Christliche Themen für jede Altersgruppe

Landwirtschaft bewahren - Klimaschutz und Gerechtigkeit

UNTERWEILER (Dekanat Ulm) – Unsere Ernährung verursacht ein Viertel der Treibhausgase. Anbau und Ernte von Nahrungsmitteln tragen zu sozialer Ungerechtigkeit bei. Und Nahrungsmittel werden durch die halbe Welt transportiert. Was kann Kirche da für eine enkeltaugliche Zukunft tun? Ein Besuch von Kirchenvertretern bei Bauer Kühnle in Ulm-Unterweiler.

bio essen fairtrade. Foto: silviarita, pixabayFoto: silviarita, pixabay

Bewahrung der Schöpfung und liberale Landwirtschaft, wie sie aktuell in Europa praktiziert wird: „Das passt nicht zusammen“, sagt Karl-Eugen Kühnle und ist wütend. Der 53-Jährige ist Landwirt in Ulm-Unterweiler und Vorsitzender des Bunds Deutscher Milchbauern Baden-Württemberg. Er hat 60 Milchkühe und 50 Hektar Land.

Der Milchbauer Kühnle hat selbst die Wandlung vom Saulus zum Paulus hinter sich. Als er den elterlichen Hof vor vielen Jahren übernahm, dachte er groß, wollte zeigen, wie viel Ertrag sein Hof abwerfen kann. Vor zwölf Jahren hat er dann radikal auf Bioland umgestellt. Vor dem Haus steht ein Milchautomat, an dem man selbst seine Milch abfüllen kann. Vor allem seit Corona sei der sehr gefragt. Doch der Großteil seiner Milch geht an die Molkerei, die sie nicht nur in Tüten abfüllt, sondern auch Käse und Quark macht.

Hofführung bei Landwirt Kühnle, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit. Foto: Isabella HafnerEigentlich müsste Karl-Eugen Kühnle zufrieden sein. Ist er aber nicht. Für einen Liter Milch zahlen Molkereien aktuell rund 35 Cent. „Um als Landwirt die Vollkosten zu decken, müsste er bei 50 Cent liegen. Wir sind ein billiger Rohstofflieferant für die Molkereien.“ Dabei gingen rund 60 Prozent dieses Billig-Rohstoffes am Ende gar nicht direkt als Milchprodukt in die Haushalte, sondern in die Industrie zur Weiterverarbeitung. Als Zutat für andere Lebensmittel.

Es wird zu viel Milch auf der Welt produziert. Nicht nur in Deutschland. Und da ist die Rechnung einfach in einem System, in dem Angebot und Nachfrage regeln, wie viel beim Bauern hängen bleibt. Je mehr Milch es gibt, desto weniger ist sie wert. Vor allem große Milchviehbetriebe, die im industriellen Maßstab produzieren, verderben den Preis. Kühnle nennt Höfe auch in der Region mit 1000 Kühen. Da können kleinere nicht mehr mithalten und stellen spätestens beim Generationswechsel die Landwirtschaft ein. 500 Höfe betreffe das jedes Jahr allein in Baden-Württemberg.

Das Abstruse ist: Der subventionierte Milchüberschuss aus Europa wird dann zu Spottpreisen in afrikanischen Ländern etwa auf den Markt geschüttet. Sodass die Kleinbauern dort nicht mehr mithalten können und ihre Landwirtschaft kaputtgeht. Dann werden Entwicklungshilfe-Gelder aus Europa notwendig.

» Die Kirche brauchen wir als Mitstreiter «

Kühnle fordert: „Wir brauchen dringend eine andere EU-Politik. Eine, die die Milchproduktion deckelt und Tierwohl- sowie Umweltstandards mehr finanziell honoriert.“ Damit Landwirtinnen und Landwirte nachhaltig wirtschaften. Und maßvoll mit der Schöpfung umgehen, anstatt sie auszubeuten. Kühnle: „Corona hat gezeigt, was plötzlich politisch alles möglich ist, wenn uns etwas bedroht.“ Er appelliert an die Kirche, an diesem Tag an den Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Gohl, Micha Schradi vom Evangelischen Jugendwerk Blaubeuren und Synodenmitglieder, die vor seinem Hof diskutieren: „Wir brauchen die Kirche als Mitstreiter.“

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Die Schöpfung als ein Urgarten taucht im 1. Buch Mose als Bild vom Garten Eden auf. Die Schöpfung als ein von Gott geschaffener Garten soll durch das Mittun des Menschen nicht nur kultiviert und bewohnt, sondern auch achtsam bewahrt werden. Es heißt in der Bibel aber auch „macht euch die Schöpfung untertan“. Der Mensch soll als kreatives Geschöpf in Gottes Auftrag die Erde kultivieren und sie zu einem für alle Menschen bewohnbaren Lebensraum einrichten. Der schonende Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde ist so bereits im Alten Testament verankert.

Micha Schradi von der Evangelischen Jugend auf dem Lande (ejl) hat ein positives Beispiel dafür, wie Kirche mithelfen kann, dass mehr zu landwirtschaftlichen Bio-Produkten aus der Region gegriffen wird. Für die Landwirte dann einen ange-messenen Preis erhalten. Der Jugendreferent hat gemeinsam mit der Hochschule Pforzheim eine Plattform mitentwickelt, die demnächst an den Start gehen soll. Sie heißt EAT-Regional.

Milch vom Bauernhof. Foto: pixel 2013, pixabayFoto: pixel 2013, pixabay

Darum geht’s: Für Gruppen – etwa bei Ferienfreizeiten – zu kochen, stellt ehrenamtliche Küchenleitungen immer wieder vor dieselben Herausforderungen. Angefangen bei der Frage, was soll gekocht werden? Welche Mengen werden benötigt? Wie werden vegetarische und vegane Angebote berücksichtigt? Und wo kauft man letztendlich ein? Wenn da obendrauf noch eine nachhaltige Ernährung angestrebt wird, ist die Herausforderung groß.

EAT-Regional soll hierfür eine Lösung bieten. Es verbindet nachhaltige Gruppenverpflegung mit regionaler Landwirtschaft. Auf der Internetseite können die Organisatoren einer Gruppenfreizeit biologische und regionale Lebensmittel kaufen beziehungsweise erfahren, wo sie diese vor Ort be-kommen. Und sie finden Rezepte mit den entsprechenden Mengenberechnungen dazu. Vor allem Anregungen für fleischlose Gerichte. Die Bauern haben dadurch einen weiteren Absatzkanal und sind weniger abhängig von Supermärkten und anderen Abnehmern, die Preisdruck ausüben. Daneben gibt es auch Produkte mit Fairtrade-Siegel. Ein weiterer Pluspunkt: Die Leiterinnen und Leiter von Freizeitkaktivitäten werden dadurch in ihren Planungen entlastet.

Und sie sollen sehen, dass ein Einkauf von guten Lebensmitteln für eine größere Gruppe gar nicht viel teurer ist, wenn die Lebensmittel dann sinnvoll verwertet werden. Auch andere Institutionen wie Kindergärten und Tagungshäuser könnte der Speiseplaner auf der Plattform entlasten. Vielleicht auch manch einen, der eine Familienfeier plant.

Münsterdekan Ernst-Wilhelm Gohl war von der simplen wie praktischen Idee ganz angetan. Die große Politik in Brüssel könne der Einzelne nicht verändern, betont er. Jeder könne aber im Kleinen schauen, wie er die Ernährungsund Agrarwende unterstützen kann. Gerade Institutionen könnten da auch mit gutem Beispiel vorangehen. Für ihn gut denkbar: dass etwa der Diakonieverband für seine Kindertagesstätten in Zukunft die Plattform nutzt. Und auch auf Gemeindefesten, wo viele Essen über die Theken gehen, sollen künftig öfter Alternativen zu Schweinsbraten und Leberkäs aufgezeigt werden. Als Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung. □