Christliche Themen für jede Altersgruppe

Langsam, aber stetig - Veränderungen im Rollenverständnis

Ein traditionelles Rollenverständnis, kaum Mitspracherechte und dann auch noch physische Gewalt: Das Leben von Frauen in Vanuatu ist hart. Veränderungen sind nur in kleinen Schritten möglich, denn sie fordern ein Umdenken – auch und gerade bei Frauen.

Anita Deroin setzt sich in Vanuata für Frauen und Familien ein. Foto: Katja Dorothea BuckAnita Deroin setzt sich in Vanuata für Frauen und Familien ein. Foto: Katja Dorothea Buck

Alle vier Jahre wählen die Ni-Vanuatu ein neues Parlament. 50 Plätze sind jedes Mal zu vergeben. Doch trotz Frauenwahlrecht haben es in den vergangenen 40 Jahren gerade einmal fünf Frauen ins Parlament geschafft. Das ist ein Prozent. Auch bei den jüngsten Wahlen im März 2020 gingen wieder alle Sitze an männliche Abgeordnete. „In Vanuatu geht es sehr traditionell zu“, sagt Anita Deroin. Sie ist die Präsidentin des Nationalen Frauenrats. „In unserer Gesellschaft hat nach wie vor der Mann das Sagen“, sagt sie. Frauen müssten auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Lebens die Männer respektieren – in der Familie, in der Kirche, in der Politik. Das habe viel mit Kastom zu tun, dem traditionellen Wertesystem. „Respekt ist in unserer Kultur ein ganz wichtiger Wert. Es ist sehr schwer, diese Mentalität zu ändern, weil es um kulturelle Pflichten geht“, sagt Deroin.

Vanuatu - Die gläserne Decke ist sehr dick

Die gläserne Decke für Frauen ist in Vanuatu nach wie vor sehr dick. Um daran ein bisschen zu kratzen, hat der Nationale Frauenrat vor drei Jahren eine Initiative zur Gründung von Frauenparteien gestartet. Offiziell können Frauen zwar auch in den anderen Parteien mitarbeiten. Geholfen hat das aber nicht viel. Darum die Idee von Frauenparteien. Mit dieser Initiative hatte der Frauenrat in ein Wespennest gestochen. „Als wir sie vorgestellt haben, kamen einige Männer bei mir vorbei und haben das heftig kritisiert“, erzählt Deroin. Sie habe ihnen ganz ruhig erklärt, dass es doch darum gehe, Themen, die vor allem Frauen betreffen, stärker in den Fokus zu rücken. So ganz konnten die Männer da noch nicht mitgehen. „Erst als ich ihnen sagte, dass wir den Männern ihre Plätze nicht streitig machen wollen, waren sie beruhigt“, sagt Deroin.

Markt in Vanuatu. Foto: Katja Dorothea BuckMarkt in Vanuatu. Foto: Katja Dorothea Buck

 

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Strukturelle Benachteiligung ist das eine, physiche Gewalt das andere. 2011 hatte das Nationale Frauenzentrum von Vanuatu 2300 Frauen befragt zu ihren Gewalterfahrungen in  der Partnerschaft. Das Ergebnis: 60 Prozent der Befragten hatten angegeben, dass ihr Partner schon mindestens einmal physisch und oder sexuell gewalttätig gewesen sei. 21 Prozent der Frauen hatten bleibende Schäden davongetragen. Weniger als die Hälfte hatte nach der Tat in der Gesundheitsstation den wahren Grund für die Blessuren nennen wollen.
Dass solche Themen nur in der Familie diskutiert werden sollen, fanden 82 Prozent der befragten Frauen richtig. Und die Hälfte stimmte der Aussage zu, dass eine Frau ihrem Mann gehorchen muss, auch wenn sie nicht mit ihm einer Meinung ist. 40 Prozent fanden es sogar wichtig, dass der Mann der Frau zeigen müsse, dass er der Chef sei und das Recht habe, sie zu dominieren.

Traditionelle Familie in Vanuatu. Foto: Katja Dorothea BuckTraditionelle Familie in Vanuatu. Foto: Katja Dorothea Buck

Ginette Bollen ist Schneiderin in Port Vila. Sie freut sich über die Frauenparteien. Auf die Umfrage des Frauenzentrums angesprochen, nickt sie nachdenklich. „Ja, das stimmt. Gewalt an Frauen ist bei uns ein großes Thema.“ Ob allein das traditionelle Rollenverständnis schuld an der hohen Gewaltrate sei, bezweifelt sie. Die Herausforderungen, die das moderne Leben an die Menschen stelle, würden viele überfordern. Die Landflucht reiße Familien auseinander. Hoffnungen, in Efaté, der Hauptinsel, eine Arbeit zu finden, würden enttäuscht. Und über die Medien würden die Menschen mit Themen konfrontiert, die bisher in Vanuatu keine Rolle gespielt hätten. „Das führt zu Spannungen und zu Streit“, sagt Bollen. Und sie stellt fest: „Es ist immer der Mann, der schlägt und die Frau ist diejenige, die geschlagen wird.“ □

Weltgebetstag 2021 - Vanuatu

„Vanuatu? Wo liegt das denn?“ Das ist eine häufige Frage. Kaum jemand kennt dieses Land, das aus 83 Inseln besteht, von denen nur 67 dauerhaft bewohnt sind. Vielleicht hängt die Unkenntnis damit zusammen, dass die Ni-Vanuatu – so nennen sich die Menschen dort – nur so wenige sind. Mit knapp 300 000 Einwohnern leben in dem Inselstaat etwa so viele Menschen wie in Mönchengladbach, Wiesbaden oder Augsburg.

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