Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lampenkauf statt Lobgesang

In der kommenden Woche stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Das Land am nordwestlichen Rand Europas ist seit über 450 Jahren protestantisch geprägt – doch die Säkularisierung ist unübersehbar. Ein Besuch in der schottischen Hauptstadt Edinburgh.  


Viele Kirchen in Edinburgh, der schottischen Hauptstadt, werden seit Langem anderweitig genutzt. (Foto: Xtravagant/Fotolia)


Die protestantische Spurensuche in Edinburgh beginnt auf der Royal Mile. Hier ein Dudelsackbläser im Kilt, dort ein Souvenirshop mit großem Whiskey-Sortiment, und alle paar Meter ein Treffpunkt für Grusel- und Geisterführungen. Dort, wo das Netherbow Gate die mittelalterliche Stadt begrenzte, steht das ehemalige Wohnhaus des gestrengen Reformators John Knox (1514–1572), ein Fachwerkbau. Auch das Scottish Storytelling Centre hat hier seinen Sitz.

Dessen Leiter ist gewissermaßen qua Amt dazu verdammt, sich mit Fragen schottischer Identität auseinanderzusetzen, und das tut Donald Smith schon seit Jahrzehnten. Seine Analyse: „Der protestantische Einfluss auf dieses Land war einmal enorm, und er ist immer noch da. Aber die protestantische Identität der Schotten starb in den 1960er Jahren.“ Damals habe man den eigenen Markenkern kritisch unter die Lupe genommen: „Hart arbeiten, sehr vernünftig und sehr diszipliniert leben.“ Immer mehr Menschen übersetzten das mit: freudlos, bigott, moralingetränkt. Anders gesagt: Nein, danke. John Knox hatte als Identifikationsfigur ausgedient.

Was nicht ganz gerecht sei, sagt Smith: Denn auch sozialer Geist, Bildungswille und vor allem die demokratische Kultur des Landes, die sich stark von England unterscheidet, gehörten zum Erbe des strengen Gründervaters. Und sicher ist auch die große Ära der schottischen Aufklärung, die in die ganze Welt ausstrahlte, nur mit dem hohen Stellenwert von Bildung und Erziehung in der reformierten Gesellschaft zu erklären.

Die Reformation zog in Schottland 1560 ein, gewissermaßen als Ausrufezeichen gegenüber der neuen und katholischen Königin Maria Stuart. „Während in England die Reformation eine Sache aus zusammengeflickten Kompromissen und fragwürdigen Halbheiten gewesen war, gab man sich in Schottland radikal“, resümiert Fitzroy MacLean in seiner noch heute lesenswerten „Geschichte Schottlands“: „Die Nüchternheit wurde der Grundton schottischen Lebens, sowohl gesellschaftlich als auch religiös.“ Bilder, Zeremonien und Musik waren verpönt, Weihnachten und Ostern wurden nicht mehr gefeiert.

Das Synodalprinzip der „Kirk“, das keine Bischöfe kennt, dafür aber eine „General Assembly“ als zentrales Leitungsorgan, hat in jener Zeit seine Wurzeln. Man verstand sich als unangreifbare Autorität gegenüber den Königen. König Karl I., vom Willen beseelt, die anglikanische Kirche Englands und die presbyterianische Schottlands zusammenzuführen, trieb den Konflikt auf die Spitze. Das von ihm eingeführte „Book of Prayer“ wurde 1637 zum Anstoß für einen Volksaufstand. Ein Jahr später unterzeichneten die Oberen Zehntausend den „National Convenant“, in dem man sich gegen die Einmischung der englischen Könige verwahrte. Mit Erfolg: Karl I. endete 1649 auf dem Schafott.

Die beiden Schauplätze der zentralen Ereignisse des 17. Jahrhunderts sind heute die prominentesten Aushängeschilder der Church of Scotland in Edinburgh. Ein paar Meter stadteinwärts vom John Knox House empfängt die Kathedrale St. Giles ihre Besucher, rund 950.000 pro Jahr. Die Kirche hat eine steinerne Königskrone und keinen Turm, was sie im Stadtpanorama gegenüber dem 60 Meter hohen monumentalen Scott-Denkmal unauffällig macht. Die Kathedrale ist eine Art Nationalheiligtum: Hier hängen die Fahnen schottischer Regimenter von den Pfeilern, hier sind prominente Freiheitskämpfer beigesetzt. John Knox ist auch präsent, aber eher abgestellt an der Nordwand im Inneren. Das Grab von „kill joy“,  dem Freudentöter, wie man Knox zu Lebzeiten auch nannte, neben St. Giles, ist gar von einem Parkplatz überbaut.

Ein paar Straßen weiter die zweite Nationalkirche: Greyfriars, der Schauplatz des „National Covenants“, mit seinem Friedhof, dessen berühmtestes Grabmal dem Terrier Bobby gewidmet ist. Der hatte 1858 auf dem Grab seines verstorbenen Herrchens Platz genommen und war dort 14 Jahre sitzen geblieben. Dann bekam er ein eigenes Denkmal. „Bobby ist längst berühmter als die Kirche selber“, weiß William Telford vom ehrenamtlichen Kirchenwächterteam. Wofür die Reformierte Kirche denn heute  steht? „Hm.“ Die Ratlosigkeit eint ihn mit denen, die drüben in St. Giles ähnliche Arbeit machen. Sarah Phemister von der Gästebetreuung verweist bei solchen Fragen lieber an den zuständigen Reverend. Sie erlebt zunehmendes Beleidigtsein bei Reisegruppen, die am Sonntag Vormittag nicht so einfach hineindürfen. Andere Museen hätten ja auch am Sonntag Vormittag geöffnet, sagen sie.

Um hinter die stolze Schauseite der Kirchenkulissen zu blicken, muss man gute 20 Minuten stadtauswärts fahren: Nach Craigmillar, noch immer die Wohngegend der Arbeitslosen, der Drogensüchtigen und der einsamen Kinder. Hier steht die 80 Jahre alte Richmond Craigmillar Church. „Hier gibt‘s keine Tradition zu verteidigen“, sagt Liz Henderson, seit 16 Jahren Gemeindepfarrerin. Die Richmond Craigmillar Church ist ein schmuckloser Saal, an den sich andere Funktionszimmer anschließen – eine Cafeteria, ein Leseraum mit Sofas, ein Spielezimmer, Büros. Die Möbel haben schon bessere Zeiten gesehen. Inmitten der kargen Schlichtheit fällt nur ein Schmuckstück auf: Ein schmiedeeiserner Lebensbaum, an dem viele kleine Metallplaketten hängen – kleine Erinnerungen an Menschen, die in den letzten Jahren hier verstarben.

Mitten im Herzen der City, in der prachtvollen Neustadt aus dem 18. Jahrhundert, steht die Kirche St. Andrew‘s and St. George‘s West, in der Nachbarschaft protzen unter anderem das Nationalarchiv und die Royal Bank of Scotland. Pfarrer Ian Gilmour empfängt im Kellercafé, das der Gediegenheit des Ortes pragmatischen Alltag entgegensetzt. „Wir müssen auf die Marktplätze gehen und die Leute einladen“, sagt Gilmour. Der Kirchenraum ist bürgerlich-gediegen, aber auch Experimentierfeld für moderne Gottesdienste. Daneben ist St. Andrew‘s auch eine Kronzeugin für den Schrumpfungsprozess: Die alte St. George‘s Church ist längst eine Außenstelle des Nationalarchivs, und die St. George‘s West Church verkaufte man 2013 an eine Baptistengemeinde. Von drei Kirchen blieb also eine, deren Gemeinde nun alle drei Namen führt. Die Tron Kirk, dann das heutige Bedlam Theatre, die riesige Victoria Hall: alles entwidmete Kirchenbauten. Und wer glaubt, Cotterells Lampenladen sei an Kuriositätswert nicht zu überbieten, kann sich im Dämmerlicht des „Frankenstein Pub“ eines Besseren belehren lassen. Dort hängt ein Nachbau jener Maschine, mit der Doktor Frankenstein sein Monster schuf, an der Wand. Unter der Fahne mit der Aufschrift „it‘s alive“ („Es ist am Leben“)kann man im Licht der Blitze eine Kanzel erkennen, die vom einstigen Interieur geblieben ist.





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