Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mit ein wenig Melancholie

Nach 17 Jahren im Amt geht Landesbischof Frank Otfried July am 24. Juli in den Ruhestand. Im Gespräch mit Tobias Glawion und Antje Schmitz erzählt der Landesbischof, was er noch gern erledigt hätte, was seinen Blick auf die Kirche verändert hat und was er ab dem 25. Juli macht.

Der Landesbischof bei einer Aktion von Brot für die Welt. Foto: epd-bild


Herr Landesbischof, vieles machen Sie in diesen Tagen zum letzten Mal. Sind Sie wehmütig?Frank Otfried July: Es ist gemischt. Intellektuell verstehe ich, was da vorgeht, emotional noch nicht so ganz. Durch die vielen Ereignisse bin ich stark eingespannt, denke aber schon daran, was danach ist. Wenn Sie 17 Jahre mit einem Amt gelebt haben, dann ist das ein langer Teil des eigenen Weges. Eine gewisse Form von Melancholie habe ich schon.


Was werden Sie vermissen?
Frank Otfried July: Mir werden sicher die vielen Kontakte und die vielen Gottesdienste in den Gemeinden fehlen, die Begegnungen in Politik, Wirtschaft und bei den Gewerkschaften, wo ich gespürt habe, dass Vertrauensbeziehungen entstanden sind.

Was war der schönste Moment Ihrer Amtszeit? Frank Otfried July: Das ist schwer zu beantworten, weil es viele schöne gab. Besonders schön fand ich die Weltversammlung des Lutherischen Weltbunds 2010. Die lutherische Welt in Stuttgart! Ich fand auch die Unterzeichnung des Staatsvertrags 2007 schön oder den Kirchentag 2015, da erinnere ich mich an einen wunderschönen Eröffnungsgottesdienst auf dem Stuttgarter Schloßplatz mit über 100 000 Menschen und an den Abend der Lichter. Die flüchtlingsbereite Kirche hat mich auch beschäftigt, das Reformationsjahr 2017. Ein ergreifender Moment war, als ich die Kinderstation der Krebsklinik in Tübingen besucht habe. Da lag ein schwer krebskranker Junger aus der Pfalz. Dem habe ich erzählt, dass ich aus Hessen bin. Da sagte er: Gell, wir babbele beide ähnlich. Das ging mir zu Herzen. Der Junge überwand die Krankheit und stand mir vier Jahre später bei einer Podiumsdiskussion gegenüber.

Worauf sind Sie stolz?
Frank Otfried July: Der Kompromiss in Fragen der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare war eine schwierige Angelegenheit, weil tiefe Überzeugungen innerhalb unserer Landeskirche aufeinandergestoßen sind. Im ersten Anlauf ist es gescheitert. Da bin ich konstant geblieben.
Stolz ist der falsche Ausdruck, aber es hat mich gefreut, dass wir zu einer Entscheidung kamen, auch wenn es anschließend von beiden Seiten Kritik gegeben hat. Aber es war ein wichtiger Punkt, um in unserer Landeskirche einen Ausgleich zu schaffen.

Was hätten Sie in Ihrer Amtszeit noch gern erledigt?
Frank Otfried July: Die Debatte über Prioritäten und Posterioritäten, über Wichtiges und weniger Wichtiges in der Landeskirche. Da wäre ich gern weitergekommen. Ich wollte aber den Diskussionsprozess in unserer Kirche nicht einfach abschneiden. Natürlich hätte ich gern den Schlüssel gefunden, um alle Aktionen zu bündeln, mit denen wir dem Mitgliederrückgang ein starkes Zeiten der Hoffnung entgegensetzen. In Predigten und Reden habe ich das getan. Und wäre ich noch länger im Amt geblieben, hätte ich versucht, einen Social-Media-Aufbruch zu starten – und das sage ich nicht, weil ich hier gerade im Evangelischen Medienhaus sitze. Ich habe mich im Lauf der Jahre verändert und habe den Digitalisierungsprozess in der Landeskirche mit angetrieben. Ich denke, dass mein Nachfolger Ernst-Wilhelm Gohl das aufnehmen wird. Er ist digital affiner. Froh bin ich, dass die Synode beim digitalen Abendmahl eine Entscheidung getroffen hat.

Sie haben viel verändert, aber wie hat das Amt Sie verändert?
Frank Otfried July: Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Ich habe gelernt, mich auf die Komplexität politischer und gesellschaftlicher Vorgänge einzulassen. Das Amt des Landesbischofs ist doch sehr stark auch Projektionsfläche, er ist eine Repräsentationsfigur und eine Entscheidungsperson. Ich habe gelernt, Ja dazu zu sagen, dass ich in der ersten Reihe stehe, und mich nicht dafür zu entschuldigen.

Über den Lutherischen Weltbund haben Sie Kontakt zu Brüdern und Schwestern aus aller Welt. Wie verändert das Ihren Blick auf unsere Kirche?
Frank Otfried July: Das Leben in der weltweiten Kirche kennenzulernen und zu teilen war wunderbar. Ich war als Landesbischof in Afrika, Asien und Lateinamerika. Man kann die Modelle von Kirche dort nicht einfach auf uns übertragen. Kirche ist nicht an eine bestimmte institutionelle Gestalt gebunden. Ich denke an das Wort aus Matthäus 28, das mein Nachfolger Ernst-Wilhelm Gohl und ich für den Gottesdienst zu Abschied und Neubeginn gewählt haben: „Siehe ich bin bei Euch bis an der Welt Ende.“ Das gibt einem die Gelassenheit, um alle Kräfte anzuspannen, hier die Aufgaben zu erfüllen und gleichzeitig zu wissen: Kirche kann auch in ganz anderen Formen leben und arbeiten.

» Das hat mir viel im Leben
geschenkt «

Die Begegnungen erfüllten mich auch mit Demut, weil ich gesehen habe, wie Menschen Glaubenszeugnis unter ganz anderen Bedingungen als bei uns abgelegt haben. Ich war mit dem nigerianischen Erzbischof Musa in von Terrorismus bedrängten Gebieten seiner Heimat. Dort habe ich gespürt, was es bedeutet in der Ökumene Brüdern und Schwestern in Krisen, Verfolgungsund Notsituationen zu begegnen. Mir ist es ein großes Anliegen, dass unsere Landeskirche nicht vergisst, dass sie auch im Angesicht der Brüder und Schwestern in aller Welt handelt. Das hat mir im Leben viel geschenkt.

Wie wird Kirche 2030 aussehen?
Frank Otfried July: 2007 habe ich den Kirchenvertrag unterschrieben. Damals hat es kaum Gegenstimmen im Landtag gegeben. Alle Parteien haben den Kirchenvertrag bestätigt. Jetzt bläst uns der Wind hart ins Gesicht und man stellt fast alles in Frage, wo wir in der Gesellschaft präsent sind. Wir werden sicher in eine Zeit gehen, wo die Freiwilligkeit der Kirchenmitgliedschaft den Menschen noch deutlicher vor Augen steht und wo wir als Kirche das Signal geben: Wir kümmern uns um jeden, wir nehmen eure Ideen ernst, wir probieren viel Neues aus, um Menschen zu gewinnen, die wenig von Kirche wissen oder der Kirche wenig zutrauen. Wir werden stärker eine Freiwilligkeitskirche, die Impulse aufnimmt und sich eindeutig an die Seite der Ausgegrenzten stellt und darauf hinweist, was unsere Brüder und Schwestern in anderen Ländern begrenzt. Das sind Bruchstücke einer Kirche von morgen.

Was sagen Sie den Menschen, die an der traditionellen Kirche hängen?
Frank Otfried July: Auch ich liebe Traditionen. Der kirchliche Raum soll Konstanz und Stabilität zeigen. Ich spüre, dass da Verunsicherung eintritt. Die Kunst wird sein, die Kontinuität zu wahren, was Geistliches und Gottesdienste betrifft. Man muss ja nicht alle drei Jahre etwas neu erfinden, das nimmt Menschen die Heimat. Aber neue Konzepte, die weitere Horizonte öffnen, finde ich gut, zum Beispiel den Quartiersgedanken, bei dem Kirche stärker mit Vereinen und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeitet und wieder als Kristallisationspunkt erfahren wird.

Am 24. Juli werden Sie in der Stiftskirche aus dem Amt verabschiedet. Was machen sie am 25.?
Frank Otfried July: Vormittags schlafe ich aus und meditiere über den Sonntag. Nachmittags feiere ich mit einem alten Freund dessen 70. Geburtstag nach.

Haben Sie schon Pläne für den Ruhestand?
Frank Otfried July: Erst einmal ziehen wir von Stuttgart nach Franken. Ich will richtig Kochen und Italienisch lernen. Dann bin ich aber auch bis Ende 2023 im Lutherischen Weltbund und werde im Irak Sozialprojekte besuchen. Außerdem bin ich Präsident der Luther-Akademie Sondershausen-Ratzeburg – das sind Aufgaben, die anfallen. Meine Kinder wollen mich vielleicht aus der Küche fernhalten und sagen: Schreib doch lieber ein Buch. Das muss ich mir dann noch überlegen. Ich will diese Lebensphase bewusst erleben – und auch mal eine Reise machen, die nicht dienstlich durchgetaktet ist.

Was wird der Hesse an den Württembergern vermissen?
Frank Otfried July: Ich habe es immer geschätzt, wenn ich in eine Gemeinde kam und die Menschen klar Lob und Tadel geäußert haben. Da waren die Schwaben immer direkt. Dies und die Ernsthaftigkeit und das Engagement der Menschen in der württembergischen Landeskirche werden mir fehlen. Aber wir werden immer wieder in Württemberg sein, da haben wir bei unseren Kindern verschiedene Ankerpunkte. □

◼ Ein Interview mit Frank Otfried July ist auf www.kirchenradio.de zu hören.

 

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Frank Otfried July

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