Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lieben gegen die Angst

Mit den Augen eines Kindes sehen zu lernen, das ist schwer. Umso schwerer ist es, die Sicht eines Babys einzunehmen, das zur Adoption oder in eine Pflegefamilie gegeben wurde. Doch Bettina Bonus versucht genau dies. Und mit dieser Sicht will sie Adoptiv- und Pflegefamilien helfen. 

Plötzlich ist alles anders. Gerade noch kam Tim freudestrahlend zur Tür herein, stellt seine Schultasche ab, seine Adoptivmutter begrüßt ihn freudig und bemerkt sachte: Häng doch bitte deine Jacke auf. Und plötzlich ist alles anders: Zornig schleudert er die Jacke zu Boden, stürzt sich auf die Mutter, beginnt zu schlagen, zu beißen, zu treten, zu schreien. Die zierliche Frau wehrt sich, versucht den Jungen festzuhalten, er reißt sich los, stößt wilde Schimpfwörter aus, rennt nach oben in sein Zimmer, schlägt die Türen zu. Die Mama eilt ihm nach, versucht ihn zu beruhigen. Erst nach Stunden ist wieder alles anders. Der Junge sitzt an seinem Schreibtisch und beginnt zu malen. Was ist hier los?

Um das zu verstehen, macht die Erzieherin, promovierte Ärztin und Beraterin von Adoptiv- und Pfegefamilien Bettina Bonus etwas ganz Intuitives: Sie versucht, sich in die Entwicklung des Kindes von der Zeugung weg hineinzudenken. Und sie stößt dabei auf ein Phänomen, das typisch für Adoptiv- und Pflegekinder ist: das Trauma, von den leiblichen Eltern getrennt worden zu sein. Die wenigsten können sich vorstellen, was das bedeutet. Ist das Kind denn jetzt nicht endlich bei guten Adoptiveltern, manche sogar schon vom ersten oder zweiten Lebenstag an? Lieben diese das Kind etwa nicht aufrichtig? Was soll mit dem Kind denn nicht stimmen?

Eigentlich ganz einfach: Da liegt ein kleiner Säugling. Die Mutter ist weg, ihr Herzschlag, ihre Stimme, ihre Darmgeräusche. Fort. Für immer. Stattdessen fremde Menschen. Ärzte, Krankenschwestern. Was solche Menschen tun, davon hat das Kind noch keinen Begriff. Dass sie ihm helfen wollen. Das Kind hat Hunger, es hat Angst, Todesangst. Das prägt sich ein. Alles ist ab diesem Zeitpunkt mit dieser Existenzangst verknüpft. Obwohl es später nur darum geht, seine Schuhe aufzuräumen, hört das Kind in sich den Satz: „Du bist gleich tot.“

Es ist nicht blühende Fantasie, die Bettina Bonus an den Tag legt. „Ich schaue mir das Kind als Phänomen an“, sagt sie. Grundlage dafür ist ein 27-seitiger Fragebogen, den die Eltern ausfüllen. Sie stellt sich dann Fragen wie: Was bedeutete es für ein Kind, acht Monate im Krankenhaus zu sein? Was bedeutete es, zunächst in eine Pflegefamilie gekommen zu sein und dann erst zu den Adoptiveltern? Was bedeutete es, ständig andere Menschen um sich zu haben?

Zum Fragebogen kommt der Hausbesuch: „Ich komme in die Familie und sehe das Kind. Wie bewegt sich das Kind? Wie spielt es? Wie lernt es, wenn es ein Schulkind ist?“ So bekommt Bettina Bonus ein umfassendes Bild, anschließend redet sie mit den Eltern, fragt nach. Insgesamt beschäftigt sie sich bis zu 20 Stunden mit dem Kind und dessen Familie für die Erstvorstellung: zwei bis fünf Stunden Vorbereitungszeit, bis zu fünf Stunden mit dem Kind und anschließend noch weitere fünf bis zehn Stunden in der Familie bzw. mit den Eltern. Dann hat Bettina Bonus eine Ahnung, wie das Kind tickt. Warum es so tickt, lässt sich meistens auf eine oder mehrere Frühtraumatisierungen zurückführen. Ein wesentliches Trauma neben anderen: die Trennung von der leiblichen Mutter.

Aber was ist ein Trauma? „Ein Trauma ist mehr als eine seelische Verletzung“, erklärt Bettina Bonus. Eine Verletzung kann ein Kind verarbeiten. Ein Trauma ist größer als das, was ein Kind verarbeiten kann. Es ist überwältigend. Es wird vom Bewusstsein abgespalten. Wenn es in der Schwangerschaft, im ersten Monat, im ersten Jahr bis zum Zahnwechsel passiert, spricht Bettina Bonus von frühtraumatisierten Kindern.

„Eine Ehescheidung ist in der Regel kein Trauma“, sagt Bonus. „Es ist eine seelische Verletzung.“ Wird ein Kind im Auto gelassen und die Mama kommt verspätet und holt es, ist das kein Trauma. Aber wenn das ganze Universum auf einmal zusammenkracht, weil die Mutter, die Eltern für immer weg sind, dann wird es furchtbar. Das Trauma geht tief. „Und auch wenn es für das Kind besser ist, dass die Eltern das Kind abgeben, bleibt es ein Trauma“, stellt Bettina Bonus nüchtern fest. Die Konsequenz ist auch nicht, keine Kinder zu adoptieren, sondern mit aller Kraft daran zu arbeiten, sie zu heilen.

Aber das Trauma zu heilen, heißt, an der Angst zu arbeiten, die eine Folge des Traumas ist. „Sie können sich das ganz groß auf ein Din-A-4-Blatt schreiben“, sagt Bettina Bonus: „Das Lebensthema des Kindes ist Angst.“ Man mag es nicht glauben, wenn ein Jugendlicher aggressiv wird, seine Eltern beschimpft und bespuckt. Aber das Lebensmotto, das dahinter steckt, ist Angst.

Aber es ist nicht nur die Angst. Parallel stellt sich in dem Kind ein zweites Gefühl ein: die Wertlosigkeit. Das Kind muss ständig um seine Existenz kämpfen, weil es schon als Embryo zu wenig innere Zuwendung erhielt, weil es die Not der Mutter spürt, die es abgeben will. Und wenn das Baby dies öfter erlebt, zieht es den Schluss: „Ich bin nichts wert.“ Wenn das Kind nun zum Beispiel  Hunger hat und nichts passiert, kommt es zu dem Schluss: Ich selbst konnte mir nicht helfen.Denn das Kind und die Mutter, die es nährt, sind in diesem Stadium noch eins.

Das Fatale daran ist: Dieses Gefühl der Wertlosigkeit entsteht, bevor sich überhaupt der Selbstwert entwickeln hätte können. Es wird also nicht etwas zerstört, sondern es wird erst gar nichts aufgebaut! „Diese Kinder starten mit dem Selbstbewusstsein im Keller“, erklärt Bettina Bonus.

Das Kind hat erlebt, dass es ohne Macht hilflos ausgeliefert war. Deshalb beschließt es: „Nie wieder will ich Angst haben. Nie wieder will ich ohne Macht sein.“ Das ist die Überlebensstrategie. Das Gefühl, ohnmächtig zu sein, führt außerdem zur Kontrollstrategie. Jedes Mal, wenn es dem Kind gelingt, Macht zu bekommen, ist dies ein Anreiz, es wieder zu versuchen. Aber so bleibt es in seinem inneren Gefängnis. Die Aufgabe der Eltern ist es, das Kind aus dem Gefängnis zu befreien.

Damit sind die drei Hauptpunkte benannt: Das Kind versucht erstens, Angst zu beseitigen, will zweitens Macht und Kontrolle, und drittens will es sich aus mangelndem Selbstwertgefühl heraus nicht anstrengen. Denn es glaubt schlichtweg nicht an einen Erfolg der Anstrengung. Also hängt es seine Jacke nicht auf, putzt keine Zähne oder macht keine Hausaufgaben mehr.

Die sichtbaren Folgen: Das Kind beschimpft die Eltern, rennt bewusst mit schmutzigen Schuhen durch die Wohnung oder droht, das Haus anzuzünden: Aggressionen, Regelverletzungen, Grenzverletzungen. „Das Kind trampelt durch das Herz der Eltern“, formuliert es Bettina Bonus. Aufgabe der Eltern ist es daher, diese Überlebensstrategie kleinzuhalten und die Macht- und Kontrollstrategie außer Kraft zu setzen.

Von alleine wird die Überlebensstrategie nie wieder abgelegt, ist sich Bettina Bonus sicher. Nur die Eltern können es schaffen, sie aufzulösen. Man muss dabei aber lernen, die Fallen zu erkennen. Das geht nicht von heute auf morgen, das geht auch nicht durch Zauberei, sondern durch intensive Arbeit mit dem  Kind (siehe Artikel Seite 7).

Aber es ist anstrengend. Wenn die Angst im Kind zu groß wird, zieht es die Überlebensstrategie. „Dann haben Sie nicht mehr ein normales Kind“, sagt Bettina Bonus. „Dann haben Sie gegen das Kind auch keine Chance mehr.“ Die Überlebensstrategie ist so mächtig und stark, dass Eltern nicht dagegen ankommen. Jedes Machtwort, jeder Faustschlag auf den Tisch schürt die Angst im Kind und es schlägt noch wilder um sich. Solche Kinder kennen keine Schranken mehr. Ihre Wut ist unendlich.

Es geht dabei nicht um Trotzphasen, Bockigkeiten oder pubertäre Erscheinungen, denen Eltern mit gängigen pädagogischen Methoden Herr werden können. Sondern es geht um hochproblematische Pflege- und Adoptivkinder. Wo nichts mehr geht. Wo Psychologen und Fachleute am Ende sind. Und wo Bettina Bonus sagt: „Jetzt erst recht.“ Sie will die Ärmel hochkrempeln und anpacken.

Und sie will Adoptiveltern Mut machen: „Sie sind nicht schuld“, wiederholt Bettina Bonus immer wieder. „Das Problem ist mit dem Kind in die Familie gekommen.“ Und die neuen Eltern sind die einzigen, die das Kind heilen können. „Wer denn sonst außer den Eltern?“, fragt Bettina Bonus. „Nur sie haben so viel Liebe, so viel Zeit und so viel Kraft.“ Das allerwichtigste ist dabei, eine Vision zu haben: Die Vision, dass das Kind gesund werden kann. Und dass dies gelingt, hat Bettina Bonus in ihrer über 25-jährigen Tätigkeit erfahren. „Aber nur, wenn Sie selbst gezielt Hilfestellungen geben.“

Aber was heißt das überhaupt, Heilung? Erstens: Heilung dauert unter Umständen Jahrzehnte, betont Bonus.  Und zweitens bedeutet es, sich irgendwann frei von seelischer Verwundung zu fühlen. „Jetzt werde ich Gärtner, weil ich den Beruf liebe und nicht, weil ich nichts anderes kann“, sagt Bettina Bonus. Das ist dann innere Freiheit, die zugleich Sicherheit gibt.

Die Anforderung ist klar: Eltern müssen gut mit den Kindern arbeiten. Und Bettina Bonus weiß, wie sehr dabei jede Stunde zählt. Denn es kommen später Lehrer, Freunde und alle möglichen Einflüsse auf das Kind zusätzlich zu, die man nicht mehr steuern kann.

Wie hält man das alles durch? „Sehen Sie es positiv“, sagt Bettina Bonus: „Was kann es Schöneres geben, als einen Menschen zu retten.“ Für das Kind werden die Eltern zum Entwicklungshelfer. Und für die Eltern wird das Kind zum Lehrer. Großeltern und Verwandte spielen keine lebensnotwendige Rolle, erklärt Bettina Bonus, aber sie können mithelfen. Allein mit Geld. Denn Adoptivkinder kosten Geld – für Therapeuten, Betreuung, Musikinstrumente, Sportaktivitäten, Bücher, die eigene Erholung, Haushaltshilfen, die einen entlasten.

Die Eltern müssen das Kind stets eng führen. Das Mindeste ist daher, dass Verwandte den Eltern nicht in den Rücken fallen. Also: „Neutral bleiben ist schon eine Hilfe, am gleichen Strang ziehen ist wunderbar.“ Und die Lehrer? „Erst mal würde ich nichts sagen“, rät Bettina Bonus. Erst wenn es Schwierigkeiten gibt, sollte man ein bis zwei Anläufe unternehmen, die Situation zu erklären. „Wenn man dann aber auf Beton beißt, dann lasse ich es lieber“, sagt Bonus.

Einen besonderen Trost hat Bettina Bonus für alle christlichen Adoptiveltern: Nach ihrer Erfahrung sind hochproblematische Pflege- und Adoptivkinder oft ganz sensibel. „Sie sind daher oft aus tiefem Herzen religiös.“ Natürlich ist es dann von Vorteil, wenn die Eltern diese tiefen Gefühle verstehen und aufnehmen können. Den Kindern tut es gut, wenn sie einen übergeordneten Sinn erleben. „Bei Gott gibt es nämlich keine Adoptiv- und Pflegekinder“, sagt Bonus. Er liebt alle gleich, das ist Sicherheit, und Liebe heilt die Angst.