Christliche Themen für jede Altersgruppe

Medienagentur der Reformation

Von Martin Luther heißt es, er habe mit einem Bein im Mittelalter gestanden und mit dem anderen weit in der Neuzeit. Diesen Schritt durch die Zeitalter vollzogen auch die beiden prägenden Gestalten der Cranach-Werkstatt – ihr Gründer Lucas und sein gleichnamiger Sohn. 

Ein typisches Reformationsbild: Martin Luther weist auf das Gestalt gewordene Wort Gottes am Kreuz. Predella des Altars in der Wittenberger Stadtkirche.
(Foto: epd-bild)



Die neue Drucktechnik ließ die Zahl der Publikationen geradezu explodieren. Dass in der Reformationszeit in einer nie da gewesenen Weise und über alle Schichten der Gesellschaft hinweg theologisch diskutiert wurde, hatte nicht nur Luthers biblisch begründete Entdeckung des „Priestertums aller Getauften“ eröffnet. Im Zentrum dieser Medienrevolution stand auch das „Bild“ und seine Reproduktion – und damit die prägende Manufaktur der protestantischen Bildproduktion: die Cranach-Werkstatt.

Die reformatorische Erkenntnis, dass jeder einzelne Christ seinen Glauben selbst verantworten muss und darf, dass jeder einzelne Christ fähig ist, die Heilige Schrift zu lesen und zu verstehen, um dann gemeinsam über deren Auslegung und die Fragen des Heils zu ringen – sie sorgte nicht nur für eine lebendige Vielfalt der Meinungen, sondern auch für eine Blüte des Druckergewerbes. Es ist kein Zufall, dass zum Firmenimperium des Lucas Cranach auch eine Druckerei und ein Buchhandel gehörten.

Die bisher ungekannte Geschwindigkeit und Breite, mit der nun publiziert wurde, ist nur vergleichbar mit der digitalen Revolution seit Ende des 20. Jahrhunderts.

Die Reformation ergriff die mediale Chance mit beiden Händen, und die Cranachs waren mittendrin in diesem Geschehen. Sie wurden die „Medienagentur“ der Reformation – allerdings ohne sich als Anbieter auf diesen konfessionellen „Kundenkreis“ festzulegen.

Cranach, wie er sich nach seiner Geburtsstadt nannte, war ein Aufsteiger, der in der väterlichen Malerwerkstatt die Grundlagen des Handwerks gelernt hatte. Nach Lehr- und Wanderjahren, die ihn um 1501 nach Wien führten, begann seine steile Karriere so richtig, als der sächsische Kurfürst Friedrich III. der Weise den inzwischen etwa 30-Jährigen 1505 zu seinem gut bezahlten Hofmaler machte.

Unter dem Logo der geflügelten Schlange lieferte die Cranach-Werkstatt ein „Markenprodukt“. Ihre Bilder entstanden arbeitsteilig und möglichst mit verlässlich gleichbleibender Qualität. Nicht individueller künstlerischer Ausdruck war das Ziel, sondern eine erkennbare Werkstatt-Identität.

Lucas Cranach hat sein Angebot an Bildmotiven früh standardisiert. Während der Nürnberger Kollege Albrecht Dürer – ganz Renaissance-Genie und deshalb von den Kunsthistorikern geliebt – unreproduzierbare Einzelstücke schuf, bot die Wittenberger Werkstatt ihren Kunden ein Repertoire an Standardbildern. Mit viel unbekleideter weiblicher Haut, wenn gewünscht: Lucrezia oder das Urteil des Paris, Venus (samt Amor) oder Eva (samt Adam) – nichts hat Cranach berühmter gemacht als seine weiblichen Akte mit ihren überlangen, stilisierten Körpern.

Klassische Mythologie, Genre-Motive und selbstverständlich unzählige biblische Motive: Richtige Cranach-Kataloge mit Vorschaugrafiken gab es. Der Preis hing auch davon ab, wie viel Hand der Meister selbst anlegte, oder wie viel Blau vermalt werden sollte.

Für branchenfremde Geschäftsmänner war es zwar damals nicht unüblich, als Geldanlage in eine Apotheke zu investieren, doch im 16. Jahrhundert rechnete man Farben und Malmittel zu den „Apoteckischen Simplicien und Compositen“. Für Lucas Cranach ergaben sich daher große organisatorische und finanzielle Vorteile, wenn er (neben pharmazeutischen Waren) ab 1520 über seine Apotheke auch die Grundstoffe für seine Malerwerkstatt auf den Messeplätzen von Frankfurt am Main und Leipzig en gros einkaufen konnte: mineralische, pflanzliche und tierische Pigmente, Öle, Gummi und vieles andere mehr. Schließlich war die Herstellung von hochwertigen Farbstoffen eine geradezu alchemistische Wissenschaft, die perfekt in ein Apothekenlabor passte: „Rebschwarz“ aus der Kohle von Weinreben war noch leicht zu bekommen, aber „Blau“ war die große Herausforderung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Malerei. Blaue Farbpigmente wurden aus dem Halbedelstein Lapislazuli („Blaustein“) gewonnen, der teilweise bis aus Afghanistan importiert werden musste. Das war nicht nur weit weg, hier herrschte auch der Islam. Der schwierige Bezugsweg machte Blau mitunter teurer als Gold.

Bis zu zehn Gesellen und noch mehr Mitarbeiter grundierten Tafeln und kopierten die Vorlagen mit Schablonen und Kohlenstaub, arbeiteten aus und polierten – stets überwacht und wo nötig korrigiert von den Werkstatt-Meistern, die bei Gesichtern und wichtigen Details selbst Hand anlegten oder den letzten Schliff gaben.

Die „Cranach-Story“ ist viel zu vielfältig, um alle Aspekte auch nur ansatzweise ausleuchten zu können. Wesentlich bleibt die Begegnung des älteren Cranachs mit Martin Luther. Die Freundschaft zwischen ihnen und ihren Familien wurde später zwar überhöht, aber es gab sie: Cranach bat Luther, einer der Taufpaten seiner 1520 geborenen Tochter Anna zu werden. Als Martin Luther am 13. Juni 1525 Katharina von Bora heiratete, war Cranach Trauzeuge. Und als ein Jahr später das erste Kind der Luthers, Sohn Johannes (oder Hans), geboren wurde, war wiederum Lucas Cranach einer der Taufpaten.

Auch wenn er seine zahlreichen altgläubigen Kunden nicht vernachlässigte – Lucas Cranach und seine Werkstatt standen im Zentrum, als die Reformation ihr ganz eigenes Bildprogramm entwickelte. Der Schriftsteller und Theologe Kurt Marti hat den Beitrag der Reformation zur Kunstgeschichte einmal als „die Befreiung der Künste zur Profanität“ beschrieben. Auch wenn die berühmten Reformationsbilder aus der Cranach-Werkstatt eher für eine theologisch-didaktische Vereinnahmung des Bilds zu stehen scheinen – nun ist in der Welt, was am Ende bis in die Moderne führt: die Freiheit und die Verantwortung des Betrachters.

Zunächst aber versank das Herz Europas nach dem Tod des jüngeren Cranachs rasch in einem blutigen Religionskrieg – in der Apokalypse des Dreißigjährigen Kriegs. Nicht, dass in Europa zwischen 1618 und 1648 keine große Kunst entstanden wäre: Da waren Velázquez in Spanien und Bernini in Rom, da waren Rubens und van Dyck in Flandern, Rembrandt in den Niederlanden. Nur in den deutschen Ländern, von denen aus die Cranach’sche „Bilderwerkstatt der Reformation“ der Welt ein großartiges Erbe hinterlassen hat, „verstummte“ die bildende Kunst für fast ein Jahrhundert.


Thema:
Die Cranachs
Ev. Gemeindeblatt für Württemberg
4 €