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Mahlzeit für nur zwei Mark - Geburtsstätte der Vesperkirche

Die Kirche als Ort, wo Leib und Seele satt werden – diese Idee schwebte Diakoniepfarrer Martin Friz vor 27 Jahren vor. Gemeinsam mit zahlreichen Unterstützern machte er Stuttgart zur Geburtsstätte der Vesperkirchen. Bald ging das Angebot über Verpflegung und Seelsorge hinaus.

Ein Erfolg: Auch 2001 war die Stuttgarter Leonhardskirche voll besetzt. Foto: Rainer FieselmannEin Erfolg: Auch 2001 war die Stuttgarter Leonhardskirche voll besetzt. Foto: Rainer Fieselmann

Wie soll das Projekt heißen? Ende 1994 sitzen Jürgen Kaiser, der Geschäftsführer des Evangelischen Medienhauses Stuttgart, Diakoniepfarrer Martin Friz und der Pressesprecher der Landeskirche, Christof Vetter, beim Kaffeetrinken zusammen. „Des muss was Schwäbisches sei und mit Essen zu tun haben, also so was wie Vespern, Vesperbrett“, überlegt Kaiser. „Nein, Vesperkirche!“, findet Friz. „Des isches“, bestätigt Christof Vetter.

Rückblickend meint Vetter: „Wer 1995 den Begriff ‚Vesperkirche‘ hörte, musste zunächst nachdenken, was damit gemeint sein könnte.“ Was mittlerweile in dutzenden Kirchen in und außerhalb Deutschlands zum jährlichen Winterprogramm gehört, war damals einzigartig: Vor 27 Jahren fand die erste Vesperkirche in der Leonhardskirche statt. Acht Wochen lang konnten die Besucher täglich eine warme Mahlzeit für nur zwei Mark essen.

Martin Friz stieß mit seiner innovativen Idee allerdings nicht nur auf Begeisterung: Ob die Armenspeisung wirklich in einer Kirche stattfinden müsse, fragten kritische Stimmen. Müsse sie, fand Friz. Er wolle „Menschen, die anders sind, nicht in irgendeine Lagerhalle stecken“, sondern ins Herzstück der Gemeinde einladen. Sein Ziel war, einen Begegnungsort für Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zu schaffen, damit sie einander kennenlernen.

Andere prangerten den Zeitraum an: Ob es genug sei, „nur“ ein paar Wochen im Jahr nett zu den Schwachen zu sein, die Aktion im Rest des Jahres aber nicht fortzuführen? Diese Kritik konterte Friz 2002 mit den Worten: „Es gibt kaum etwas Schlimmeres als gute Projekte, die an der Erschöpfung der Mitarbeiter scheitern. Deshalb stehen wir dazu: Neun Wochen reichen unsere Kräfte, weiter nicht. Aber in diesen neun Wochen finden viele zu neuer Kraft, ihr Leben anders anzugehen.“

Essen, Haare schneiden und impfen

Bei der ersten Vesperkirche engagierten sich 130 Ehrenamtliche, bei der zweiten bereits 200 und im Jahr 2002 über 450, um zu Beginn für 70 Menschen und später täglich für rund 800 Gäste da zu sein.

Stetig wuchs das Angebot für die Besucher: Zum warmen Mittagessen, der Vespertüte, Kaffee, einer Andacht und Seelsorgegesprächen kamen im Laufe der Jahre unter anderem noch Konzerte und kostenlose Friseurtermine dazu. Ein Impfangebot gibt es bei der Vesperkirche nicht erst seit der Corona-Pandemie: „100 Menschen wurden gegen Tetanus, Diphterie und Polio geimpft“, berichtete das Evangelische Gemeindeblatt im März 1996.

Der Anfang: 1995 berichtete das Gemeindeblatt über das neue Projekt „Vesperkirche“. Foto: GemeindepresseDer Anfang: 1995 berichtete das Gemeindeblatt über das neue Projekt „Vesperkirche“. Foto: Gemeindepresse

In jenem Jahr war die Stuttgarter Vesperkirche schon nicht mehr die einzige. Mittlerweile gibt es allein in Württemberg über 30 mehrwöchige Aktionen. 2012 sagte Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich daher im Gemeindeblatt, die Stuttgarter Vesperkirche habe sich zur Marke entwickelt. Doch Ehrlich sah den Erfolg der Vesperkirche mit einem lachenden und einem weinenden Auge – so wie viele Gesprächspartner, die in den nächsten Jahren im Gemeindeblatt zu Wort kamen. Die „Erfolgsgeschichte“ sei gleichzeitig „peinlich“, sagte Ehrlich, weil damals wie heute immer noch zu viele Menschen von Armut betroffen seien: „Schließlich haben die Väter dieser Vesperkirche einmal gehofft, dass dieses Angebot irgendwann einmal überflüssig ist.“ □