Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lieder, die Mut machen - Alte und neue Kirchenlieder

Was kann Sorge und Angst vertreiben? Kirchenlieder bieten hier einen reichen Schatz – ob sie alt sind oder neu. Ein persönlicher Streifzug durch evangelisches Liedgut.

Moritzburg. Foto: Charlemagne, pixabayMoritzburg. Foto: Charlemagne, pixabay

Zum kontrovers rezipierten Luther-Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362) erinnere ich mich an eine Rundfunktpredigt und die Geschichte vom Jungen, der zum Kartoffelholen in den Keller geschickt wurde, einem Ort, der ihm immer Angst einflößte. Hinter jeder Ecke vermutete er das leibhaftig Böse. Aus jedem Schatten bildeten sich Fantasiewesen. Jedes Geräusch verstärkte sich hallend und ließ ihm Atem und Herz stocken. Als er ihr von der Angst erzählte, empfahl ihm seine Mutter, einfach ein Lied zu pfeifen, wenn er wieder in den Keller ginge. Und es klappte. Das Unheimliche war gebannt, die Schatten entzaubert und die Resonanz des Liedes übertönte alle beängstigenden Geräusche.

Mutmachlieder - Melodien und Texte voller Erinnerungen

„Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen“ war in früheren Zeiten auch eine Art Schutz-Psalmlied der reformatorischen Gemeinden. Das Wort „Burg“ erinnert mich zudem an meinen Konfirmationsspruch aus Psalm 31 „Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest“ und an die oft gesungene Motette Heinrich Schützens zum gleichen Psalm „Herr, auf dich traue ich“. Vieles ergibt einen Zusammenklang. Das Kirchenjahr, Kirchenlieder und Vertonungen biblischer Texte begleiten durchs Leben.

Ich darf gar nicht das Gesangbuch aufschlagen und danach suchen, welches Lied mir mehr als ein anderes zum Mutbringer wurde. An zu vielen Liedern hängen Geschichten und Erinnerungen, Momente tiefer Bewegtheit. Da finde ich die Lieder, die um 0 Uhr eines neuen Jahres gesungen werden, die Lieblingslieder verstorbener naher Verwandter, Lieder besonders emotionaler Gottesdienste, Choräle der Bachschen Oratorien oder Gesungenes bei kirchlichen Freizeiten. Es war immer stimmig. Die Liedmelodien und Texte verbanden sich mit meiner Lebenssituation.

Ein Lied wie „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (EG 369) wird zum Lebensberater. Als Kind erinnerte mich das Lied an unsichtbar agierende Wesen, die ich großzügig mit Gott in Verbindung brachte. Das konnte das Christkind, konnten Engel oder sogar die Heinzelmännchen sein, „so kommt Gott, eh wir’s uns versehn, und lässet uns viel Guts geschehn“. Schulterklopfendes „sei nicht traurig“ konnte ich nicht ab.

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Die Erkenntnis „Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit“ ließ ich mir gefallen. Schließlich wurde dieses Lied zur Lebensbeauftragung: „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“

Wie ein roter Faden durchzieht auch „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (EG 421) mein Leben, die Lutherübertragung der Antiphon „Da pacem, Domine“ aus dem 9. Jahrhundert, die sonntäglich als Friedensbitte in unseren Gottesdiensten gesungen wird. Gleichbleibendes in einer sich ständig verändernden Welt von Ereignissen und Emotionen schafft eine stabile Rückbindung an das und den, der immer war, ist und bleibt. „Es ist doch ja kein andrer nicht, denn Du, unser Gott, alleine.“

Alte Choräle aus dem Gesangbuch. Foto: Werner KuhnleAlte Choräle aus dem Gesangbuch. Foto: Werner Kuhnle

Unter den sogenannten neuen geistlichen Liedern, die in das Liederbuch „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus“ aufgenommen wurden, sind mir besonders die Lieder ans Herz gewachsen, die es zulassen, dass jede und jeder seine eigenen Fragen und Sorgen hineinlegen kann. Dadurch entsteht eine Lebensnähe und Echtheit im Augenblick. Das spürt man beim gemeinsamen Singen. Die erklingenden Stimmen binden alle unaussprechbaren Gedanken und Gefühle.

„An deinem Ohr darf ich sagen, was die Seele fühlt“ aus dem Lied „Herr, wohin sonst“ (Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus, 152) von Thea Eichholz-Müller drückt diese intime Beziehung aus, die in der Gemeinschaft zur kollektiven Gewissheit erstarkt.

In „Lege deine Sorgen nieder“ (Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus, 175) von Sefora Nelson spricht Gott selbst zu mir: „Lege deine Sorgen nieder, leg sie ab in meine Hand. Du brauchst mir nichts zu erklären, denn ich hab dich längst erkannt. Hoffnung gebe ich dir wieder, lass die Zweifel einfach los, lass einfach los. Lass alles fall’n, nichts ist für Deinen Gott zu groß.“

Als Kirchenmusiker rufen diese Bilder von der großen bergenden Hand Gottes ganz andere, tief verankerte Erlebnisse wach. Erstaunlich ist, wie sich in der Gedankenversunkenheit eines ruhigen Popsongs solche Assoziationen platzieren. In mir kommen nämlich Passagen des Brahms-Requiems hoch, zum Beispiel die hochkomplexe harmonisch aufgeladene Chorfuge zum Text aus der Weisheit Salomons „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an“.

Die große, bergende Hand Gottes - beliebtes Thema der Kirchenlieder

Unter der Fuge liegt wie Gottes Hand ein Dauerton, ein Orgelpunkt mit dem Ton „D“ (Han-D Gottes). Das hat auf mich starke, fast archaisch tröstende Wirkung. Die Verbindung zur starken Wirkmächtigkeit mancher neuer geistlicher Lieder erklärt sich mir mit der suggestiv beruhigenden Kraft der Lieder einer tröstenden Mutter. Brahms zitiert die Prophetie Jesajas: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Trost- und Mutmachtexte in schweren Zeiten wollen das Sichverlassen-fühlen in ein „Sich-verlassen-können“ wenden.

Foto: Skalekar1992, pixabayFoto: Skalekar1992, pixabay

In Gottes Mund textiert wurde das Lied „Ich verlass dich nicht, verlass dich drauf“ (Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus, 161) von Tabea Hartmann, Pfarrerin in Pleidelsheim. Verlassenheit? Existenzängste? Hatte ich das eigentlich schon? In einer Wohlstandssituation klänge das schnell überheblich. Hier meine ich die Existenzangst aus berührenden Romanen und Kinofilmen oder die aus den Erzählungen meiner Eltern, die am Ende des Krieges ihre Heimat verlassen und um ihr Leben fürchten mussten. Mitgefühl kann durch Mark und Bein gehen. Wenn sich zudem Filmmusik wie ein Ohrwurm darüberlegt, löst die Musik umgekehrt auch die mit der Situation verbundenen Emotionen aus.

So ging es mir zum Beispiel. bei der Musik von „Les Choristes – Die Kinder des Monsieur Mathieu“, aber auch beim Lied „Danke für die Sonne“ (Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus, 113) von Andrea Adams-Frey. Die Rettungsgeschichte dieser einst von Drogen und Alkohol abhängig gewordenen Frau, die über den Glauben, die Liebe zur Musik und zu ihrem späteren Ehemann Albert Frey wieder Fuß im Leben fasst, schwingt bei jedem Wort mit, das ihren Dank ausdrückt. Dieses Lied hat alle Ängste, nie mehr gerettet zu werden, überwunden. Der pulsierende Rhythmus ist unaufhörlicher Ausdruck dieser wiedergefundenen Vitalität.

„Danke für die Sonne, für den Regen, für den Himmel über und die Erde unter mir. Danke für die Schönheit, für die Farben, für das Licht. Danke für das Lachen, für die Tränen und dafür, dass ich fühlen kann. Danke für die Menschen, für die Tiere, dafür, dass ich nicht alleine bin. Danke für die Zeit, das Leben, die Liebe und diesen Augenblick. Danke für die Freiheit, die Freude und für die Musik.“

Ich wünsche Ihnen eine Wiederbegegnung mit Ihren Trost- und Mutmachliedern.

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