Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lucie Panzer meint ... Religion muss sichtbar bleiben

Lucie Panzer, Rundfunkpfarrerin beim SWR und Kolumnistin des Evangelischen Gemeindeblattes. Fotos: privat/Canva

„Gott ist für uns – wer will sich dann noch gegen uns stellen?“ Von Zeit zu Zeit erregen solche Bibelsprüche die Gemüter in der Region Stuttgart. Auf 15x30 cm großen Aufklebern sind sie auf den Fensterscheiben der S-Bahnen zu sehen. Jetzt war es wieder so weit. Im Februar konnte man mehrfach in der Zeitung davon lesen. In der Regionalversammlung des Verbands der Region Stuttgart gab es einen Antrag, solche Plakatierung nicht länger zu gestatten. Bibelsprüche widersprächen der gebotenen weltanschaulichen Neutralität und der im Grundgesetz verankerten Religionsfreiheit. Diese bedeutet einerseits, dass jeder glauben kann, was er für richtig hält und andererseits als negative Religionsfreiheit, dass man auch nicht glauben kann, ohne Nachteile befürchten zu müssen.

Religionsfreiheit bedeutet, dass alle Religionen sichtbar sein dürfen

In dieser Entscheidung fürs Nichtglauben fühlen sich nun anscheinend Fahrgäste der Stuttgarter S-Bahn durch die plakatierten Bibelsprüche bedrängt. Deshalb soll sich das Regionalparlament damit befassen.

Manchmal habe ich dieselben Argumente auch gegen die kirchlichen Morgenandachten im Radioprogramm des SWR gehört. Ich frage mich aber: Kann denn Religionsfreiheit bedeuten, dass Religion nicht mehr sichtbar bzw. hörbar sein darf im Land?

Ich meine allerdings: Wer christliche Bibelsprüche im öffentlichen Raum toleriert, der muss auch die Glaubenszeugnisse anderer Religionen akzeptieren. Eine Moschee oder ein Minarett in der Nachbarschaft zum Beispiel, oder Koransuren auf Plakaten sollten dann auch möglich sein und wohl auch religiöse Sendungen nichtchristlicher Glaubensgemeinschaften in Radio und Fernsehen.

Bibelsprüche allein reichen nicht

Ich denke aber auch: Wenn man Menschen den Glauben nahebringen will, kann man es nicht mit Bibelsprüchen getan sein lassen. Die Bibel selbst erzählt von einem ausländischen Gesandten, der sich beim Besuch im Tempel in Jerusalem eine heilige Schrift gekauft hat (Joh 8, 26-39). Auf dem Heimweg liest er darin. Aber er versteht nichts. Erst als ein Christ ihm mitteilt, wie er die Worte versteht und ihm von seinen Glaubenserfahrungen erzählt: da begreift auch der Reisende, um was es geht.

Es könnte also sein, dass die Bibelsprüche in der S-Bahn zwar die Christen ansprechen, die sie bereits kennen. Aber den anderen, die mit dem Glauben abgeschlossen haben, denen bleiben sie verschlossen.

Ich frage mich deshalb: Ist es sinnvoll, solche Bibelsprüche im öffentlichen Raum zu platzieren? Was meinen Sie?

 

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