterscheiden; der Mensch ist von sich aus nicht in der Lage, das Gute letztgültig zu erkennen. Doch es bedurfte erst des Zusammenbruchs von 1945, damit in Deutschland diese Elemente größere Wirkkraft entfalteten. Erst die Pervertierbarkeit des Obrigkeitsideals machte den Weg frei für eine nachdrückliche Unterstützung des freiheitlichen, an Grund- und Menschenrechte gebundenen Staates der Bundesrepublik.

Rudolf Herfurtner
Magdalena Himmelstürmer
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