Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lange Zeit nicht gefeiert

Pfingsten war zu Beginn der Kirche kein großes Fest, denn die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist – setzte sich erst im vierten Jahrhundert nach Christus durch. Erst dann wurde Pfingsten als großes Kirchenfest begangen, und es sollten noch Jahrhunderte vergehen, bis dieses Fest auch die Kirchen in Westeuropa erreichte. 


Wie ein Wind , wie eine Taube, kam der heilige Geist über die Jünger, berichtet Lukas in der Apostelgeschichte. (Foto: Jo Graetz/Fotolia)


1835 kommt Gian Franceso Gamurrini in einer adligen Familie in Arezzo zur Welt. Er wird Archäologe und Kunsthistoriker, er ist ein Freund alter Bücher und Handschriften mit vielfältigen Interessen und bringt sich selbst Etruskologie und Numismatik bei. Mit 25 Jahren wird er Rektor der alten Confraternità Santa Maria dei Laici, einer frommen Laienbruderschaft im Herzen von Arezzo. Deren Palast an der Piazza birgt eine große Bibliothek. Gamurrini liest und liest, und im Jahr 1884 entdeckt er eine lateinische Handschrift. Sie ist die Kopie eines Textes aus dem Altertum, im Kloster Monte Cassino angefertigt. Sie lässt sich in die Zeit des Hochmittelalters datieren, etwa zwölftes Jahrhundert. Diese Handschrift auf Pergament fängt mitten im Satz an und bricht am Ende nach „Am vierten Tag“ ab – offenbar fehlen Anfang und Ende, und damit Namen von Autorin und Adressaten. Doch der erhaltene Mittelteil ist eine Sensation: Gamurrini hat den Reisebericht einer Pilgerin vor sich, die drei Jahre im Heiligen Land war, und Ägypten, Syrien und Konstantinopel besucht hat. Die Frau muss eine Bibel als Reiseführer dabei gehabt haben, besuchte die Heiligen Stätten, bestieg den Berg Sinai und den Berg Nebo, war am Toten Meer, vergleicht den Euphrat mit der kleineren Rhone. Vor allem hält sie sich in Jerusalem auf, besucht Bethanien, Bethlehem – Gamurrini müssen die Augen übergegangen sein. Sie beschreibt Feiertage, Gottesdienste, Bräuche – das Kirchenjahr! Ein Augenzeugenbericht der Alt-Jerusalemer Liturgie aus byzantinischer Zeit! Das muss die Welt wissen! Er gibt diesen Reisebericht als Codex Aretinus heraus und vermutet, auch wegen einiger sprachlicher Beobachtungen, eine Sylvia als Autorin, aus Südfrankreich, Marseilles oder Arles.

Das Buch liest ein französischer Spanienexperte, Marius Férotin, der durch seine Aufenthalte und Stöbern und Lesen in Klosterbibliotheken hinter den Pyrenäen Briefe eines Valerius von Bergidum (heute: Bierzo) gelesen hatte. Dieser Mönch Valerius lebte im siebten Jahrhundert und stammte aus dem westgotischen Adel, der sich mit der Aristokratie der Sueben dort in Galizien verbunden hatte, in Nordwestspanien. In vier Abschriften ist das Lob des Valerius über eine Egeria in verschiedenen spanischen Klöstern erhalten, die von 381 bis 384 das Heilige Land besucht und so wunderbar beschrieben hat, und zwar nicht im abgehobenen Gelehrtenlatein, sondern in der gesprochenen Alltagssprache und in normalem Briefstil, im sogenannten Volgare. Die Übereinstimmungen des Reiseberichts und das Lob des Valerius – damit war für Dom Férotin die wahre Identität der Autorin geklärt; 1903 hat er das so veröffentlicht. Seine bestechende Beweisführung hat überzeugt, seit 1948 hat sich ihre Autorenschaft durchgesetzt.

Wahrscheinlich war diese Pilgerin Egeria nicht aus Gallien, sondern aus Galizien. In Arezzo hatte 1884 Gian Francesco Gamurrini die einzig erhaltene Abschrift ihrer dreijährigen Pilgerreise wieder entdeckt. Da sie einmal ihre Leserinnen mit „sorores“ (Schwestern) anredet, vermuteten einige, Egeria sei eine Nonne. Aber das muss nicht sein, da „Brüder“ und „Schwestern“ unter Christen übliche Anreden waren. Vielleicht war sie eine wohlhabende und gebildete Frau der oberen Mittelschicht, die sich solch eine Reise leisten konnte. Normalerweise dauerten diese Reisen, die den ersten religiösen Tourismus darstellen, ein Jahr – wie bei Helena, der Mutter von Kaiser Konstantin. Doch Egeria war neugierig, wie sie selbst schreibt, sie wollte verstehen, lernen, erleben. Sie blieb drei Jahre, und beschrieb Landschaft, Liturgie und Leute.

Ihr verdanken wir die älteste erhaltene Beschreibung des Pfingstfests, aus Jerusalem, mitsamt Liturgie. Kurz zuvor war das Glaubensbekenntnis mit den drei Artikeln, wie wir es heute in den Gottesdiensten sprechen, auf dem Konzil von Konstantinopel als verbindlich verabschiedet worden. Die Dreieinigkeit, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, war ja bis ins vierte Jahrhundert in weiten Teilen der Christenheit umstritten. Der Gedanke und die Feier der Trinität wurden abgelehnt, auch wenn Kaiser Konstantin sie angeordnet hatte. Nicht nur bei ein paar einfachen Gläubigen, die man als Häretiker oder Ketzer denunzieren und bedrohen konnte, nein, bis hinauf zu den Bischöfen gab es Christen, die sich weigerten, so zu beten und zu glauben, weil sie damit den Glauben an den einen Gott gefährdet sahen. Selbst der Bischof an Konstantins Hofe dachte so. Und viele der germanischen Stämme in der Völkerwanderungszeit waren auch so missioniert worden, wie etwa der Stamm der mächtigen Westgoten. Es dauerte noch Jahrhunderte, bis der Gedanke der Trinität sich in ganz Europa langsam durchsetzte. Das erklärt, warum Pfingsten so viel Zeit brauchte.

„Gottes Geist weht, wo er will.“ Es wirkt wie eine wunderbare Geistgeschichte: Sieben Jahrhunderte hatte in einer mittelitalienischen Bibliothek die Monte-Cassino-Abschrift von Egerias Reisebericht geschlafen, der sechshundert Jahre zuvor entstanden war. So wissen wir heute: Von Jerusalem aus hat sich verbreitet, dass dann nach und nach auch die Kirchen in Westeuropa am 50. Tag nach Ostern Pfingsten nun mit einer festlichen Liturgie groß feiern. Vorher bezeichnete das Wort „Pfingsten“ lediglich ein Datum, Schawuot, das jüdische Wochenfest, keine christlichen Feiertage.

Lukas wählt zu Beginn der Apostelgeschichte für seine Darstellung, wie der Geist über die Apostel kam, das Wochenfest in Jerusalem. Aus vielen Ländern sind jüdische Pilger dort versammelt, Lukas kennt von Paulus her die Tradition der Zungenrede als eine Geistgabe, er spielt mit der doppelten Bedeutung von griechisch Pneuma und hebräisch Ruach als Geist und als Wind, er lässt mit Joel 3 die Ausgießung des Geistes zitieren und nimmt aus der Sinai-Tradition die Bildrede von Feuer-Zungen. Zunge bedeutet auch Sprache. Die Pfingstpredigt des Petrus hat einen großen Missionserfolg: „Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.“ Umgerechnet ungefähr ein Achtel der Stadtbevölkerung. Lukas schreibt in die „Geburtsurkunde der Kirche“ mit hinein: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.“ Neid und Geiz spielen in der Kirche Jesu keine Rolle, sondern Solidarität. „Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 2,41-45).

Mit seiner Erzählung hält Lukas den Kirchen auch einen Spiegel vor; er fragt, „wann wird Gottes Geist die Kirchen verwandeln?“. Der mahnt sie zur Selbstkritik und wünscht sich eine Kirche ohne Machtkämpfe.

Frère Alois
Glauben wagen -
Die christlichen Feste im Jahr
Herder Vlg.
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