Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lucie Panzer meint ... Unser Land hat Migrationshintergrund!

Lucie Panzer, Kolumnistin des Evangelischen Gemeindeblattes. Fotos: privat/Canva

Vor 60 Jahren, im Oktober 1961, wurde zwischen der Türkei und Deutschland das sogenannte Anwerbeabkommen abgeschlossen: gerade mal 2 Seiten Papier, ohne großes Aufsehen. Ähnliche Abkommen gab es schon mit anderen Staaten. Danach machten sich tausende Arbeitskräfte auf nach Deutschland. Sie übernahmen schwerste, schmutzigste Arbeit, zunächst vor allem im Ruhrgebiet, lebten in „Ledigenwohnheimen“ zu viert im Zimmer. Das alles für geringen Lohn. Die deutsche Gesellschaft interessierte zunächst nur, dass die Arbeit gemacht wurde. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder mussten am Laufen gehalten werden.

Wichtiger Teil der Gesellschaft

Nach einer Weile holten die „Gastarbeiter“, die doch eigentlich wieder gehen sollten, ihre Familien nach. Sie suchten Wohnungen, Kitaplätze und Schulen für ihre Kinder. Inzwischen leben in der zweiten und dritten Generation fast 3 Millionen Menschen türkischer Herkunft in unserem Land, die Hälfte mit deutschem Pass. Sie sind Polizisten und Handwerker und Ärztinnen, Erzieherinnen, Abgeordnete, Staatssekretärinnen und Minister. Und natürlich: Die Erfinder des Corona-Impfstoffs von Biontech haben auch türkischen Migrationshintergrund.

Aber: Mit türkisch klingendem Namen findet man immer noch schwerer eine Wohnung oder einen Ausbildungsplatz. Und es gibt Jugendliche ohne Schulabschluss, Randalierer und Menschen ohne Perspektive, die schließlich kriminell werden – genau wie unter der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Es gibt nicht „die“ Türken, so wenig wie es „die“ Deutschen gibt. Unser Land hat kein Ausländerproblem, wir haben soziale Probleme.

Vollkommen normal

Was alles ohne „die Ausländer“ nicht läuft, kann man derzeit in Großbritannien beobachten. Unser Land hat und braucht einen Migrationshintergrund, hat der Bundespräsident dieser Tage gesagt. Ein Bonmot zeigt, wie selbstverständlich das im Grunde ist: „Dein Auto ist ein Japaner, deine Pizza ist italienisch, dein Mittagsmahl chinesisch, dein Champagner ist französisch, deine Demokratie ist griechisch, dein Kaffee brasilianisch, dein Urlaub ist türkisch, deine Schrift lateinisch, dein Christus ist ein Jude … und Dein Nachbar ist nur ein Ausländer?“

Ich finde, das sollte uns immer neu zu denken geben.

Das meint Lucie Panzer. Und was meinen Sie?