Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mit der Sünde leben

Soll man den vom Islamischen Staat (IS) bedrohten Menschen mit Waffen helfen? Oder verbietet sich ein derartiges Handeln generell? Diese aktuelle politische Frage zeigt beispielhaft: Man macht sich ­schuldig, ob man handelt oder nicht. Dass schuldig zu werden zum Menschsein gehört, wusste bereits Martin ­Luther. Sein Wort „Sündige tapfer!“ steht im Zentrum seiner Theologie.  


Die Frucht vom verbotenen Baum zu essen, gilt als Ursünde schlechthin.
(Foto: 123rf/pretoperola, picsfive, Aleksey Stemmer/Fotolia)


All dies hatte Luther natürlich nicht im Sinn, er meinte kein „Sündige drauf los“. Und man missversteht das Wort, wenn man Sünde moralisch versteht. Das passiert, weil der Begriff „Sünde“ längst in der Reihe der theologischen Unwörter gelandet ist – zusammen mit dem Teufel, der Hölle und dem Jüngsten Gericht. In Predigten tauchen diese Begriffe nicht mehr auf, obwohl die Bibel Eindeutiges dazu zu sagen hat. Zur Verdrängung kommt die Verharmlosung: Man redet vom „Verkehrssünder“ auf der Straße und vom „Sündigen“ im Zusammenhang mit dem Genuss von Pralinen. Freilich hat die Kirche selbst viel dazu getan, den Begriff der Sünde zu entleeren, als sie ihn moralisch interpretierte, und alles was den Menschen Spaß macht, in die Nähe des Verwerflichen rückte. Lange hat sich die Kirche darüber definiert, dass sie den Menschen ein schlechtes Gewissen gemacht und die Angst vor Tod und Hölle geschürt hat, um dann als Heilsanstalt die Bedingungen der Rettung zu diktieren.

Doch Luther hatte keinen moralischen Begriff von Schuld und Sünde. Christsein bedeutet nicht, um die Erhöhung unseres moralischen Punktekontos zu kämpfen. Ihm geht es nicht primär um die kleinen und größeren Sünden, die wir – bewusst oder unbewusst – täglich begehen.

In seinem Verständnis von Sünde orientiert sich Luther an Paulus. Für den Apostel ist der Gegensatz zu Sünde keinesfalls Tugend, sondern Glaube und Vertrauen auf Gott (Römer 14,3). Andersherum nennt Paulus all das Sünde, was nicht aus dem Glauben, das heißt aus der Einheit mit Gott kommt. Die Sünde, das ist theologisch gesprochen der Unglaube. Luther hatte dies erkannt, als er die Formel entwarf „pecca fortiter, sed fortius fide“, auf Deutsch: „Sündige tapfer, aber tapferer glaube!“

„Mach vor dem Abgrund deines Lebens nicht kehrt, sondern schau mutig hinunter, denn dort findest du den rettenden Christus!“ Im ausgehenden Mittelalter klang diese Aufforderung provokativ. Die Angst vor Höllenqualen und Fegefeuer war allgegenwärtig. Luthers „Sündige tapfer“ wirkte wie ein Hohn auf die damalige Kirche, die alle Anstrengung darauf verwandte, die Sündenlast dem Menschen bewusst zu machen, „um sie dann durch einen finanziellen Ablass mindern zu können“. Die institutionalisierte Gnadenvermittlung war gefährdet, die Kirche alarmiert.

Aber Luther bagatellisiert die Sünde nicht, ganz im Gegenteil: Er diagnostiziert dem Menschen eine von „tiefer Verkrümmtheit und Verderbtheit und Bosheit“ durchsäuerte Natur. Für Luther ist der Mensch gänzlich Fleisch, gänzlich Sünde. In seinem Werk „Der geknechtete Wille“ (1525) stellt er klar, dass der Mensch da auch nicht von alleine herauskommt. Grundsätzlich gilt: Der menschliche Wille vermag nichts in dem, was das Heil angeht. Der Wille ist durch die Sünde gefangen, er ist nur noch frei zum Bösen. Mit Paulus sagt Luther: „So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt“ (Römer 7,17). Luther spricht in Bezug auf die Sünde dramatisch von der „Alleinwirksamkeit Gottes“, die den „freien Willen des Menschen niederstrecke wie ein Blitzschlag“.

Einen Ausweg gibt es nur durch den Glauben, dass Gott es richten kann, das andere bewerkstelligt dann Gott: Luther nennt das „fröhlichen Wechsel“: Die Übertragung der Sünde auf Gott. In der menschlichen Natur führt Gott nach Luthers Überzeugung einen „Gigantenkampf mit sich selbst“ aus. Die menschliche Natur ist das Schlachtfeld dieses Kampfes.

Luther war also mit seinem berühmten Spruch ganz eng am Pauluswort „Wir sind allzumal Sünder“ (Römer 3,23). Luther meinte: Steh dazu, dass du ein Sünder bist und bleibst, und sieh der Sünde unerschrocken ins Gesicht. Mach vor dem Abgrund deines Lebens nicht kehrt, sondern schau mutig hinunter, denn dort findest du den rettenden Christus!

Psychologisch gedeutet kam es Luther darauf an, dass die Sünde nicht nach innen verdrängt wird. Sie muss begangen, bewusst gemacht und bekannt werden, sonst zerfrisst sie das Innere. Das Chaos in und um uns gilt es tapfer zu akzeptieren, so wie Franz von Assisi den bedrohlichen Wolf von Gubbio in die Arme nahm und sich mit ihm arrangierte. Luther erkannte: Der Versuch, das Böse zu eliminieren, scheitert im Inneren und Äußeren. In der Welt wird dadurch nur neue Gewalt geboren, im Selbst werden neue Abgründe geschaffen.

Das hat eine Bedeutung für das tägliche Leben, mit den kleinen und großen Entscheidungen, die wir treffen müssen. Es gilt aber genauso für weltpolitische Entscheidungen wie die Frage, ob man den kurdischen Peschmerga-Kämpfern Waffen liefern darf. Im Sinne Luthers kann man sich nicht heraushalten, man muss sich damit befassen und sich der Verantwortung bewusst werden.

Es lohnt sich, das Wort „Sündige tapfer, doch tapferer glaube“ im geschichtlichen Zusammenhang zu verstehen. Luther schrieb es seinem Freund und Kollegen Melanchthon. Magister Philippus war der kluge Kopf der Reformation, aber er hatte eine Schwäche. Er war ein Grübler. Im Gegensatz zum vorpreschenden Luther war er nachdenklich, voller Selbstzweifel. So verbrachte er schlaflose Nächte und zögerte Entscheidungen hinaus, wo er nur konnte.

Seine Verzagtheit bescherte ihm ein Magengeschwür, er musste sich von Schonkost ernähren. Luthers Botschaft an den Freund war: Du kannst nicht leben, ohne Fehler zu machen. Falsche Entscheidungen gehören dazu. Auch Abwarten kann ja falsch sein. Keine Angst also, nur Mut. Sündige tapfer! Luthers zweiter Rat: Glaube noch tapferer! Du bist nicht allein, der gnädige Gott kann deine Fehler zum Guten wenden.

Luther riet Melanchthon, im Vertrauen, im Glauben etwas zu wagen, das zu tun, was er im Glauben vor Christus verantworten konnte. Dabei sollte er nicht so viel an sich und seine Reinheit denken, sondern eben an Christus, der die Sünde wegnimmt und überwunden hat. Das heißt: Der Gegensatz zur Sünde ist nicht die gute, reine, eigene Tat, sondern der Glaube.

Luther ging es um mehr als um die psychische Balance: Christus ist stärker als das Über-Ich, das über Generationen von der Institution Kirche befeuerte schlechte Gewissen. Der vergebende Christus soll diesen Platz einnehmen. Luther hielt die Beichte für den adäquaten Rahmen, Sünde auszusprechen und Vergebung zu erfahren.

Es gibt also keine Reihenfolge „erst sündigen, dann glauben“, sondern nur ein „der Sünde glaubend ins Gesicht schauen“. Sich irgendwie durchzulavieren war Luthers Sache nicht. In seiner Spätschrift „Wider den Kardinal von Magdeburg“ bat Luther im Schlusssatz: „Gott hilf, dass wir fromme Sünder bleiben und nicht heilige Lästerer werden.“ Rudolf Alexander Schröder hat es so ausgedrückt: „Wer nicht sündigen will, will auch nicht erlöst werden. Der vollkommen Heilige würde des Teufels sein.“

Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani warnt davor, im Verhältnis zum vorrückenden Islamischen Staat (IS) eine pazifistische Position zu vertreten. „Man opfert Menschen für die Reinheit des eigenen Gewissens.“ Kermani sieht gleichwohl die schwerwiegenden Konsequenzen bei einer Entscheidung für militärische Gewalt. „Wer sich aber stattdessen gar nicht entscheidet, wie es bei dem Aufstand in Syrien geschah, der lange Zeit friedlich und säkular war, verschlimmert die Lage und lädt noch größere Schuld auf sich“, warnt Kermani. „Nichthandeln ist auch ein Handeln.“