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Menschen brauchen Auszeiten

Der menschliche Körper braucht Ruhephasen, um Erlebtes zu verarbeiten und sich zu erholen. Das gilt gerade fürs Familienleben. Doch der Umgang mit Pausen in unserer Gesellschaft widerspricht der Natur, sagt Biologe und Buchautor Peter Spork. Mit ihm sprach Julika Meinert. 


Wenn es Tag wird, verfliegen die Träume. Wer sie in diesem Moment kurz festhalten kann und aufschreibt, kann mit ihnen auch arbeiten. (Foto: epd-bild)


Wie viel Auszeit braucht der Mensch am Tag?
Peter Spork: Biologisch ist der Mensch auf einen 24-Stunden-Rhythmus gestimmt, wir merken das vor allem am Schlaf-Wach-Rhythmus. Innerhalb eines Tages überlagern sich zwei weitere Zyklen: Durchschnittlich alle 90 Minuten braucht man eine kurze Pause von einigen Minuten, alle vier Stunden eine größere von 30 bis 60 Minuten. Denn das Gehirn braucht Zeit, in der es Informationen verarbeiten und speichern kann. Diesen Rhythmen passen wir uns intuitiv an: Wir nehmen die großen Mahlzeiten nach jeweils etwa vier Stunden zu uns, Kinofilme dauern selten länger als 90 Minuten, ebenso wie Doppelstunden in der Schule – oder Gottesdienste.

Haben alle Menschen diese Rhythmen?
Peter Spork: Sie sind im Laufe der Evolution entstanden und wirken sogar im Schlaf: Etwa alle 90 Minuten werden wir wach und träumen intensiv. Die Zyklen sind bei allen Menschen gleich – aber je nach Kultur gibt man ihnen unterschiedlich stark nach: In unserer Gesellschaft ist es beispielsweise verpönt, Pausen zu machen. Sie gelten nicht als Arbeitszeit, oft gibt es maximal eine Mittagspause fürs Essen. Das ist unbiologisch, ich halte es für eine völlig falsche Entwicklung.

Gibt es Beispiele, wie es auch anders geht?
Peter Spork: In ostasiatischen Gesellschaften ist es völlig normal, tagsüber Nickerchen zu machen: Wer bei der Arbeit schläft, zeigt, dass er besonders leistungsbereit ist. Nachahmenswert ist auch die Siesta-Kultur in den Mittelmeerländern, in denen die Menschen eine sehr lange Mittagspause machen.

Was halten Sie von längeren Pausen wie Sabbaticals von mehreren Monaten?
Peter Spork: Wir leben in einer Gesellschaft, in der man immer leistungsbereit sein muss und viele Menschen Raubbau an ihrem Schlafbedürfnis betreiben. Bei dieser Lebensweise brauchen wir immer mal wieder längere Auszeiten: um mental durchzuatmen und Schlaf nachzuholen. Sonst sind Körper und Gehirn irgendwann überlastet.

Wann ist es Zeit für eine Auszeit?
Peter Spork: Wenn man ständig unkonzentriert ist, reizbar, wenn man auch tagsüber oft müde wird oder während der Tagesschau einschläft. Und wenn sich Infekte häufen. Denn zu wenig Schlaf und zu viel Stress gehen immer zu Lasten des Immunsystems. Liegt man dann krank im Bett, holt sich der Körper die Auszeit sozusagen selbst. Manche Menschen ignorieren diese Signale, landen womöglich im Burnout oder bekommen im Extremfall einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Wie sinnvoll sind gemeinschaftliche Auszeiten wie ein Ruhetag in der Woche?
Peter Spork: Ich halte den Sonntag als arbeitsfreien Tag und ohne geöffnete Geschäfte für eine extrem wichtige Einrichtung – auch aus biologischer Sicht, weil er wie ein Mini-Sabbatical ist. In der Biologie ist alles rhythmisch organisiert, da sind Ruhetage nötig. Kein Lebewesen kann immer nur powern. Und der Mensch ist ein soziales Wesen, deshalb können viele gerade in Gesellschaft ausspannen. Denn es unterstützt die Entspannung, wenn man in Pausen soziale Interaktion pflegt – bei der Arbeit beim Klönen an der Kaffeekanne, auf dem Fußballplatz am Wochenende oder durch den Kirchgang mit Kirchenkaffee im Anschluss.