Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mehr als nur ein Essen

Vor 20 Jahren fand die erste Vesperkirche statt. Die Bewegung hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Für ein paar Wochen im Jahr öffnen Kirchen ihre Türen, bieten ein günstiges Mittagessen an, Gemeinschaft, Kulturelles und Hilfe. Doch die sozialen Missstände bleiben. 

In der Ludwigsburger Friedenskirche ist die Vesperkirche dieses Jahr zum sechsten Mal zu Gast (Foto: factum)

Wenn im März dieses Jahres die letzte Vesperkirche in Baden-Württemberg die laufende Saison beenden wird, werden mehr als 100.000 warme Mahlzeiten in 25 Kirchenräumen verzehrt worden sein. Und wenn im Juni der Kirchentag mit seinen hunderttausenden von Besuchern nach Stuttgart kommt, wird die dortige evangelische Leonhardskirche zum 20. Mal ihre Vesperkirche veranstaltet haben und damit weltweit die älteste Vesperkirche überhaupt sein.

Was als evangelisches, auf Württemberg beschränktes Projekt begann, ist schon seit vielen Jahren auch in der badischen evangelischen Landeskirche heimisch. Seit dem vergangenen Jahr hat die Idee auch im benachbarten Bayern Fuß gefasst, zuerst in Schweinfurt. Zum Staunen vieler Württemberger hat die evangelische Kirche Bayerns eine landesweite Ausschreibung gemacht und der Gemeinde 45.000 Euro Anschubfinanzierung versprochen, die das beste Konzept liefert. Die Schweinfurter haben den Zuschlag bekommen. Sie sind daraufhin erst einmal nach Ludwigsburg gefahren, um zu studieren, wie so eine Vesperkirche funktioniert. Schließlich, so argumentierten die Glaubensgeschwister aus Unterfranken, müsse man das Rad ja nicht neu erfinden.

Dass der überwiegend ehrenamtlich getragenen Bewegung nach 20 Jahren auch mal die Luft ausgehen könnte, ist nicht abzusehen. Im Gegenteil. Die Saison wird immer länger. Bereits im Oktober hatten die ersten Vesperkirchen, die sich als „Herbergen am Weg“ verstehen, geöffnet. Noch immer kommen neue Standorte dazu, und die Angebote werden ausgeweitet. So öffnet die Ellwanger ökumenische Vesperkirche innerhalb der laufenden Saison gleich zweimal die Türen: eine Woche im November und eine Woche im März.

Auch die Zahl der Gäste nimmt eher zu. Zum einen, weil die Armut nicht abnimmt. In jeder Vesperkirche kann man die Geschichten von Müttern und Vätern hören, die ihren Kindern nur in der Zeit der Vesperkirche täglich eine warme Mahlzeit bezahlen können. Zum anderen aber ist der Kreis der Besucherinnen und Besucher längst über diejenigen hinausgewachsen, die Hunger haben. Gemeinschaft statt Alleinsein, Geborgenheit statt sozialer Kälte, Gespräch statt Geschrei oder Verstummen: Dafür stehen die Vesperkirchen genauso wie für warmes Essen – und dafür werden sie geliebt. „Die Leute haben Sehnsucht danach, dass sich nicht nur immer gleich und gleich gesellt. Dass so ein bunter Haufen aus arm und reich miteinander kann und an einem Tisch sitzt – das ist das Erlebnis der frohen Botschaft im Alltag“, sagt der Ravensburger Pfarrer Friedemann Manz.

Ökumene wird von denen, die sie praktizieren, immer dann als Glücksfall und nicht als Problemfall erlebt, wenn es darum geht, gemeinsam praktische Nächstenliebe zu üben. Die Vesperkirchen sind dafür ein gutes Beispiel. In Biberach, Bopfingen, Ellwangen, Freudenstadt, Heidenheim, Horb, Mutlangen, Nagold und Pforzheim bezeichnen sie sich ausdrücklich als ökumenisch. An vielen Orten engagieren sich auch die freikirchlichen Gemeinden der Methodisten und Baptisten. Und die vielen tausend Ehrenamtlichen, die die Vesperkirchen tragen, werden ohnehin nirgendwo nach ihrer Religionszugehörigkeit ausgewählt.

Auch gekocht wird vielerorts ökumenisch: Im oberschwäbischen Biberach zum Beispiel, wo die Vesperkirche in einem evangelischen Gotteshaus stattfindet, liefern katholische Ordensschwestern das Essen: die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, oder kurz: die Vinzentinerinnen von Untermarchtal.

Angesichts der beispiellosen Erfolgsgeschichte der Vesperkirchen ist Kritik an ihnen kaum noch zu vernehmen. Sie war politisch motiviert, nicht theologisch, wurde aber auch in kirchlichen Kreisen sehr ernsthaft diskutiert. Die Vesperkirchen – und mit ihnen die Tafelläden – würden den Sozialstaat genau dort entlasten, wo er eigentlich viel stärker in die Pflicht genommen werden müsste. Der Skandal der Armut im reichen Land würde durch die gut gemeinten Angebote nur kaschiert und weiter fortgesetzt, hieß es. Ein zweiter Kritikpunkt war: die Angebote der Vesperkirchen seien nicht nachhaltig. Wenn die Vesperkirche nach ein paar Wochen schließt, sind diejenigen wieder einsam, die vorher einsam waren. Wer vorher keine Krankenversicherung hatte, bekommt auch durch die Vesperkirche keine. Und schließlich seien Vesperkirchen auch dazu da, das soziale Gewissen der Gutbetuchten zu beruhigen, wenn der Herr Bankdirektor als Ehrenamtlicher einen Tag im Jahr Suppe ausschenkt.

Dem halten Aktivisten entgegen: Zahlreiche Menschen, die in die Vesperkirche kamen, offenbarten zum ersten Mal einem Fremden ihre Not und konnten so in ein professionelles Beratungs- oder Hilfsangebot vermittelt werden, das ganzjährig da ist. Und warum sollte der Bankdirektor nicht Suppe ausschenken? Stadtbekannte Promis, die sich mit ihrer Vesperkirche solidarisierten, trugen von Anfang an zum guten Ruf des Projekts bei.

Auch Reiner Scheufele, im Diakonischen Werk in Stuttgart zuständig für Inklusion und diakonische Gemeindeentwicklung, kennt diese Kritikpunkte. Dass Tafeln und Vesperkirchen Armut eher noch verfestigen, weist Scheufele zurück. Nein, diese sichtbaren Angebote mitten in den Städten hätten erst vielen Menschen vor Augen geführt, dass es Armut auch bei ihnen gibt. Ohne Tafeln und Vesperkirchen sei die Armut viel stärker versteckt. Nun ist sie sichtbar. Die Politik könne dazu nicht mehr schweigen und sei gezwungen, Stellung zu beziehen. Scheufele weist auch darauf hin, dass im Begleitprogramm vieler Vesperkirchen politische Veranstaltungen zum Thema Armut angeboten werden. In Ravensburg etwa findet in der Kirche eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bezahlbarer Wohnraum im Schussental?“ statt.

Die Idee, die hinter den Vesperkirchen steckt, sei im Übrigen ja nicht, die Armut aufzulösen, begründet Scheufele das Konzept. Vielmehr gehe es darum, alle in einer Stadt an einen Tisch zu bringen, Begegnung zu schaffen für die, die sich sonst nicht begegnen oder sich sogar aus dem Weg gehen. Der Schweinfurter evangelische Dekan Oliver Bruckmann sagte denn auch in einem Zeitungsinterview, Vesperkirche sei gelebte Inklusion: „Es gibt keine Randgruppen mehr, alle sind und leben wir in dieser Stadt.“

Begegnung und Gemeinschaft also sollen entstehen. Aber die Vesperkirche ist auch eine Veranstaltung zur Bewusstseinsbildung besserer Kreise. In zahllosen Berichten über die Vesperkirchen kann man lesen, dass in Familien, die kein Problem haben, sich täglich eine warme Mahlzeit zu leisten, nach dem Besuch der Vesperkirche ein Sinneswandel einsetzt. Kinder und Eltern sind erstmals direkt und am selben Tisch mit dem Problem der Armut konfrontiert worden, kommen darüber ins Gespräch und sehen die Welt um sie herum mit anderen Augen. Auch deswegen, so Scheufele, könne keine Rede davon sein, dass die Vesperkirche nur ein Strohfeuer sei, das nur wenige Wochen im Jahr brennt.

Seit einigen Jahren veröffentlichen Bischof Frank Otfried July und der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg, Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, ein gemeinsames Grußwort zur Vesperkirchen-Saison. Die politische Botschaft, die sie mitzuteilen haben, lässt es an Klarheit nicht fehlen. „Vesperkirchen können ein Zeichen dafür sein, dass sich die Kirche mit der beschämenden Spaltung zwischen arm und reich nicht abfindet“, schreiben sie. Im aktuellen Grußwort verknüpfen die beiden Theologen die Vesperkirche mit der Jahreslosung und der weltweiten Politik: „In diesen Wochen kommen Flüchtlinge und Vertriebene in unser Land. Sie sind vor Kriegen, Terror, Verfolgung, Hunger und Armut geflohen und haben ihre Heimat schweren Herzens und letztlich unfreiwillig verlassen. Viele haben bittere Erfahrungen gemacht. Ihnen allen gilt unsere besondere Anteilnahme und Verbundenheit – auch in den Vesperkirchen.“

Wenn in wenigen Wochen wieder landauf, landab Bilanz gezogen wird, wird wie jedes Jahr das Positive im Mittelpunkt stehen. Gäste, Ehrenamtliche und Hauptamtliche werden ihre Vesperkirche wieder mal einfach toll finden. Und doch: Wenn jedes Jahr mehr Gäste kommen, so deutet das eben auch auf weiterhin bestehende, gravierende soziale Missstände hin. Der Mannheimer evangelische Dekan Ralph Hartmann hat zum Ende der Vesperkirche 2014 dafür deutliche Worte gefunden. Dass die Zahl der Gäste seiner Vesperkirche innerhalb eines Jahres um 2000 auf 15.000 gestiegen sei, sei eine „alarmierende Bilanz“. Und die Stuttgarter, bei denen alles anfing, begehen 20 Jahre Vesperkirche unter dem zwiespältigen Titel „(K)ein Grund zu feiern?!“.