Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lucie Panzer meint ... Opfer bringen sollen erstmal die anderen?

Lucie Panzer, Kolumnistin des Evangelischen Gemeindeblatts. Foto: privat/canva

In meinem Stadtteil soll ein Platz verkehrsberuhigt werden. Dagegen gibt es Proteste. Gegen den schönen, weiten, von alten Bäumen umstandenen Platz hat keiner was. Aber klar: Der Verkehr verlagert sich auf die umliegenden Straßen. Deren Anwohner protestieren. Im Augenblick ist das noch ein Versuch. An den ersten Frühsommerabenden sieht man Menschen im Eiscafé, es gibt Außengastronomie, man kann auf Bänken und großen Steinen sitzen. Auf der Straße, die quer durch den Platz lief, fahren Kinder mit ihren Tretrollern. Schön, sagen die meisten. Aber warum soll das auf meine Kosten geschehen? In meiner Straße gibt es jetzt mehr Verkehr.

Der erschrockene Ministerpräsident

Mit so einer Protestwelle bekam es auch Ministerpräsident Kretschmann zu tun. Bei einer Podiumsdiskussion hatte er Ende April vorgeschlagen, die Mindestarbeitszeit für Teilzeitlehrkräfte zu erhöhen. Eine zusätzliche Unterrichtsstunde für jede und jeden würde 1000 neue Lehrerstellen bringen. Und die braucht man dringend, zum Beispiel weil in den vergangenen Monaten etwa 9000 ukrainische Kinder nach Baden-Württemberg geflüchtet seien, die nun unterrichtet und betreut werden müssten. Dass sei zwar eine spontane Äußerung gewesen, sagte schon einen Tag später der erschrockene Regierungschef, aber er hätte sie wohl besser gelassen. Er hat damit nämlich eine Welle der Empörung bei Gewerkschaften und Lehrerverbänden ausgelöst.

Natürlich muss etwas getan werden. Aber ich?

Natürlich muss etwas getan werden. Aber ich? Für mich ist das unzumutbar. So scheinen viele zu denken. Ich selbst habe größten Respekt vor dem was Lehrer und Lehrerinnen leisten. Ich komme selbst aus einer Lehrerfamilie, meine Mutter war Lehrerin, meine Schwester ist es und meine Tochter auch. Ich selbst habe mir nicht zugetraut, als Lehrerin zu arbeiten. Aber in dieser Krise, vorübergehend, eine Stunde mehr? Und ja sicher nicht umsonst?

„Wir müssen alle Opfer bringen!“ höre ich im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine immer wieder. Aber wer ist denn „wir“? Sind „wir“ bloß die anderen? Der schöne Platz in unserem dicht bebauten Stadtteil – kommt der nicht allen zugute? Statt: „Sollen doch erstmal die anderen“ müssten wir vielleicht sagen: „Ich fange mal an.“

Das meint Lucie Panzer. Und was meinen Sie?