Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Man muss etwas tun“ -Diakonische Organisation Fortis e.V.

BÖBLINGEN – Gegründet wurde die diakonische Organisation Fortis e. V. vor 50 Jahren von kirchlich und politisch engagierten Bürgern. Die Arbeit ist dem Verein seither nicht ausgegangen, im Gegenteil: Mehr als 100 Hauptamtliche kümmern sich heute im Landkreis um Wohnungslose, psychisch Erkrankte, ehemalige Häftlinge und Drogenabhängige.

Gesprächsrunde im Wohnkolleg in Sindelfingen. Foto: Pressebild/ Florian ThiererGesprächsrunde im Wohnkolleg in Sindelfingen. Foto: Pressebild/ Florian Thierer

Die Leistungen von Fortis erreichen über 1000 Menschen im Jahr: psychisch Erkrankte, Abhängige, Wohnungslose, Straffällige. Der Bedarf wächst, die Arbeit des Vereins wird immer wichtiger. Dabei wäre die 1972 gegründete soziale Organisation am liebsten überflüssig.

Engagiert im Landkreis Böblingen zählt Fortis inzwischen 110 hauptamtliche Mitarbeitende, 20 Ehrenamtliche und fünf Studierende. Neben dem Vereinssitz in Böblingen gibt es Standorte in Herrenberg, Sindelfingen und Leonberg.

„Ich kenne keinen Sozialträger in unserer Größe, der so vielfältige Hilfeleistungen unter einem Dach vereint wie wir“, sagt Vorstand Werner Thumm. Er ist seit 29 Jahren im Amt. Eigentlich wollte er nur fünf Jahre bleiben. „Das ist bei vielen Mitarbeitern ähnlich.“ Die langen Zugehörigkeiten sprächen für faire Arbeitsbedingungen und ein gutes Betriebsklima. Das Hauptgeschäftsfeld von Fortis sind die gemeindepsychiatrischen Hilfen mit besonderen Wohnformen (65 Plätze) und rund 250 Plätzen im Betreuten Wohnen.

Der gelernte Banker Thumm hat die Zahlen im Blick. Der Verein, so Thumm, stehe wirtschaftlich solide da. Zur Sozialpsychiatrie kommen Hilfen für Alkohol- und Drogenabhängige sowie Messies. Für Wohnungslose betreibt Fortis eine Fachberatungsstelle, eine Tagesstätte und ein Aufnahmehaus. Nach ihrer Haftentlassung können im Jahr 20 Menschen im Helmut-Lang-Haus in Böblingen unterkommen, ähnlich viele werden ambulant betreut.

„Die Zusammenarbeit mit unseren Klienten beruht auf dem Grundsatz der Freiwilligkeit, soll so kurz wie möglich und so lange wie notwendig sein“, erklärt Thumm. Der Name Fortis ergibt sich aus den Leitgedanken der Arbeit: „Für Orientierung, Teilhabe, Integration und Solidarität“. Der einzelne Mensch stehe im Mittelpunkt. Jeder erhalte individuelle Unterstützung. „Die Ressourcen und die Lebenswelt der Menschen sind maßgebend für die Leistungen“, heißt es im 2019 verabschiedeten Leitbild von Fortis. Der Verein ist Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg.

Hervorgegangen ist der heutige Verein aus dem 1971 in Herrenberg gegründeten Arbeitskreis „Resozialisierung“. Dieser geht auf ein Urgestein der Sozialpolitik im Kreis Böblingen zurück: Paul Binder. „Er und seine Mitstreiter hatten nicht vor, einen Verein zu gründen“, sagt Thumm. Doch sie sahen die Not von aus der Haft entlassenen Leuten und fanden keinen, der half. Also kümmerten sich die sozial, kirchlich und politisch engagierten Menschen selbst darum.

Werner Thumm ist Vorstand von Fortis. Foto: Pressebild/ Florian ThiererWerner Thumm ist Vorstand von Fortis. Foto: Pressebild/ Florian Thierer

Bereits 1974 wurde mit Unterstützung der Stuttgarter Sozialberatung die erste Wohngemeinschaft für Straffällige in Gärtringen gegründet. Zwei Jahre später wurde das Sindelfinger Wohnkolleg für psychisch Erkrankte mitten in einem Wohngebiet eröffnet – damals ein großer Schritt. „Die Menschen waren nicht mehr abgeschlossen und weit weg von Angehörigen in Psychiatrien, sondern zurück in den Gemeinden“, sagt Thumm. Anfang der 80er-Jahre kam bei Fortis die Wohnungslosenhilfe hinzu, 2004 auf der Böblinger Martinshöhe die Suchthilfe. „Nach wie vor werden psychische Erkrankungen oft von der Gesellschaft nicht richtig anerkannt“, sagt Thumm.

„Unsere Klienten haben dieselbe Wertschätzung verdient wie jeder andere Mensch“, sagt der Vorstand von Fortis. Zu Abhängigkeitserkrankungen ebenso wie zu Straftaten trage häufig das Umfeld bei. „In der Wohnungslosenhilfe haben wir viele Leute, die sich selbst nie als gefährdet betrachtet hätten“, sagt Thumm. Aber sei die Wohnung erst einmal weg, beginne dann häufig die Abwärtsspirale.

Das Selbstverständnis von Fortis beruht auf der Erkenntnis, dass jeder Mensch einzigartig ist und ein Recht auf ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben hat. Der Verein orientiert sich an christlichen Werten, leistet professionelle Hilfe und vernetzt diese mit weiteren Angeboten.

In einigen Fällen genügt eine kurze Hilfe zur Selbsthilfe, andere Klienten brauchen intensive Begleitung, wieder andere sind ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen. Er könne sich auf motivierte, fachlich kompetente Mitarbeiter verlassen, sagt Thumm. Sie besuchen Workshops und Fortbildungen und erhalten regelmäßig eine Supervision zur Verarbeitung ihrer Erlebnisse.

Wachstum verzeichnet vor allem das Betreute Wohnen in den gemeindepsychiatrischen Hilfen. Zudem sind in näherer Zukunft Neubauten besonderer Wohnformen in Herrenberg und in Sindelfingen sowie ein Vorstandswechsel geplant. Werner Thumm geht Anfang kommenden Jahres in den Ruhestand. Ihn genauso wie alle Mitarbeitenden treibt der Wunsch an, gute Arbeit für Menschen mit Hilfebedarf zu leisten. „Dieser Gedanke führt genau zu unseren Wurzeln vor 50 Jahren zurück: Man muss etwas tun“, sagt der Vorstand.

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