Christliche Themen für jede Altersgruppe

Leben so lange es geht

Ellen N. (Name geändert) ist todkrank. Und es hat Phasen in ihrer langen Leidenszeit gegeben, in denen sie ein schnelles Ende bevorzugt hätte. Doch das hat sich geändert. Heute ist die 54-Jährige im Hospiz in Stuttgart und versucht, dem Leben jeden kostbaren Augenblick abzugewinnen, den es ihr bietet. „Das Sterben liegt in Gottes Hand“, sagt sie und macht weiter. 


Der Traum von Bewegung in freier Natur: Ellen N. sitzt im Rollstuhl und will ihn trotzdem nicht aufgeben. (Foto: serkat/Fotolia)

„Was ich brauche? Das frage ich mich immer wieder“, sagt Ellen N. Seit zwei Monaten lebt die feingliedrige Frau nun im Hospiz Stuttgart. Das Zimmer ist klein, hoch und hell. Sie verlässt es, wenn ihr Mann sie zum Spaziergang begleitet, zum Essen in der hellen, geräumigen Gemeinschaftsküche, am Abend zum Fernsehen, manchmal auch, wenn Besuch kommt. Vor einiger Zeit wurde die Küche durch einen Glasanbau erweitert.

„Wir hatten hier einen wunderbaren Menschen als Bewohner im Hospiz, der sagte immer, wir müssen darauf schauen, was geht“, erzählt Ellen N. Gekocht habe dieser Mann für alle, es sei großartig gewesen, dann aber musste er sterben.

„Dichte, intensive Begegnungen hatte ich hier schon, manchmal nur über zwei- oder zweieinhalb Wochen, das ist ein Geschenk in diesen Tagen“, sagt die 54-Jährige. „Was ich immer brauche, ist frische Luft, Bewegung und geistige Nahrung.“ Das Bedürfnis nach frischer Luft lässt sich im Zimmer über das große Fenster regeln, für den täglichen Ausflug mit dem Rollstuhl braucht sie Hilfe. „Als die Metastasen diagnostiziert wurden, ist mein Mann beruflich kürzer getreten, er war fast den ganzen Tag mit mir im Hospiz, jetzt kommt er zweimal am Tag. Die Umstellung ist mir schwer gefallen, aber er muss ja arbeiten und Geld verdienen“, sagt Ellen N. Die Nähe dieses Menschen, das ist spürbar, braucht sie sehr. Wenn er kommt, kommt die Welt ins Hospiz, doch wenn er geht, nimmt er sie wieder mit. Dieses Gefühl schmerzt auch. „Das ist wirklich das Schlimmste, dass er immer wieder gehen kann und ich muss bleiben“, sagt sie.

„Jetzt wollen wir mit einer Freundin mal in ein Café“, sagt Frau N. und hat schon recherchiert: „Wir haben uns die Situation angeschaut, ein Stück mit dem Rollstuhl bergauf, eine kurze U-Bahn-Fahrt, da ist das Café schon.“ Schon allein die Vorfreude bringt Helligkeit in den Tag. „Ich war früher ein Bewegungsmensch, nach dem Büro zwei, drei Runden um die Bärenseen joggen, das war normal“, sagt Ellen N.. „Mein geschwächter Körper lässt das nicht mehr zu, aber mein Geist verlangt diese Bewegung noch immer“, sagt sie und will die Hoffnung nicht aufgeben. Physiotherapie soll helfen, die Muskulatur zu stärken.

Die Idee, in Stuttgart ein Hospiz zur Begleitung schwer kranker und sterbender Menschen einzurichten, entstand im Hospitalhof Stuttgart, dem Bildungszentrum der Evangelischen Kirche. Initiiert von der Arbeit der Schweizer Ärztin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross (1926?–?2004), wurde das Hospiz in der Trägerschaft des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart 1994 eröffnet. Der Tod, so der Tenor der weltweiten Hospizbewegung, ist nicht der Feind des Lebens, nicht das Schreckgespenst der modernen Menschheit. Der Tod gehört zum Leben eines Menschen wie seine Geburt. Auch wenn die Hospizbewegung im Bewusstsein von Bevölkerung und Politik schon viel bewegt hat – es ist noch ein weiter Weg dahin, dass Sterben für alle würdig geschieht.

Sieben Betten stehen derzeit im Hospiz Stuttgart zur Verfügung, acht werden es nach einem Erweiterungs-Umbau sein. „Wir haben lange Wartelisten“, sagt Elvira Pfleiderer. Das werde sich trotz der Palliativstationen in den Krankenhäusern nicht ändern, sagt die stellvertretende Leiterin des Hospiz Stuttgart. „Es gibt mehr Singles in unserer Gesellschaft“, sagt die erfahrene Hospizmitarbeiterin. Wie dicht das Leben in einem Hospiz mitunter sein könne, davon erzählt Pfleiderer gern. „Hier wurde geheiratet, hier kamen schon Papageien und sogar ein Hausschwein zu Besuch“, erinnert sich Pfleiderer. Das possierliche, stubenreine Hausschwein gehörte in eine Familie, in der die junge Mutter schwer krank war. „Die Kinder brachten das Tier mit, und da lief es dann herum“, sagt sie und lacht. Viele Wünsche werden erfüllt, eines aber wird es im Hospiz Stuttgart nicht geben: den assistierten Freitod.

Als der bisherige Ratspräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, öffentlich machte, dass er seiner krebskranken Frau Anne – falls sie das wünsche – bei einem Suizid beistehen werde, blieb das große Beben in der evangelischen Kirche aus. Der oberste Kirchenmann berief sich auf eine Passage der EKD-Orientierungshilfe, in der steht: „Für den Umgang mit Krankheit und Sterben hängt Entscheidendes davon ab, in welchem Deutungshorizont ein Mensch dieses erlebt. Daran wird sich letztlich auch die Frage entscheiden, ob ein assistierter Freitod für ihn eine Option sein kann.“

Dennoch ist die evangelische Position zum selbstbestimmten Sterben eindeutig: Der Herr allein darf Leben schenken und nehmen. „Vertrauen“ heißt der Titel eines Buches, das Anne und Nikolaus Schneider nach dem Krebstod ihrer jüngsten Tochter geschrieben haben. Darin geht es um Gottvertrauen, aber auch um das Vertrauen in gegenseitige Liebe. Dieser Liebe will Nikolaus Schneider folgen, wenn er seiner Frau Anne „letzte Quälereien ersparen“ will.

„Ich kann das Begehren dieser Frau verstehen, aber für mich kommt der assistierte Freitod nicht in Frage“, sagt Frau N. „Sicher mag man sich im Krankheitsprozess wünschen, dass es vorbei ist, aber es geht bei den Sterbehilfe-Organisationen nicht um Patienten, es geht um sehr viel Geld.Das Sterben liegt aber in Gottes Hand.“ Dass seine Frau in absehbarer Zeit sterben könnte, das lässt ihr Mann nicht an sich heran. „Ich versuche, nicht an das Ende zu denken, ich versuche, soweit es geht, Normalität zu leben, auch wenn das im Hospiz schwierig ist, weil hier immer gestorben wird“, sagt er.

Überfordert fühlte er sich, als vor neun Jahren die Diagnose ihr gemeinsames Leben infrage stellte. „Ich habe mich gefragt, was braucht sie jetzt in dieser lebensbedrohlichen Situation?“ Von allen werde erwartet, dass man zu jeder Zeit immer das Richtige tue. „Aber was ist das Richtige?“, fragt er noch immer. „Soviel wie möglich“ versuche er, da zu sein, sich am Leben der Hospizgemeinschaft zu beteiligen. „Aber wenn ich gehe, geht’s dir immer schlecht“, wendet er sich mit Tränen in den Augen an seine Frau.

Hat er je daran gedacht, sich um seine Frau zu Hause zu kümmern? „Ja, ich wollte das, auch wenn man dort auf nur zwei, drei Leute angewiesen ist. Im Hospiz wird die Verantwortung von vielen getragen, deshalb hat meine Frau entschieden, ins Hospiz zu gehen“, sagt Herr N.

Umfragen zeigen: Zwei Drittel der Bundesbürger wollen selbst bestimmt sterben – notfalls mit ärztlicher Hilfe. „Viele Menschen können es auch zu gesunden Zeiten nicht ertragen, abhängig zu sein“, erklärt Elisabeth Kunze-Wünsch. Das Aussprechen von Nöten und Ängsten könne jedoch heilsam wirken, ausgedrücktes Leid viel bewirken, sagt die Leiterin des Stuttgarter Hospiz. „Todeswünsche sind Teil des Krankheitsverlaufes und der Krankheitsannahme“, betont die Theologin. Ein Gespräch mit dem Verzweifelten erschließe dessen Gedankenwelt: „Sterben heißt Abschiednehmen, und das tut weh“.

Ellen N. will unbedingt leben. Selbst wenn dieses Leben mit Einschränkungen verbunden ist. Auch bei ihr gab es einen Moment der Schwäche. „Ich hab meinem Hausarzt vor neun Jahren gesagt, ich will es kurz und schmerzlos beenden, wenn es denn schon sein muss, aber das hat sich geändert“, bekennt sie. „Macht die Dinge, die euch wichtig sind, schiebt nicht alles auf“, will sie denen sagen, die gesund sind. Dankbar erinnert sie sich zum Beispiel an Reisen mit ihrem Vater, mit Freunden, mit ihrem Mann. Ihre Augen glänzen, wenn sie davon erzählt. „Meine Frau war immer für eine Aufregung gut, in jeder Richtung“, sagt ihr Mann. In diesem Moment lachen beide.






 

 

Monika Specht-Toman
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