Christliche Themen für jede Altersgruppe

Leben aus dem Fluss der Zeit

Das Thema „Zeit“ beschäftigt den Menschen ein ganzes Leben lang: Immer wieder ist er auf der Suche nach dem richtigen Maß zwischen Geschäftigkeit und Leerlauf, nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Daseins. Doch erfüllte Zeit, das zeigt sich, lebt vor allem von Begegnungen und intensiv erlebten Momenten. Und von der Gegenwart Gottes, die uns mit der Gabe des Lebens in Berührung bringt. 

Wie Tau in einem Tropfen verdichtet sich die Zeit in besonderen Momenten. (Foto:Luise Schwarz/pixelio)



Tatsache ist: Wir Menschen sind Wesen mit einem hoch entwickelten Sinn für Zeit. Wir planen, wir denken in die Zukunft, wir setzen uns Ziele, wir beschäftigen uns mit Vergangenem, wir leiden unter „leerer Zeit“ und Langeweile. Kein anderes Geschöpf auf dieser Erde scheint sich so mit der Zeit herumzuschlagen wie wir Menschen.

„Denken Sie daran, dass Zeit Geld ist“, hatte Benjamin Franklin, das amerikanische Erfindergenie des 18. Jahrhunderts noch als einfacher Druckergeselle in seine „notwendigen Ratschläge für die, die reich sein wollen“ geschrieben. Jeder Tag, so Franklin, müsse gefüllt sein mit Arbeit, damit wir nicht irgendwann voller Reue auf unsere verpassten Lebenschancen zurückzuschauen hätten. Dieser Umgang mit der Zeit sei der Maßstab für gelingendes oder verpfuschtes Leben.

Ist er das wirklich? Ist eine mit Geschäftigkeit „gefüllte Zeit“ von selber auch „erfüllte Zeit“? In Franklins Sätzen finden wir die Grundgedanken unseres Leistungsdenkens. Wir ahnen von ferne, das „Immer-mehr“, „Immer -schneller“, „Immer-gehetzter“ unserer Gegenwart.

Wir ahnen darin auch etwas von der Sinnkrise der Moderne. Selbst wenn es uns gelänge, unsere Lebenszeit mit Aktionismus zu füllen, wären wir doch die Verlierer. Spätestens der Tod raubt jede Illusion, Zeit sinnvoll gefüllt zu haben.

Ich denke an einen Freund. Die Ärzte sagen ihm, er müsse damit rechnen, nicht mehr lange da zu sein. Was bleibt ihm noch von einem übervollen Leben? Er spricht von dem Auf und Ab der mit dieser Nachricht verbundenen Gefühle: Trauer und Wut; dass ihn die Arbeit nicht mehr trägt; dass es nicht so geht, wie er es sich gewünscht hat. Manchmal gibt es aufkeimende Hoffnung. Da ist hellwache Sensibilität für Begegnungen, für echte Anteilnahme, für gute Worte und Gesten, für all die Dinge, die sein Leben menschlich reich machen.

„Selten habe ich so intensiv gesehen und gehört“, sagt er. „Es gibt Tage, da nimmt mich meine Krankheit ganz in Anspruch und ich verliere mich in ihr. Aber dann gibt es Momente, da bin ich ganz da. Da erlebe ich mich lebendig: in der Begegnung mit meinen Enkeln zum Beispiel, mit meiner Frau, im Erfahren des Teils von Welt, den ich noch bewohnen kann. Es sind für mich erfüllte Augenblicke, die so viel Hoffnung in sich tragen, weil sie über sich hinausweisen.“ Und er erinnert an den polnischen Dichter Adam Zagajewski: „Dieser Augenblick, sterblich wie du und ich, erfüllt von einer unbegreiflichen Freude, als wüsste er etwas, was wir nicht wissen.“

Solche Augenblicke, erfüllt von unbegreiflicher Freude mitten in unserer Endlichkeit begegnen uns auch im Neuen Testament. Karfreitag und Ostern stehen dafür.

Im Grunde ist es die gesamte Anwesenheit Jesu Christi, seine Predigt, sein Wirken, sein Begegnen, das getragen ist von der Botschaft, dass „erfüllte Zeit“ ist. „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen“ (Markus 1,15). Es ist die in ihm selbst erfüllte Gegenwart Gottes, die unsere Geschäftigkeit durchbricht und uns in Berührung bringt mit der Gabe des Lebens.

Diese Gegenwart Gottes hat ihre eigene Poesie: Sie zeigt sich in Geschichten und Gleichnissen, die unsere Wahrnehmung verändern, in Tischgemeinschaften – dem Fest der Befreiten, in Momenten des Heilseins, in Menschenwegen, die herausbrechen aus dem Fluss der Dinge, im Licht des Ostermorgens: lauter starke Momente des Lebendigseins, die über sich hinausweisen.

Erfüllte Zeit? Was das ist? Wir kennen sie in unserem Leben. Sie ereignet sich nicht selten an den Rändern unserer Unruhe und Geschäftigkeit, nimmt uns die Uhr aus der Hand, lässt uns staunen, jubeln, innehalten, lässt uns ganz da sein, rettet uns aus der Fülle der Dinge, aus dem Fluss des Allgemeinen und aus der Leere. Solche erfüllten Momente lehren uns, dass wahr ist, was der Schriftsteller Gottfried Keller schreibt: „Es blitzt ein Tropfen Morgentau / Im Strahl des Sonnenlichts; / Ein Tag kann eine Perle sein / Und ein Jahrhundert nichts.“

Franciska Bohl/ Andreas Steidel
Alles hat keine Zeit?
144 S., Broschur
14.95 €

 Zur Leseprobe