Christliche Themen für jede Altersgruppe

Maßstab der Menschlichkeit

Es kommt selten vor, dass ein Einzelner zur moralischen Autorität der ganzen Menschheit erhoben wird. Dem Arzt und Theologen Albert Schweitzer ist dies gelungen. Er starb vor 50 Jahren in dem von ihm ­gegründeten Hospital im westafrikanischen Lambarene. 


Albert Schweitzer. (Foto: epd-Bild)


Louis Albert Schweitzer wird am 14. Januar 1875 in dem oberelsässischen Winzerort Kaysersberg bei Colmar geboren. Nach elsässischer Gewohnheit dient der zweite Vorname als Rufname. Die Geburtsurkunde ist in deutscher Sprache ausgestellt, denn das Elsass und Teile Lothringens gehören seit 1871 zum Deutschen Reich. Der Sterbeeintrag aus dem Jahr 1965 dagegen ist wieder französisch.

In dem Stück Papier, das im Schweitzer-Museum in Kaysersberg ausgestellt ist, spiegelt sich seine Zugehörigkeit zu zwei Kulturen. In der ersten Hälfte seines Lebens hat er einen deutschen Pass, in der zweiten Hälfte einen französischen. „Deutsch ist mir Muttersprache, weil der elsässische Dialekt, in dem ich sprachlich wurzle, deutsch ist“, schreibt er selbst. Französisch spreche er aber „gleichermaßen wie Deutsch“.

Albert Schweitzers Vater Louis ist Pfarrer der kleinen evangelischen Gemeinde im katholisch geprägten Kaysersberg. Ein halbes Jahr nach Alberts Geburt zieht die Familie ein Tal weiter, nach Günsbach im Münstertal.

Albert verbringt mit vier Geschwistern eine glückliche Kindheit, aus der dank seiner später niedergeschriebenen Erinnerungen zahlreiche Anekdoten überliefert sind – etwa die, dass ihm die Dorfbuben es manchmal hinreiben, dass er es als „Pfarrerssöhnle und Herrenbüble“ besser habe als alle anderen. Das gefällt ihm nicht. Oder die Geschichte von der missglückten Vogeljagd: Da hält der einsetzende Klang der Kirchenglocken den achtjährigen Albert davon ab, wie geplant mit der Steinschleuder auf Vögel zu schießen, wozu ihn ein Kamerad verleitet hat. Sein Gewissen ist erleichtert. „Von jenem Tag an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien. Wo meine innerste Überzeugung mit im Spiele war, gab ich jetzt auf die Meinung anderer weniger als vorher“, notiert er später.

Nach dem Abitur legt Albert Schweitzer, unterbrochen nur durch ein Jahr Militärdienst, eine rasante akademisch-kirchliche Karriere hin. Zwischen 1893 und 1905 studiert er an der Universität Straßburg Philosophie und Theologie, promoviert in beiden Fächern, wobei besonders seine theologische Arbeit über die Leben-Jesu-Forschung bis heute Geltung hat; er habilitiert sich in Theologie, arbeitet als Vikar und Privatdozent und wird Direktor des Thomasstifts in Straßburg. Nebenbei studiert er in Paris beim berühmten Orgelmeister Charles-Marie Widor und schreibt seine Bach-Biografie. Das Arbeitspensum, das er bewältigt, ist enorm. Alle Weichen sind gestellt: Aus diesem jungen Mann mit dem buschigen Schnurrbart wird einmal ein prächtiger Pfarrer, ein berühmter Organist oder gar ein hochdekorierter Wissenschaftler.

Doch hinter den Kulissen hat Schweitzer längst die Schwerpunkte verschoben. Nur wenige Menschen wissen davon. Schon im Günsbacher Pfarrhaus hat ihn an einem Sommermorgen des Jahres 1896 bei Vogelgezwitscher der Gedanke überkommen, dass er sein Lebensglück nicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen dürfe, sondern etwas dafür geben müsse: „Ich war mit mir selber dahin eins, dass ich mich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahre für berechtigt halten wollte, der Wissenschaft und der Kunst zu leben, um mich von da an einem unmittelbaren menschlichen Dienen zu weihen.“

Seine erste Idee, sich um Straßburger Waisenkinder zu kümmern, scheitert an behördlichem Widerspruch. 1904 sondiert er bei der Pariser Missionsgesellschaft nach einer Tätigkeit als Missionar mit medizinischen Grundkenntnissen, die er noch erwerben wolle. Erst nach weiterer Korrespondenz mit der Gesellschaft und mit seinen Lehrern an der Universität entschließt er sich, das begonnene Medizinstudium zu Ende zu bringen und „nur als Arzt“ nach Afrika fahren zu wollen. Die frommen Missionsfunktionäre sind darüber froh, denn Schweitzers liberale Theologie ist ihnen ein Dorn im Auge – und einen Arzt brauchen sie sowieso dringender.

Im März 1913 beendet Schweitzer seine dritte Promotion, diesmal in Medizin. Das Thema lautet: „Die psychiatrische Beurteilung Jesu“. Nebenher revolutioniert er durch eine Denkschrift und einen Auftritt bei einer Fachtagung den europäischen Orgelbau, veröffentlicht seine deutschsprachige Bach-Biografie und konzertiert an der Orgel.

Nun kommt der tatsächliche Wendepunkt in Schweitzers Leben, einer Biografie von atemberaubender Vielseitigkeit und Rastlosigkeit. Es ist der 21. März 1913, Karfreitag. Schweitzer, seit einem Jahr verheiratet mit der Professorentochter Helene Bresslau, hat die letzten Monate damit verbracht, Arzneimittel, Konserven, Küchenutensilien und chirurgische Geräte zu kaufen, in 70 Kisten zu verpacken und zum Hafen in Bordeaux zu verfrachten. Drei Tage zuvor hatte er als symbolische Heimatverankerung von der Gemeinde Günsbach für eine Mark Jahrespacht seinen Lieblingsfelsen auf dem Kanzrain oberhalb des Dorfs erworben.

An diesem Morgen nun wird das Ehepaar Schweitzer nach Lambarene abreisen. Zwischen Schweitzer und seiner Mutter Adele, die das Projekt vollständig ablehnt, kommt es zu einer dramatischen letzten Begegnung, die eine Verwandte beschrieben hat: „,Mutter‘, rief der Sohn, ,gibt es heute keinen Gugelhupf? Ich hoffte, zum Abschied ...‘ Die Mutter saß wie eine Statue am Tisch, jetzt kniff sie die Lippen zusammen und ging aus dem Zimmer.“ Als die Schweitzers 1918 ins Elsass zurückkehren, ist Adele Schweitzer bereits tot.

Die Glocken läuten eben den Karfreitag aus, als der Zug nach Colmar in Sicht kommt: „Die Reise nach Afrika begann. Es galt Abschied zu nehmen“, notiert Schweitzer. Von der Plattform des letzten Wagens blickt das Ehepaar noch einmal wehmütig zurück auf den Günsbacher Kirchturm. Straßburg, Paris, Bordeaux sind die weiteren Stationen. Am 16. April treffen beide in Lambarene ein. Albert Schweitzer lässt nicht sein gesamtes altes Leben hinter sich. Er wird weiter publizieren, er wird christlich-ethische Vorträge halten und Orgelkonzerte in der ganzen Welt geben. Die Pariser Bachgesellschaft hat ihm ein Tropenklavier gebaut, auf dem er auch in Afrika üben kann.

Doch von nun an steht die Krankenfürsorge in diesem abgelegenen Teil des damaligen Französisch-Äquatorial-­Afrika (seit 1960 Gabun) im Mittelpunkt seines Lebens. Albert Schweitzer, der Urwaldarzt: So kennt ihn die Welt.

Schon in den ersten Tagen ist Schweitzers Organisations- und Improvisationstalent gefragt. Weil das zugesagte Behandlungszimmer noch nicht fertig ist, macht er kurzerhand einen ausrangierten Hühnerstall zum Operationsraum. In schneller Folge entstehen unter seiner Oberaufsicht zahlreiche weitere Gebäude.

Sein erster einheimischer Gehilfe namens Joseph baut sprachliche Brücken zu den bald in großer Zahl anreisenden Kranken. Dass der gelernte Koch Beschwerden im „Kotelett“ oder im „Filet“ des Patienten lokalisiert, fällt nicht ins Gewicht. In den ersten neun Monaten in Lambarene behandelt Schweitzer fast 2000 Menschen: Die häufigsten Leiden sind Hernien (Eingeweidebrüche), Lepra, Hautgeschwüre oder die Schlafkrankheit. Die Schwarzen sind fasziniert von dem neuen „Oganga“ (Fetischmann) aus Europa: Er tötet den Patienten zuerst, entfernt dann die Krankheit und weckt ihn wieder auf, erzählen sie sich. Sie vertrauen ihm. Dass er bis zu seinem Lebensende einen patriarchalischen Führungsstil pflegt, indem er sich gegenüber den Afrikanern als „größeren Bruder“ definiert, gehört zur spärlichen Kritik an seinem Wirken, die man bisweilen lesen kann. Er ist am Ziel angekommen: „Die Tage gehören dem Helfen im Namen Jesu, dem Kampfe für das Reich Gottes?...“

Aber nun kommt den Schweitzers das Weltgeschehen dazwischen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden sie als Deutsche einige Monate unter Hausarrest gestellt. Die schwelenden Spannungen mit den Leuten von der örtlichen Missionsgesellschaft, die nun ihren französischen Patriotismus entdecken, verschärfen sich. 1917 muss das Ehepaar Lambarene verlassen und wird zunächst in den Pyrenäen, dann in der Provence interniert. 1918, wenige Monate vor Kriegsende, kehren beide zurück nach Straßburg, das bald darauf mit dem ganzen Elsass wieder Teil von Frankreich wird.

Schweitzer könnte das afrikanische Abenteuer abhaken: Er ist hochverschuldet heimgekehrt, seine Frau verträgt das tropische Klima nicht. In Straßburg übernimmt er wieder das Vikariat an St. Nikolai, außerdem eine Assistenzarztstelle an einer örtlichen Hautklinik. Rhena, die einzige Tochter des Ehepaars, wird geboren. Schweitzer hält Vorträge in Schweden und spielt Orgelkonzerte. Sein Buch „Zwischen Wasser und Urwald“ macht ihn zudem schlagartig in ganz Europa bekannt.

Doch Rückzug kommt für ihn nicht infrage. 1924 reist Albert Schweitzer zum zweiten Mal nach Lambarene – diesmal ohne seine Frau. Zwölf weitere Male wird er bis 1959 die Schiffsreise von Bordeaux nach Port Gentil unternehmen. Ein Flugzeug hat er niemals bestiegen.

Albert Schweitzer führt nun ein Leben zwischen zwei Kontinenten. In Afrika baut er unermüdlich an neuer Stelle ein größeres Hospital auf, in Europa hält er Vorträge, publiziert Bücher und gibt Konzerte, um das Krankenhaus zu finanzieren. Mit dem Erlös des Goethepreises der Stadt Frankfurt baut er sich ein Haus in Günsbach, das fortan als sein Europa-Stützpunkt dient. Den Zweiten Weltkrieg erlebt er von Lambarene aus.

Den Gipfel seiner Popularität erlangt er nach 1945. Die Welt hungert nach der Zivilisationskatastrophe des Zweiten Weltkriegs nach Vorbildern, nach Moral und Menschlichkeit. Amerikanische Journalisten schreiben über die „bedeutendste Seele der Christenheit“. Schweitzer bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, 1953 dann, rückwirkend, den Friedensnobelpreis. Mit dem Preisgeld baut er ein Lepradorf.

Mit jedem Auftreten baut er am eigenen Denkmal. Streng achtet Schweitzer darauf, dass er niemals mit Brille fotografiert wird. Er ist schlicht, verschmitzt, authentisch und schon zu Lebzeiten eine Legende. So soll es aber auch wirken. „Er sieht aus wie der Bruder des lieben Gottes“, schrieb das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

„Er war ein Meister der Selbstinszenierung“, schreibt Nils Ole Oermann in der derzeit wohl fundiertesten Schweitzer-Biografie. Ein treffliches Beispiel hierfür liefert die Beschreibung einer deutschen Lambarene-Besucherin in den 1950er-Jahren: „Als er in die Krankenstube hereinkam, ein wenig gebeugt von der Müdigkeit einer langen Vortragsreise, spürte ich etwas von dem, was die Kranken empfunden haben mochten, wenn der Heiland an ihr Lager trat.“

Mit seiner ganzen Autorität warnt Schweitzer 1957 via Radio Oslo die Welt vor den Gefahren der Atomwaffen: „Kommt es zur Einstellung der Atombombenversuche, wäre das die Morgendämmerung einer Hoffnungssonne, nach der unsere arme Menschheit ausschaut.“ Vor allem in den USA, aber auch in Frankreich wird das nicht goutiert. Schweitzer gilt mit seiner Kritik mitten im Kalten Krieg als verkappter Anhänger Moskaus, zumal er sich nicht scheut, auch mit Unterstützern in der DDR zusammenzuarbeiten.

Die Glocke in Lambarene beispielsweise ist eine Stiftung aus dem Pressenwerk Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland und trägt den Werktätigengruß: „Für den Frieden in der ganzen Welt“.

Im August 1965 überträgt Schweitzer die Leitung des Spitals an seine Tochter Rhena. „Von diesem Moment an baute der Urwalddoktor immer mehr ab“, beschreibt Biograf Oermann.

Am 4. September hört er auf seinem Grammofon noch das Andante aus Beethovens Fünfter Symphonie, bevor er kurz vor Mitternacht stirbt. Beigesetzt wird er auf dem Friedhof von Lambarene, wo seit 1958 bereits seine Frau begraben liegt. Die Trauergemeinde singt seinen Lieblings­choral: „Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ“.