Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lebenselixier für den Alltag

Was heißt das eigentlich: den Feiertag heiligen? Und sagt es sich nicht viel leichter, als man es leben kann: Sonntags ist Ruhe? Dabei ist das dritte Gebot kein verbissen-strenger Imperativ. „Du sollst den Feiertag heiligen“ ist vielmehr ein fürsorglicher und dringlicher Rat von Gott. Denn: Der Sonntag ist für uns Menschen da, nicht umgekehrt.


Mose bringt dem Volk die Gesetzestafeln. Rudolf von Ems, Weltchronik, Böhmen (Prag), 14. Jahrhundert, Hochschul- und Landesbibliothek Fulda. (Foto: PD)
 

Den Anstoß, mir Freiräume zu schaffen, gab mir das Vorbild einer Mitstudentin. Ihre Lebensart, den Sonntag sorglos zu genießen, beeindruckte mich. Sie wohnte im Zimmer nebenan, und, während ich sonntags über Lektüre brütete, plante sie ihr Tagesprogramm. Selbst wenn am nächsten Tag eine Prüfung anstand. Auf einmal sah ich im dritten Gebot einen Bezug zum Leben, auch zu meinem. Ich begann, meine Wochen zu gestalten: Sonntags war Ruhe.

Der Anfang war nicht leicht, aber irgendwann ging es: Die Fachbücher ließ ich zugeklappt und die Vokabelkärtchen im Zettelkasten. Die Seminararbeit ruhte und die Vorlesungsskripte blieben unbearbeitet. Für einen ganzen Tag. Dieser von außen gesetzte Rahmen nahm mir die selbst auferlegte Last ab. Ich entdeckte, wie viele Möglichkeiten es gibt, die freie Zeit zu gestalten, und hatte meine Freude daran. Am Sonntag bekam ich den Kopf wirklich frei, und das kam auch dem Studieren unter der Woche zugute.

In meiner Familie behielt ich die liebgewordene Praxis bei, und Erinnerungen an meine eigene Kindheit wurden wach: Das gemächliche Tempo, die gemeinsamen Ausflüge und die Besuche von Bekannten und Verwandten hatten dem Sonntag ein anderes Gesicht gegeben. Kompliziert wurde es, als ich meinen Beruf wieder aufnahm: Die Zeit reichte nicht, alle Aufgaben, die ein Familien- und Berufsleben fordert,  zu erledigen. Um die Lage zu entlasten, ging es nicht anders, als Hausarbeiten auf den Sonntag zu verlagern. Trotzdem wollte ich unseren Kindern vermitteln, was ich selbst als guten Lebensrhythmus entdeckt hatte. Ich war der Meinung: Wenn ein Kind für die Bewältigung des Schulpensums einen siebten Tag braucht, dann ist der Berg an Stoff schlicht zu groß.

„Hausaufgaben sind am Sonntag verboten“ wurde zu einem meiner Standardsätze. In der Regel gelang es auch, die Schultaschen beiseite stehen zu lassen. Im Rückblick sagen die Kinder, sie hätten die verordnete Pause als Erleichterung und Befreiung empfunden.

Die Arbeit, die ich ruhen lasse, ist heute eine andere als damals: Ein Buch aufzuschlagen und meiner Lust nach Wissen zu frönen, ist keine Tätigkeit mehr, die meiner Sonntagsruhe widersprechen würde. Es sind andere Dinge, die ich vermeide, weil sie zu viel Alltag in den Sonntag ziehen.

Zur Unterscheidung, was ich tue, habe ich eine einfache Formel gefunden, die der biblischen Tradition entspricht: Der Sonntag ist für uns Menschen da. Deshalb klingt für mich der Imperativ „Du sollst den Feiertag heiligen!“ nicht streng, sondern er ist ein fürsorglicher und dringlicher Rat von Gott, der heißt, inmitten gleichförmiger Tage einen deutlichen Akzent zu setzen. Und auch, andere Maßstäbe an mich anzulegen.

Im Alltag muss ich Anforderungen gerecht werden und mich bewähren, Aufgaben erledigen und die Zeit sinnvoll nützen. Der Sonntag besitzt seine eigenen Regeln. Einmal in der Woche kann ich die Uhr ablegen, und es ist nicht das Wichtigste, dass etwas gelingt, sondern dass es Freude macht. Ein gelungener Sonntag ist, wenn ich das Maß an Lebenselixier sammeln kann, das ich für die Woche brauche: mit Geselligkeit, Stille, auch Langeweile oder in Unternehmungen.

Zufrieden bin ich auch, wenn ich genügend Muße habe, auf das zu blicken, was ich im Leben tue, ob die Richtung stimmt. Auch dazu ist der Sonntag da. So haben es auch meine Verwandten gehalten, die wir als Kinder ab und zu sonntags auf ihrem Hof besuchten. Bis auf die Tätigkeit im Stall ruhte ihre bäuerliche Arbeit. Am Nachmittag nahmen sie uns auf ihrem Spaziergang über die Felder mit. Sie schauten nach dem Stand der Ähren, prüften, ob es an etwas fehlt, und erklärten uns, was noch zu tun ist bis zum Einholen der Ernte.