Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lachen ist menschlich

Wer über sich selbst lachen kann, gibt eigene Schwächen zu und zeigt damit Größe. Doch nicht ­immer hat sich die Kirche mit dem Humor leicht getan. Denn Lachen schafft auch Distanz – und das kann sowohl gefährlich als auch heilsam sein. 


Die Theologin Gisela Matthiae tritt als Clownin auf. (Foto: epd-bild)


Schon der griechische Philosoph Aristoteles (384–322 v.Chr.) verstand den Menschen als ein lachendes Wesen. Diese Fähigkeit unterscheidet den Menschen von allen anderen Lebewesen, meinte er. Doch Lachen kann freudig, zustimmend, bitter, begeistert, verspielt, lebenslustig, behaglich, hämisch, höhnisch, ansteckend, spöttisch, stolz, verzweifelt, zynisch und mehr sein. Auslachen und Verlachen kann aggressiv sein und verletzen.

Zudem kann über alles gelacht werden. Man kann über das Heilige wie das Banalste lachen. So stellen Humor und Gelächter immer wieder Mächtige und machtvolle Systeme in Frage. „Wer andere zum Lachen bringen kann, muss ernst genommen werden; das wissen alle Machthaber“, bemerkte Werner Finck (1902–1978), der als Kabarettist im KZ Esterwegen landete.

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Lachen schafft Distanz. Im Bereich des Religiösen ist das gefährlich und heilsam zugleich. Umberto Eco lässt in seinem Roman „Der Name der Rose“ den fanatischen Leiter der Klosterbibliothek, Jorge von Burgos, sagen: „Lachen ist ein Zeichen der Dummheit. Wer lacht, glaubt nicht an das, worüber er lacht, aber er hasst es auch nicht. Wer also über das Böse lacht, zeigt damit, dass er nicht bereit ist, das Böse zu bekämpfen. Und wer über das Gute lacht, zeigt damit, dass er die Kraft verkennt, dank welcher das Gute sich wie von selbst verbreitet.“Es braucht menschliche Größe und Souveränität, über sich selbst lachen zu können. Wer selbst einen Schritt zurücktreten kann, der macht Platz für den, der größer ist, im Letzten für Gott selbst. Zum Christsein gehört beides: Das Lachen und der Ernst, die überschwängliche Heiterkeit und der Tiefgang. Im Alten Testament heißt es: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit (…) weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit.“ (Prediger 3,1)

Menschenfreundliche Religionen können auch über sich selbst lachen. Sie ertragen Humor, der auch eine Form von Selbstkritik ist. Wer über sich selbst ­lachen kann, gibt eigene Schwächen zu. Damit tun sich Sekten und fundamentalistische Gruppierungen jedoch schwer. Oft kennen sie keinen Spaß. Wer sich selbst und den eigenen Glauben für so unfehlbar hält, dass man da­rüber keine Witze machen darf, setzt sich letztlich selbst an die Stelle Gottes.

In der Christenheit gibt es eine lange Tradition humorloser Theologen, die das Lachen aus der Kirche zu verbannen versuchten. Clemens von Alexandria (150–215) wollte das Lachen in der Gemeinde zwar nicht völlig unterdrücken. Aber ein Christ solle hier wie überall Maß halten. Johannes Chrysostomos (354–407) argumentierte, dass Jesus drei Nächte und drei Tage lang geweint habe. Die Heilige Schrift berichte aber mit keiner Silbe darüber, dass Jesus auch gelacht habe. Sein Fazit: „Jesus hat niemals gelacht!“

Auch der Kirchenvater Hieronymus (347–420) wollte dem Humor im Leben der Christen kein Heimatrecht einräumen. In Anlehnung an Jesu Wort: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen.“ (Lukas 6,21) stellte er fest: „Solange wir im Tal der Tränen leben, gibt es nichts zu lachen.“ Ludwig IX. der Heilige (1214–1270) verfügte, dass freitags nicht gelacht werden dürfe. Grund war die aufkommende höfischen Lachkultur, die sich mit Hofnarren erheiterte.

Ebenso war das Lachen in den Klöstern ungern gesehen. Als unkontrollierte und manchmal ansteckende Körperreaktion wurde es als Einfallstor der Sünde verstanden. Lachen störte die Stille. In schallendes Lachen auszubrechen, war untersagt. Drei Tage Exkommunikation gab es für Lachen während des Chorgebets, außerordentliches Fasten nach einem Lachanfall. Auch der dänische Religionsphilosoph Søren Kierkegaard verstand Glaube und Humor als zwei sich einander ausschließende Existenzsphären. In einer Religion, die das Leiden so sehr betont wie das Christentum, sah er keinen Raum für den Humor.

Als Ventil für ausgelassene Heiterkeit gab es in dem humorfeindlichen System der Kirche nur einmal im Jahr mit dem Karneval eine reservierte Zeit für ausgelassene Narren- und Eselsmessen. Vom 14. bis zum 19. Jahrhundert gab es den Brauch des Osterlachens. Der Pfarrer hatte die Aufgabe, am Ostermorgen die Gemeinde zum Lachen zu bringen. Dabei ging es auch herzhaft und kernig zu. Da im Spätmittelalter die Gemeinde bei diesem Brauch auch mit obszönen Handlungen und Zoten zum Lachen gebracht wurde, wurde das Osterlachen im Protestantismus scharf kritisiert und abgeschafft.

Unfug ist übrigens die Rede, dass nur Heiden einen Heidenspaß haben könnten. Das Wort „Heidenspaß“ hat nichts mit Heiden zu tun, sondern kommt vom althochdeutschen Wortstamm „hejd“. Die Heide ist eine große Wiese. Begriffe wie „Heidenangst“, „Heidenarbeit“, bedeuten etwas Riesiges, Großes.

Folgenreich war Friedrich Nietzsches Satz: „Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Um diesen Satz zu widerlegen, geht manch ein Christ nun als angestrengter Dauerlächler durch das Leben. Gewolltes Lachen ist jedoch Krampf. Nietzsche verkennt, dass Christen guten Grund zum Lachen haben. Die Christenheit ist zwar keine Lach- und Schießgesellschaft, aber ein lustiges Völkchen. Für Martin Luther war Lachen kein Ausdruck der Sünde, sondern Ausdruck für deren Überwindung. 

Die Clownin und Theologin Gisela Matthiae formuliert dies so: „Rechtfertigung bedeutet, von Gott kritisch, aber nicht ungnädig angeblickt zu werden. So ein Blick versetzt in einen Zustand heiterer Gelassenheit, mit dem man sich nun selbst zugleich kritisch aber nicht ungnädig anblickt. Liebevoll können das eigene Tun und Lassen, das kleine und das große Scheitern, der eigene Mut und die Mutlosigkeit bedacht werden. Christlicher Glaube weiß, dass nichts so bleiben muss, wie es ist, und dass sich aus jedem Scheitern wieder wunderbare neue Möglichkeiten auftun werden. Das Reich Gottes ist jetzt schon nahe herbeigekommen.“

Wunderbar hat der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber das gute Miteinander von Glauben und Humor beschrieben: „Wenn ein Mensch nur Glauben hat, steht er in Gefahr, bigott zu werden. Hat er nur Humor, läuft er Gefahr, zynisch zu werden. Besitzt er aber Glaube und Humor, dann findet er das richtige Gleichgewicht, mit dem er das Leben bestehen kann.“ Lachen macht den Menschen menschlich. Könnte es sein, dass auch im Himmel gelacht wird? Dieser kühne Gedanke ist in dem populären Weihnachtslied: „Stille Nacht, heilige Nacht“ entfaltet. Da heißt es: „Gottes Sohn, o wie lacht, Lieb aus deinem göttlichen Mund. Da uns schlägt die rettende Stund.“ Lachen ist menschlich; aber wahrscheinlich wird auch im Himmel gelacht.

Autor Pfarrer Peter Schaal-­Ahlers ist Vorsitzender des Redaktionsbeirats des Gemeindeblatts und macht mit Stadtdekan Søren Schwesig Kirchen­kabarett.



Gebet um Humor

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, Und auch etwas zum Verdauen. Schenke mir Gesundheit des Leibes mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten?…Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lasse nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich“ nennt. Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.
Thomas Morus (1478–1535)



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