Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mein Pastor auf Sylt

Was machen Menschen in den Ferien? Zum Beispiel in die Kirche gehen. In den Tourismushochburgen auf Sylt oder Mallorca bestimmen Urlaubsgäste zu einem erheblichen Teil das Gemeindeleben, während die Einheimischen sieben Tage in der Woche im Dauereinsatz sind. 


Die Gäste füllen die Kirche: Gottesdienst am Nordseestrand in Westerland auf Sylt. (Foto: Niklas Boockhoff / tiefseh.net)


Die 4500 Mitglieder ihrer Kirchengemeinde sind große Teile des Jahres damit beschäftigt, Touristen zu versorgen. „In der Hauptsaison“, sagt Anja Lochner, „sind sie kaum greifbar.“ Sie arbeiten sieben Tage in der Woche in Hotels, Restaurants, Boutiquen und Strandbars und haben kaum Zeit für ehrenamtliche Verpflichtungen. Haben sie dann mal frei, tauchen sie ab, mitunter ganz wörtlich, in der Karibik oder auf den Kanaren, um abzuschalten und selbst einmal Urlaub zu machen.

Im Grunde besteht Anja Lochners Gemeinde mehrheitlich aus einer Vielzahl immer neuer Touristen, die in keiner Kartei stehen. Und die doch kommen, in beachtlichem Umfang, zu Angeboten, die ihnen die Kirche macht. Zu den schönsten Erlebnissen gehören die „Kleinen Pilgerwege“, die Anja Lochner anbietet. Dann geht sie mit den Urlaubern zwei Stunden über die Dünen und macht mit ihnen ein Picknick am Strand.

Sylt ist für viele Gäste eine Herzensangelegenheit, eine zweite Heimat, die sie immer wieder aufsuchen. Besonders auf den Dörfern wie Keitum oder Morsum ist diese Verbundenheit spürbar. Dort geht man in „seine Kirche“ zu „seinem Pastor“, heiratet dort oder lässt die Kinder taufen. Selbst Beerdigungen von Urlaubern finden statt: Stammgäste der Insel kaufen sich Gräber und lassen sich in der Heimat ihres Herzens bestatten.

Natürlich lassen Urlauber auch eine Menge Geld liegen in den dortigen Kirchengemeinden. Das Opfer steigt in der Saison entsprechend an, es gibt erhebliche Spenden und Schenkungen. Andererseits ist der Aufwand der Gebäudeunterhaltung höher und der Personalaufwand entsprechend größer.

Auf Sylt gibt es deshalb mehr Pfarrstellen als in anderen Gegenden ohne Tourismus, in vielen anderen Ferienregionen wird der erhöhte Bedarf an Pfarrern durch saisonale Urlaubsseelsorger abgedeckt. Uwe Brinkmann (52) aus Osterode im Harz ist so einer. Seit 20 Jahren geht er in das ostfriesische Nordseebad Bensersiel und betreut dort Urlauber, jedes Jahr 14 Tage lang. Es ist seine zweite Heimat, auf dem Campingplatz lernte er vor Jahren sogar seine Frau kennen.

Auch Andrea Mattioli (45) aus Eglosheim (Dekanat Ludwigsburg) ist Urlaubsseelsorgerin. Vor acht Jahren hat sie Kärnten für sich entdeckt und hält dort nun mit Lederhose und Talar Berggottesdienste. Inzwischen ist sie bereits zum sechsten Mal für drei Wochen im Einsatz, bis zum Ende der Sommerferien wird sie mit ihrer Familie in Kärnten bleiben.

Während die Urlaubsseelsorge im Inland von den jeweiligen Landeskirchen organisiert wird, ist bei Auslands­einsätzen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuständig. Sie vermittelt Pfarrerinnen und Pfarrer in die Urlaubsgebiete nach Dänemark, Frankreich, Griechenland, Italien, die Niederlande, Österreich oder Ungarn. Zumeist geht es dabei um die Sommermonate, in einigen Gebieten wie in Tirol aber auch um Weihnachten und Silvester.

Ein anderer Fall ist Spanien, bis heute das wichtigste Auslandsreiseziel der Deutschen. Dort wurden schon in den achtziger Jahren Tourismuspfarrämter eingerichtet, deren Stelleninhaber direkt bei der EKD angestellt sind. Zwei von ihnen sind auf dem spanischen Festland zu finden (Costa Blanca, Costa del Sol), zwei auf den Kanarischen Inseln (Teneriffa, Gran Canaria), eines auf Mallorca.

Heike Stijohann (54) ist seit einem Jahr Pfarrerin der deutschsprachig-evangelischen Gemeinde auf Mallorca. Auf dem Papier hat sie gerade mal 500 Mitglieder, aber tatsächlich muss Heike Stijohann ein Zigfaches an Menschen betreuen.

Das beginnt mit den so genannten Semi-Residenten, Menschen, die einen großen Teil des Jahres auf der Insel verbringen, aber mit dem Erstwohnsitz in Deutschland und bei ihrer dortigen Kirchengemeinde gemeldet sind.

Dann gibt es die Urlauber, die regelmäßig auf die Balearen kommen. Besonders beliebt: heiraten auf Mallorca. Weit über 100 Trauungen muss Heike Stijohann pro Jahr organisieren, das schöne Wetter und die mediterrane Umgebung locken viele Verliebte an.

Schon mancher Pfarrer hat deswegen wieder abgewunken, als es um die Bewerbung für die Stelle ging. Heike Stijohann hingegen schätzt die besonders intensive Beziehung zu den Paaren, denen sie hilft, eine Kapelle zu finden. „Der Abstimmungsbedarf ist hoch“, sagt sie, „viel höher, als wenn es in Deutschland stattfinden würde.“

Eine eigene Kirche hat die Balearengemeinde nicht. Stattdessen sind die Evangelischen in katholischen Kirchen zu Gast. Das gilt auch für Ibiza, wo Heike Stijohann einmal im Monat zum Gottesdienst hinfliegt.

Eine evangelische Kirche gibt es hingegen am vielbesuchten Gardasee, es ist die Trinitatis-Kirche von Arco. Sie steht zwischen Palmen, wird von Mai bis Oktober von einem deutschen Urlaubsseelsorger betreut und gehört zur Südtiroler Gemeinde Meran. Eine echte Rarität im katholischen Italien, die einen Abstecher beim Italien-Urlaub wert ist.


Für die Urlaubsseelsorge im Ausland ist bei der EKD Michael Schneider (Kirche im Tourismus) zuständig: Telefon 0511-2796127, E-Mail: michael.schneider@ekd.de