Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mit Gott auf Du und Du - Impuls zur Predigt

Jesaja 63,15 So schau nun vom Himmel und sieh herab!

 

Mit Gott auf Du und Du

Impuls zum Predigttext für den 2. Sonntag im Advent: Jesaja 63,15–64,3.

Von Annegret Weigl

Annegret Weigl ist Pfarrerin an der Januariuskirche in Erdmannhausen.

„Schau doch vom Himmel herab, Herr!“ Immer wieder spricht mir dieser Satz aus der Seele. In vielen Situationen würde ich mir wünschen, dass sich der Himmel öffnet und Gott sich uns zeigt, erklärt, hilft. Ich würde Gott gerne die vielen trauernden Menschen zeigen, die die Einsamkeit aushalten müssen, wenn Freunde und Nachbarn wieder bei ihren Familien sind. Ich wünsche mir, dass Gott den Seufzer aus meinem Herzen hört, wenn die Aufgaben sich türmen und ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich vermisse heute, wie die Israeliten damals, Gottes verwandelndes Eingreifen. Ich erlebe Gott anders, als ich es von ihm erwarte.

Diese Erfahrung kennen die Israeliten. Sie sind ernüchtert an der Realität. Wo ist die Erfüllung der Verheißungen Gottes? Wo ist die versprochene neue Kraft angesichts der eigenen Begrenztheit (Jesaja 41,31)? Wo ist Gottes Hand, die mich hält (Jesaja 41,10)? Der Wunsch, dass Gott nicht nur redet, sondern handelt, ist groß. Viele von uns rechnen schon gar nicht mehr mit Gott. Dann doch immerhin mit Gott rechten und streiten! Denn genau hier passiert das für mich Spannende im Predigttext.

Annegret Weigl ist Pfarrerin an der Januariuskirche in Erdmannhausen. Foto: Privat„Wir irren von deinem Weg ab und fürchten dich nicht mehr“, spricht Jesaja. Überraschend ehrlich sind diese Worte. Da bekennt sich jemand zu seinem Fehlverhalten: „Es stimmt, ich habe Fehler gemacht, oft einfach nur an mich gedacht. Ich habe dich und was dir wichtig ist nicht wahrgenommen.“ Solche Sätze kommen uns nicht leicht von den Lippen und aus dem Herzen. Viel zu oft suchen wir die Schuld beim anderen. Hier ist jemand ehrlich zu sich selbst. Auf einmal geht es nicht nur darum, dass Gott schweigt und sich nicht zeigt. Auf einmal ist da die Selbsterkenntnis, dass auch ich mich zurückgezogen habe. Zu einer Beziehung gehören eben immer zwei. Und plötzlich bin ich mitten in einem Beziehungsgeschehen.

Das Volk Israel und Gott waren damals in einer tiefen Beziehungskrise. Nach Jahrzehnten im babylonischen Exil hatte ihnen der Perserkönig endlich gestattet, in ihre Heimat zurückzugehen. Die äußeren Umstände stimmten: Jerusalem und der Tempel waren wiederaufgebaut. Also alles wieder auf Anfang und leben wie vor dem Exil? Nein, das geht nicht. Das haben die Israeliten gespürt. Zu tief sitzen die Erlebnisse der Vergangenheit. Und in der Gegenwart vermissen sie Gottes erbarmende Zuwendung zu jedem Einzelnen.

„Schon jetzt“ und „noch nicht“

Der Aufbau einer Beziehung und die Beziehung selbst ist eben nie abgeschlossen. Man lernt voneinander, fordert einander heraus, unterstützt sich und verändert sich. Ja, es ist ein Ringen miteinander und umeinander. Israels und Gott stehen sich gegenüber. Wie damals beim Kampf am Jabbok ringen sie mit sich selbst und mit den Erwartungen an Gott. In der Beziehungsarbeit finden sie zurück zu sich selbst und zu Gott. „Du, Herr, bist unser Vater, unser Befreier“, bekennen sie.

Noch oft wird das Volk Israel in seiner Geschichte mit Gott ringen. Und selbst durch die Geburt Jesu hört das Ringen miteinander und umeinander nicht auf. Es gehört eben zu unserem Menschsein dazu, dass ein Teil in jeder Beziehung offen bleibt und uns immer wieder herausfordert, den anderen zu suchen und zu verstehen. In dieser Spannung leben wir, auch im Glauben. Wir leben im „schon jetzt“ und „noch nicht“.

Mit dieser Erfahrung können wir uns wie in jeder Beziehung von Gott enttäuscht abwenden und mit Nietzsche sagen: Gott ist tot. Oder wir können ehrlich und hoffnungsfroh mit Gott an unserer Beziehung arbeiten. Ich wünsche uns in dieser Adventszeit die Gelegenheit dazu: Gott will zur Welt kommen, auch in uns. Denn: „Du allein tust denen wohl, die auf dich harren.“ In diesem Sinne sei mit Gott auf Du und Du!

Himmel. Foto: unsplash/Daniel PascoaFoto: unsplash/Daniel Pascoa

Gebet

Reiß die Wolken auseinander und komm.

Hier, jetzt, sei unser Gott ‒ wer sonst?

Niemand sonst hat uns gesucht.

Niemand sonst hat gerufen wie ein Verliebter:

Hier bin ich, hier bin ich.

 

Huub Oosterhuis. In: Evangelisches Gesangbuch für Württemberg, Seite 61