Christliche Themen für jede Altersgruppe

Liebe ohne Zwangsjacke

Die Hochzeit gilt für viele Menschen als der schönste Tag im Leben. Doch welche Erwartungen sind mit der Ehe verknüpft? Und wie sieht es mit dem gemeinsamen Leben in der Realität aus, kurz vor der Eheschließung – und Jahrzehnte danach? Zwei Paare berichten über ihre Erfahrungen. 

Else und Jakob Stehle blicken auf über 50 Jahre Ehe zurück. (Foto: Klaus Franke)


Der Rahmen des Schwarz-Weiß-Fotos, das Else Stehle in den Händen hält, ist etwas abgegriffen. Die 70-Jährige bläst rasch den Staub vom Glas weg und blickt lächelnd auf das über 50 Jahre alte Hochzeitsbild, während sie sich an die erste Begegnung mit ihrem Mann erinnert: Beim CVJM-Gemeindefest in Albertshausen. „Seine ersten Worte, die er an mich gerichtet hat, waren: ,Ich würde gerne einen Weißwein trinken‘“, sagt sie und lacht. „Meine Frau hat damals die Getränke ausgeschenkt“, ergänzt Jakob Stehle, „und wir haben uns das erste Mal kurz miteinander unterhalten“.

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Die Begegnung blieb nicht ohne Folgen. „Interessiert hat er mich da schon“, sagt Else Stehle verschmitzt – und das beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Vor allem, nachdem die beiden erste gemeinsame Ausflüge miteinander unternahmen und sich zeigte, „dass wir beide eine Sympathie füreinander haben“, wie es Jakob Stehle vergnügt formuliert.

Nicht nur das: Die gemeinsame Liebe zur Basler Mission, das berichten beide übereinstimmend, bildete schon früh die Basis ihrer  Zuneigung. „Wir kommen beide aus einem frommen evangelischen Elternhaus“, sagt Else Stehle, die 1966 einen Krankenpflegekurs absolvierte. Ihr selbst sei schon als junge Frau klar gewesen, dass sie einmal in die Mission gehen würde. Ihre Mutter habe ihr jedoch versichert: „Dafür findest du nie einen Mann.“

Doch es kam anders. Ihr im serbischen Mramorak geborener Ehemann ist zwar Industriekaufmann,  besuchte jedoch später die Missionsschule in der Schweiz und machte auf der Karlshöhe Ludwigsburg eine kirchlich-diakonische Ausbildung. Als Religionslehrer begegnete er in Albertshausen seiner zukünftigen Frau. Später war er, bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2004, Pfarrer der württembergischen Landeskirche.

Nach der Heirat 1967 stand gleich das erste große gemeinsame Abenteuer in der jungen Ehe an: Unterbrochen von einigen Heimaturlauben verbrachten Else und Jakob Stehle insgesamt acht Jahre, von  1968 bis 1976, in Nigeria mit der Basler Mission. Auch ihre drei Kinder kamen in dieser Lebensphase zur Welt. Eine intensive Zeit, mit Höhen und Tiefen – und ein Leben in einfachen Verhältnissen. „Das Heimweh in den ersten Monaten war schlimm“, erinnert sich Jakob Stehle und erzählt, wie sie beide an Malaria und Ruhr erkrankten. Doch in jeder Krise hätten sie gewusst. „Auch wenn etwas schief geht: Wir gehören zusammen.“

Doch nicht nur der gemeinsame Glaube hat das Paar immer miteinander verbunden. Auch der Respekt vor den besonderen Fähigkeiten des anderen spielt bei den beiden bis heute eine große Rolle. „Meine Frau hat es immer verstanden, auch kleine Feste zu zelebrieren“, sagt Jakob Stehle und schwärmt von dem Klima der Gastfreundschaft, das Else Stehle daheim, auch in zunächst fremder Umgebung, geschaffen hat. „Außerdem ist sie immer so lebensfroh und fleißig – einfach eine Gabe Gottes“, sagt der 76-Jährige. Und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Auch wenn ich mich manchmal furchtbar über sie ärgern kann.“

Die Gemeinsamkeit, sagt er, dürfe ein Paar nie aus den Augen verlieren. „Und man muss akzeptieren, dass es zwischendurch auch mal etwas trocken in einer Ehe zugeht“, sagt er. Für ihn liegt die Grundlage im erfüllenden Zusammensein in der gegenseitigen Vergebung. „Wenn man dem anderen nicht verzeihen kann, ist die Gefahr groß, dass die Ehe auseinandergeht.“

Else Stehle findet es wichtig, „dass jeder seinen Beruf oder seine Aufgabe hat, aber man trotzdem die Gemeinsamkeiten miteinander pflegt“. An ihrem Mann mag sie ganz besonders, „dass er so bodenständig und wenig abgehoben ist“. Beide sind sich einig, dass Rituale, wie etwa ihr gemeinsames Musizieren, eine wichtige Basis im Zusammenleben sind. „Aber nur dann, wenn man es nicht als Zwangsjacke sieht“, sagt Jakob Stehle.

Im Dezember haben Else und Jakob Stehle ihre Goldene Hochzeit gefeiert – mit einem Dankgottesdienst und einem Fest. „Der Rahmen war feierlicher als bei unserer eigentlichen Hochzeit“, sagt Else Stehle. Beide erinnern sich an den kleinen, einfachen Rahmen, in dem das Fest damals stattfand. Mit 40 bis 50 Gästen, in einer rustikalen Wirtschaft mit einfacher Ausstattung. Und mit dem Posaunenchor, der das Musikprogramm gestaltete. Ausgelassen getanzt wurde trotzdem. „Das hat meiner streng gläubigen Oma gar nicht gepasst“, erzählt Else Stehle fröhlich. „Sie meinte einfach, das gehöre sich nicht für angehende Missionare.“

Viel entspanntere Voraussetzungen herrschen vor der Hochzeitsfeier von Melanie Pietsch und Sascha Freitag. Das Paar aus Freudenstadt wird sich im September das Ja-Wort geben – bei einer standesamtlichen Trauung im kleinen familiären Rahmen und einem umfangreichen großen Fest mit kirchlichem Segen mit bis zu 90 Gästen. „Eine traditionelle Hochzeitsfeier war uns wichtig, die Zeremonie gehört einfach dazu“, sagt Melanie Pietsch.

Die 28-jährige Vertriebscontrollerin und der 41-jährige EDV-Administrator sind sich einig, dass der Schritt ins Eheleben ein ganz bewusster sein sollte. „Durch die Heirat ändert sich zwar im Miteinander nichts Großes. Aber wir zeigen nach außen: Wir gehören zusammen“, sagt Sascha Freitag. Das sieht seine zukünftige Frau ganz ähnlich. „Die Ehe ist etwas Verbindliches, ein Schritt, den man nicht einfach so macht.“ Trotzdem war sie die Aktivere, erzählen beide, als es darum ging, den Schritt hin zu einer dauerhaften festen Bindung zu machen. „Männer sehen das halt nicht so verbissen wie Frauen“, sagt Freitag und lächelt.

Die beiden haben sich vor neun Jahren kennengelernt, als Melanie Pietsch ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau in Sascha Freitags Firma absolvierte. „Ihr offenes Lachen und ihre freundliche Art sind mir sofort aufgefallen“, erinnert er sich. „Und dass sie sehr neugierig ist, immer alles hinterfragt.“ Ein Paar wurden sie  allerdings erst vor drei Jahren, bis dahin waren sie nur freundschaftlich miteinander verbunden.

Dass es keine äußerlichen Merkmale waren, die er an seiner zukünftigen Frau als erstes bemerkte, ist kein Zufall: Sascha Freitag ist sehbehindert. Er sieht nur schemenhaft und erkennt Menschen ausschließlich an ihrer Stimme. Seine Augenerkrankung wurde 2007 diagnostiziert, sie lässt sich auf einen Gendefekt zurückführen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der gebürtige Freudenstädter nur bemerkt, „dass ich immer schlechter sehe, vor allem nachts, und dass irgendetwas nicht stimmt“. Nachdem klar war, dass die Krankheit immer weiter fortschreitet, musste Freitag erst einmal mit dem Schock fertig werden. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich das verarbeitet habe.“

Geholfen hat ihm nicht nur die Unterstützung seines Vorgesetzten, sondern auch, dass er von Anfang an sehr offen mit seiner Erkrankung umgegangen ist. Auch für Melanie Pietsch spielt die Sehbehinderung ihres Mannes keine Rolle. „Ich kenne ihn nicht anders, deshalb habe ich mir da keine Gedanken gemacht.“ Zumal ihre Mutter ebenfalls ein Augenleiden hat, „deshalb war das für mich nichts Ungewöhnliches“.

Stattdessen genießt das Paar die vielen Gemeinsamkeiten, die es hat: Sie lieben beide die Musik, besuchen gerne Konzerte, gehen ins Kino und machen größere und kleinere Reisen. „Wir unternehmen sehr viel gemeinsam, die Zeit miteinander wird uns nicht langweilig“, sagt Sascha Freitag. Zumal beide an dem anderen den Humor schätzen. „Dass er viel lacht, hat mir von Anfang an gefallen“, sagt Melanie Pietsch.

Krisen oder heftige Streits, meinen beide übereinstimmend, habe es in ihrer Beziehung bislang noch nicht gegeben. Höchstens kleinere Meinungsverschiedenheiten. „Dann ist es am wichtigsten, dass man miteinander redet, dem anderen sagt, was einen stört“, sagt die gebürtige Fellbacherin. Wenn man sich abends Gute Nacht wünsche, dürfe man nicht mehr böse aufeinander sein. Für sie ist in einer Beziehung entscheidend, „dass man sich aufeinander verlassen kann. Und  wenn einer Hilfe braucht, dass dann der andere für ihn da ist“.

Melanie Pietsch wird mit der Heirat auch den Namen ihres Mannes annehmen. „,Freitag‘ zu heißen ist doch fantastisch. Bei ,Montag‘ hätte ich es mir allerdings überlegt“, sagt sie – und beide lachen schallend.