Christliche Themen für jede Altersgruppe

Leben in der Wahlfamilie - Beginenhof in Wennenden

WENNENDEN (Dekanat Blaubeuren) – Als Gruppe gemeinsam im Alter leben, das ist das Prinzip der Frauen vom Beginenhof im Blaubeurer Ortsteil Wennenden. Wichtig ist ihnen, sich beim Leben unter einem Dach auch gegenseitig Freiräume zu gewähren.

Sie leben zusammen (von links): Dorothee Nau, Fritzi Schöfer, Ursa Ilgen, Erla Spatz-Zöllner, Petra Bernas, Beatrix Hassert, Runa Rittler. Foto: Margot Autenrieth-Kronenthaler

Gemeinsam und nicht einsam alt werden, das ist der Wunsch vieler Menschen. Sieben Frauen im Alter zwischen 62 und 79 Jahren haben ihn sich erfüllt, indem sie neue Wege gehen. Im Beginenhof Blaubeuren verbringen Frauen ihr Alter in Würde, gemeinsam und selbstbestimmt, wie sie sagen.

Der Beginenhof liegt in dem kleinen Blaubeurer Teilort Wennenden. Er besteht aus dem Seminargebäude Frauenheilehaus und vier kleinen Einzelhäusern. Das Seminarhaus besteht schon seit rund 30 Jahren und wurde von Ursa Illgen gegründet. Sie lebt dort mit zwei weiteren Frauen der Gemeinschaft. 2018 wurden vier kleine Häuser zwischen 43 und 50 Quadratmeter dazu gebaut. Im vergangenen Jahr folgte der Innenausbau und die Außenanlagen wurden fertiggestellt.

Vier Frauen sind dort inzwischen eingezogen. Die Häuser sind kleine Schmuckstücke, liebevoll und individuell eingerichtet. Sie bieten Platz genug für eine Person. Wände gibt es nur um das Bad, der übrige Raum ist mittels Schränken oder Regalen in einzelne Bereiche aufgeteilt. Die offenen Dachgiebel lassen die Häuser großzügig erscheinen. Die ganze Gemeinschaft sitzt an einem schönen Sommernachmittag unter einem Baum inmitten der Häuschen. Sehr idyllisch, fast wie im Paradies wirkt das Ganze auf Außenstehende. Ein parkähnlicher Garten mit großen Bäumen gehört zum 4000 Quadratmeter großen Areal, das einst ein verbuschtes Fabrikgelände war. Es wird viel geredet und gelacht, die Stimmung ist fröhlich.

Von Berlin in ein Dorf mit 100 Seelen in den Beginenhof

Dorothee Nau ist erst vor einigen Wochen eingezogen. Sie wohnte zuvor in Berlin. In Wennenden hatte sie bereits Seminare besucht. Nachdem aufgrund des Todes einer Frau eine Nachfolgerin für ein Haus gesucht wurde, entschied sie sich innerhalb eines Tages zu einem Ortswechsel. „Eigentlich wollte ich noch vier Jahre in meinem Beruf arbeiten. Es machte Spaß, ich hatte nette Kollegen und ein tolles Häuschen dort“, erzählt die 62-jährige Sozialarbeiterin. „Ich wollte aber in Gemeinschaft alt werden. Jetzt hat sich alles schneller als geplant erfüllt. Ich bin sehr froh, dass ich es gemacht habe. Es fühlt sich an wie nach Hause zu kommen“, berichtet die ehemalige Berlinerin. Und dass ihre in Stuttgart lebende Tochter jetzt in der Nähe wohne, sei auch schön.

War der Wohnortwechsel nicht sehr krass? Aus der Millionenmetropole Berlin in ein 100-Seelen-Dorf auf der Schwäbischen Alb? Eigentlich, sagt Dorothee Nau, habe sie nicht so abgelegen leben wollen. Als sie gefragt habe, wo man hier einkaufen könne, habe die Antwort gelautet: „Zwei Kilometer weiter und hier gibt‘s Biomilch und einen Briefkasten.“ Sie berichtet von einer freundlichen Aufnahme auch seitens der Dorfgemeinschaft.

Der Beginen-Hof in Wennenden macht einen freundlichen Eindruck. Foto: Margot Autenrieth-KronenthalerDer Beginen-Hof in Wennenden macht einen freundlichen Eindruck. Foto: Margot Autenrieth-Kronenthaler

Die Frauen sind teils Mitglied im Verein „Dorfgemeinschaft Wennenden“, beteiligen sich an deren Aktionen und pflegen gute nachbarschaftliche Kontakte. „Aber es hat rund zehn Jahre gedauert, am Anfang war viel Skepsis da“, bemerkt die 77-jährige Gründerin Fritzi Schöfer. Dass die Stadt Blaubeuren das Projekt mit einem Zuschuss und Darlehen gefördert hat, habe ihnen viel Auftrieb gegeben. „Das hat die Akzeptanz gefördert. Wir sind ein zukunftsweisendes Modell“, sagt die ehemalige Lehrerin.

Der Beginenhof ist als gemeinnützige GmbH organisiert und kooperiert mit der Tübinger Beginenstiftung. Die Bewohnerinnen bezahlen monatlich eine Warmmiete von 600 Euro und haben jeweils 50 000 Euro ins Projekt eingebracht. „Wir leben wie die Beginen im Mittelalter auch selbstbestimmt miteinander und geben uns unsere eigenen Regeln, wie wir zusammenleben wollen“, sagt Petra Matria Bernas. Fritzi Schöfer ergänzt: „Bei uns gibt es keine Hierarchien, wir leben im Konsens und gehen achtsam miteinander und mit der Natur und Umwelt um. Wir sind tolerant, jede darf ihre Individualität leben.“ Eine normale Vielfalt, die nicht durch Vorurteile eingeschränkt werde, und Gendergerechtigkeit seien für sie alle wichtig, betont Erla Spatz-Zöllner, die als Kinderärztin in Ulm gearbeitet hat. „Wir werden uns umeinander kümmern und uns unterstützen.

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Aber wir sind kein Pflegeheim“, stellt Fritzi Schöfer klar. „Das würde uns überfordern.“ Die Frauen haben sich aber schon Gedanken zu ihrem Lebensende gemacht, ein Testament und Patientenverfügungen verfasst, um deren Inhalt die anderen wissen. Auch einen gemeinsamen Baum im Friedwald Münsingen haben sie ausgesucht, unter dem Platz für zehn Personen ist.

Die Frauen machen viel gemeinsam, gehen aber unabhängig voneinander auch ihren eigenen Interessen nach. Der Beginenhof macht nur einen Teil ihres Lebens aus. Etliche der Frauen haben Kinder und Familie, mit denen sie in Kontakt stehen.

Achtsamer Umgang miteinander

„Es ist unsere Wahlfamilie hier. Die haben wir aus der Fülle heraus gewählt und nicht aus einem Mangel“, betont die 63-jährige Petra Matria Bernas. „Wir sind auch nicht zu viele, das finde ich gut“, sagt Beatrix Hassert, die auch Geschäftsführerin der Gesellschaft ist. „Da musste ich mich ganz schön reinknien“, bemerkt die ehemalige Ulmer Grundschullehrerin. Beatrix Hasser betätigt sich auch künstlerisch, derzeit fertigt sie Aquarellskizzen an. „Die weite Perspektive und der Himmel sind phantastisch hier“, sagt sie.

Die offenkundige Harmonie im Beginenhof kommt nicht von ungefähr. „Da steckt Arbeit dahinter, wir sprechen offen miteinander“, erläutert Fritzi Schöfer. Man müsse aufpassen, dass sich keine Grüppchen bildeten oder jemand zu dominant werde. „Es gibt auch mal innere Spannungen, dann geh ich in mich. Meine eigenen Macken spüre ich durch das Projekt deutlicher. Da bleib ich lebendig“, meint Beatrix Hassert.

Das zukunftsweisende Wohnprojekt hat sich inzwischen in der Region herumgesprochen. Ganze Landfrauengruppen seien schon vor der Türe gestanden oder die Frauenakademie aus Ulm. Etliche Besucherinnen planten Ähnliches. Da stehen die Beginen von Wennenden dann gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Als Beginen wurden im Mittelalter Frauen bezeichnet, die unabhängig und selbstbestimmt miteinander lebten, die weder heiraten noch ins Kloster eintreten wollten. Sie waren dem christlichen Glauben verpflichtet, allerdings ohne ein dauerhaftes Gelübde abzulegen, und konnten die Gemeinschaft jederzeit wieder verlassen.

In über 600 mittelalterlichen Städten lebten sie in sogenannten Beginenhöfen zusammen. Die Beginenbewegung erfuhr im 13. und 14. Jahrhundert eine Blütezeit und erlebt seit zwei Jahrzehnten in veränderter und vielfältiger Form eine Renaissance.