Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lob und Preis kommt später - Fürchtet euch nicht

Nein, süßlich war es damals nicht bei den Hirten auf dem Felde. Die erschraken erst einmal, als ihnen ein Engel erschien. Doch es blieb nicht bei dem hellen Entsetzen bei entsetzlicher Helle. Denn nach den Worten „Fürchtet euch nicht“ waren die Hirten erreichbar für die frohe Botschaft, die ihnen da verkündet wurde. Was sie erlebten, führte die Hirten dazu, Gott zu loben.

Sind sie nicht einfach süß, die Engel beim Krippenspiel? Damals bei den Hirten auf dem Felde war der Engel erschreckend. Foto: kna/ Harald OppitzSind sie nicht einfach süß, die Engel beim Krippenspiel? Damals bei den Hirten auf dem Felde war der Engel erschreckend. Foto: kna/ Harald Oppitz

Der Engel sprach: „Siehe, ich verkündige euch große Freude“, heißt es im Lukasevangelium (Kapitel 2,10). Doch in manchen Krippenspielen wirkt der Verkündigungsengel eher wie ein freundlicher Staubsaugervertreter. Plötzlich steht er vor der Tür. Mit gewinnender Ausstrahlung und blendender Rhetorik will er mich davon überzeugen, dass dieser Staubsauger mein Leben schöner macht.

Und nun liegt es an mir: Lasse ich diese Botschaft in mich hinein oder mache ich die Tür wieder zu? Manch nuschelnder Krippenspielengel würde mich als Hirte nicht sehr überzeugen. Ich bliebe lieber bei meinem warmen Hirtenfeuer, als dass ich mich auf das ungewisse Abenteuer einer kalten Nachtwanderung nach Bethlehem einließe.

Doch die Wirklichkeit auf dem weihnachtlichen Hirtenfeld war ganz anders. Da ging es nicht um ein schöneres Leben, sondern um Sein oder Nichtsein. Mitten in ihrem beruflichen Alltag bricht Gott über die Hirten herein. Sie erleben eine tiefe Erschütterung. So, als hätten sie in heutiger Zeit an eine elektrische Stromleitung gefasst. Die Hirten fühlen ihre existentielle Endlichkeit, sie schmecken den Tod.

Vom Entsetzen zur Freude

„Weh mir, ich vergehe“, ruft der biblische Jesaja, als Gott ihm begegnet. Es herrscht „helles Entsetzen bei entsetzlicher Helle“, schreibt Werner Grimm. Darum braucht es auf dem Feld zuerst dieses besänftigende Wort des Engels: „Fürchtet euch nicht“. Erst diese verbale Beruhigung macht die Hirten wieder hörbereit und erreichbar für die Botschaft der großen Freude, die ihnen der Engel mitten in der Nacht verkündigt.

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Die folgende Stimmungswende fühlt sich an wie bei kleinen Kindern, deren Begeisterung sich urplötzlich verändern kann von Faszination zu Erschrecken. Bei den Hirten ist es allerdings umgekehrt: Aus großer Verzweiflung wird urplötzlich große Freude. Weil Gott selbst durch den Engel hindurch spricht, ist es kein nettes Werbegespräch wie bei einem Staubsaugervertreter.

Der Engel berichtet nicht nur über die „große Freude“, er bewirkt sie zugleich. Sein Reden ist nicht nur informierendes, sondern schöpferisches Wort Gottes. Dieses Wort tut, was es sagt. Die Hirten erleben mitten in der Nacht die lebendig machende Kraft des Evangeliums. Die darin wohnende „große Freude“ hat ihren Ausgangspunkt bei Gott im Himmel und kommt durch das Evangelium zu den Menschen „auf Erden“.

Um zu verstehen, welche beflügelnde Unruhe sich auf dem Hirtenfeld damals ereignet hat, hilft es, sich deutlich zu machen, woher das Wort „Evangelium“ ursprünglich stammt. Es wurde nicht erst für das Neue Testament „erfunden“. Der Begriff stammt aus der griechischen Militärsprache. Wenn die antiken griechischen Stadtstaaten gegeneinander Krieg führten, waren sie wenigstens so vernünftig, die Entscheidungsschlacht nicht innerhalb der Stadtmauern in zermürbendem Häuserkampf zu führen. Es gab vielmehr die militärische Tradition, dass sich beide Heere weit vor den Toren der Stadt auf einem Schlachtfeld trafen, um dort den Kampf auszufechten. Siegten nun die angreifenden Truppen, mussten die Unterlegenen ihre Stadttore öffnen.

Boten des Evangeliums

Die Eroberung brachte dann Schlimmes mit sich. Menschen wurden geplagt, versklavt und getötet. Schwere Angst lag deshalb während der ganzen Schlacht wie ein Todesschatten über der bedrohten Stadt. War der Ausgang nun aber positiv, haben die Verteidiger die Angreifer in die Flucht geschlagen, so wurde sofort vom Kriegsschauplatz aus ein „Läufer“ losgeschickt. Er sollte schnellstmöglich die freudige Siegesnachricht zu den Bürgern der Stadt tragen. Diesen Läufer nannte man den „Boten des Evangeliums“.

Wie der Engel auf dem Hirtenfeld hat auch er den Menschen in der Stadt „Friede auf Erden“ verkündet und damit deutlich gemacht, dass sie Zukunft und Leben haben. Diese frohe Botschaft wirkte auf die Hörer wie das Entkorken einer Flasche Sekt. Der Druck schwerer Tage hat sich in überschäumender Freude entladen. Aus ihren Kellern der Angst sind die Bürger heraus auf die Straßen gelaufen und haben ihrer Freude freien Lauf gelassen im Jubel von Liedern und Tänzen.

So ähnlich war das bei den Hirten der Heiligen Nacht. Als die Engel wieder verschwunden waren, sind die vorher noch so verschlafenen und dann schockierten Hirten plötzlich hellwach begeistert nach Bethlehem gelaufen. Und als sie im Stall das verkündigte Jesuskind hatten liegen sehen, „kehrten sie wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten“ (Lukas 2,20). Sie waren voll großer Freude.

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Lieder und Hymnen

Es ist auffällig, dass die biblische Weihnachtsgeschichte von Hymnen und Liedern durchzogen ist. Es singt und klingt rund ums Christkind herum. An Weihnachten überschreitet der ewige Gott die Grenze zu uns sterblichen Menschen und schenkt uns Anteil am himmlischen Frieden. Die Angesprochenen antworten auf diese göttliche Grenzüberschreitung mit einer stimmlichen Grenzüberschreitung. Im Singen wird der Tonumfang des reinen Sprechens weit überschritten. Aus der Enge der Hoffnungslosigkeit führt uns die Freude in die Weite der Freiheit. Das Sterbliche ist „durchschritten“. Der Tod hat seine Macht verloren. Durch Jesu Geburt haben wir Leben und Zukunft.

Gute Botschaft

Darum singt die Christenheit bis zum heutigen Tag fröhliche Weihnachtslieder. Das Evangelium kann nicht nur nüchtern und distanziert zur Kenntnis genommen werden. Es hat befreiende, existentielle Bedeutung. Es geht in Mark und Bein und in Noten und Klang. Martin Luther sagt: „Das Evangelion ist ein griechisch‘ Wort und heißt auf Deutsch gute Botschaft, gute Mär‘, gute Neuzeitung, gut Geschrei, davon man singet, saget und fröhlich ist.“

Aber wie ist es während solcher trüben Corona-Zeiten, so wie bei uns jetzt? „Singen verboten“ heißt es auch in diesem Jahr wieder in vielen Gottesdiensten. Können wir trotzdem „große Freude“ erleben? Die Hirten, die zuerst noch fröhlich an der Krippe standen, mussten bald wieder zurück in die dunkle Nacht ihres Alltags. Auch nach diesem besonderen Engelerlebnis haben sie nicht viel vom „Frieden auf Erden“ gespürt, der ihnen verkündet wurde. Dennoch waren sie froh, weil sie wussten: Gott ist jetzt auf der Welt. Wir sind nicht allein. Er wird wachsen und kommen und unsere Not am Ende in Herrlichkeit verwandeln. Darum: Singt das Lied der Freude über Gott – auch wenn es dieses Mal nicht in gut besuchten Gottesdiensten möglich sein wird. Große Freude kann man auch im kleinen Kreis miteinander teilen.

◼ Rainer Köpf ist Pfarrer in Beutelsbach.