Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mit Gottes und Jeremias Hilfe - Julius von Jan, ein mutiger Pfarrer

Der Bußtag 1938 war für den württembergischen Pfarrer Julius von Jan der Anlass, das Unrecht gegen die Juden in der Reichspogromnacht öffentlich anzuprangern. Dafür wurde er erst kürzlich in der israelischen Botschaft in Berlin als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Julius von Jan, Pfarrer. Foto: PressebildJulius von Jan war ein strenggläubiger Mann. Ein konservativer und national gesinnter Christ, der an sich seiner Obrigkeit treu ergeben war. Im Ersten Weltkrieg hatte er sich freiwillig gemeldet. Ganz am Anfang war er auch von Hitler begeistert, doch schon bald merkte er, dass dessen Wege nicht Gottes Wege waren. Aus dem regimefreundlichen Pfarrer Julius von Jan wurde ein Regimegegner, der anzuecken begann. Er schloss sich der Bekennenden Kirche an und wurde deren Vertrauensmann im Raum Kirchheim/Teck.

Seit 1935 war Julius von Jan Pfarrer der Gemeinde Oberlenningen, ein Dorf am Fuße der Schwäbischen Alb. Jan vermied die offene Konfrontation, wenn es irgendwie ging. Er war eher ein leiser als ein lauter Typ. Doch er scheute sich auch nicht, die Dinge beim Namen zu nennen, wenn es darauf ankam. „Er hatte keine Angst und wurde von seinem Glauben getragen,“ sagt sein Sohn Richard im Rückblick.

Am 9. November 1938 waren in ganz Deutschland Synagogen zerstört, Juden misshandelt, ins Konzentrationslager gesteckt oder getötet worden. „Reichskristallnacht“ würde man später dazu sagen, ein Pogrom gegen die Juden und eine neue Eskalationsstufe der Gewalt im NS-Staat. Julius von Jan wollte dazu nicht mehr schweigen.

Für seine mutige Predigt gegen die Gräueltaten des Regimes wählte er ganz bewusst den Bußtag aus. Es war der 16. November 1938, genau eine Woche nach den schrecklichen Ereignissen. Die Landeskirche hatte nur einen Satz vorgegeben, das Wort aus Jeremia, 22,29: „Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“

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Doch Julius von Jan las das ganze Kapitel. Vor allem dessen Anfang hatte es in sich: In den Versen eins bis fünf (siehe unten) erteilt Gott dem Propheten den Auftrag, in den Palast des Königs zu gehen und den Oberen des Landes die Leviten zu lesen. Handelt gerecht gegenüber den Schwachen, stoppt die Gewalt, sonst werdet ihr untergehen!

Jeremia 22
1 So sprach der Herr: Geh hinab in das Haus des Königs von Juda und rede dort dies Wort 2 und sprich: Höre des Herrn Wort, du König von Juda, der du auf dem Thron Davids sitzt, du und deine Großen und dein Volk, die durch diese Tore hineingehen. 3 So spricht der Herr: Schafft Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand und bedrängt nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen und tut niemand Gewalt an und vergießt kein unschuldiges Blut an dieser Stätte. 4 Werdet ihr das tun, so sollen durch die Tore dieses Hauses einziehen Könige, die auf Davids Thron sitzen, und fahren mit Wagen und Rossen samt ihren Großen und ihrem Volk. 5 Werdet ihr aber diesen Worten nicht gehorchen, so habe ich bei mir selbst geschworen, spricht der Herr: Dies Haus soll zur Trümmerstätte werden …       29 Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!

Das sitzt, vor allem, weil es Julius von Jan nicht bei dem biblischen Vergleich belässt, sondern ohne Umschweife sagt, was es in der aktuellen Situation bedeutet. Den Nationalsozialismus bezeichnet er als „organisiertes Antichristentum“, die Zerstörung der Synagogen als „Missachtung der Gebote Gottes“. Männer, die dem deutschen Volk treu gedient hätten, habe man ins KZ geworfen, nur weil sie „einer anderen Rasse“ angehörten. Nun habe man wahrlich allen Grund, „einen Bußtag zu halten, einen Tag der Trauer über unsere und des Volkes Sünden“.

Jans mutiges Handeln hat Konsequenzen. Gut eine Woche danach kommen die Schlägertrupps der SA nach Oberlenningen und prügeln den Pfarrer bewusstlos. Er wird inhaftiert, aus Württemberg ausgewiesen und schließlich 1943 an die Ostfront geschickt. Eine Gelbsucht rettet ihn. Durch viele Zufälle überlebt er den Krieg, kehrt 1945 nach Oberlenningen zurück und tritt 1949 eine letzte Pfarrstelle in Stuttgart-Zuffenhausen an. Am 21. September 1964 stirbt er an seinem Altersruhesitz in Korntal.

Kirche in Oberlenningen. Foto: Andreas SteidelJulius von Jan war ein bescheidener Mann, hat nie viel über die Ereignisse in der NS-Zeit erzählt. So dauert es lange, bis sein Sohn in vollem Umfang begreift, was sein Vater damals geleistet hat. Der heute 86-jährige Richard von Jan lebt in Fürth, seit den 80er-Jahren ist er ein vielgefragter Ansprechpartner in Sachen Oberlenninger NS-Geschichte.

Das öffentliche Interesse hat noch einmal sehr zugenommen, als vor zwei Jahren bekannt wurde, dass der Staat Israel Julius von Jan als „Gerechter unter den Völkern“ auszeichnen will. Der Ehrentitel wird Menschen nichtjüdischen Glaubens zuteil, die sich in der NS-Zeit für Juden eingesetzt haben. 600 Deutsche sind darunter, neben Julius von Jan ist auch Oskar Schindler einer dieser Gerechten.

Julius von Jan - Endlich gibt es eine Biografie

Nach etlichen Verzögerungen und einer Corona-Pause wurde die Auszeichnung nun offiziell in der israelischen Botschaft in Berlin verliehen. Richard von Jan nahm die Urkunde und Ehrenmedaille stellvertretend für seinen Vater entgegen, Botschafter Jeremy Issacharoff bezeichnete Julius von Jan als „Licht in einer dunklen Zeit“.

Zur Verleihung war ein Fernsehteam des SWR gereist, überdies nahm die Vorsitzende der Julius-von-Jan-Kirchengemeinde Lenningen, Martina Eberle, teil. „Ein schöner Abschluss aller Ehrungen“, sagte Richard von Jan, und dass sein Vater, so bescheiden er war, sich „am Ende vielleicht doch auch darüber gefreut hätte“.

Richard von Jan nahm die  Ehrenmedaille der Gedenkstätte Yad Vashem stellvertretend für seinen Vater in der israelischen Botschaft in Berlin entgegen. Foto: PressebildRichard von Jan nahm die  Ehrenmedaille der Gedenkstätte Yad Vashem stellvertretend für seinen Vater in der israelischen Botschaft in Berlin entgegen. Foto: Pressebild

Zur internationalen Anerkennung der Verdienste Julius von Jans kommt nun endlich eine ausführliche Biografie über den mutigen Pfarrer von der Alb. Der Stuttgarter Verwaltungswirt und Journalist Martin Stährmann hat sie geschrieben. Auf knapp 200 Seiten zeichnet er die Lebensgeschichte des Pfarrers und die vielen Stationen seiner Flucht nach.

Es sind vor allem die vielen Facetten seiner Persönlichkeit, die ihn fasziniert haben. Dass er eben kein typischer Widerständler war, sondern ein Mann des Glaubens, der auf Gott mehr vertraut hat als auf die Menschen. Sohn Richard von Jan hat das Buchprojekt ausdrücklich unterstützt, Landesbischof Frank Otfried July ein Begleitwort geschrieben.

Im Buch ist auch die Bußtagspredigt in voller Länge abgedruckt. Wer Julius von Jan verstehen will, muss sie ganz lesen und nicht nur jene Stellen, in denen er auf direkte Konfrontation zum Regime geht. Jeremia und sein Auftrag sind für ihn die Grundlage, der Bußtag der Anlass, der ihn handeln lässt. Am Ende wird er selbst zum Propheten und wie Jeremia recht behalten: Kaum sieben Jahre nach den Ereignissen in Oberlenningen ist das gottlose NS-Reich untergegangen. Es hat über 50 Millionen Menschen in ganz Europa den Tod gebracht.

Buch-Tipp

Martin Stährmann
Julius von Jan. Ein aufrechter Pfarrer wider die Nationalsozialisten.

Edition Evangelisches Gemeindeblatt 2020
192 Seiten
17,95 Euro

Das Buch ist die erste Biografie, die über Julius von Jan erschienen ist.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de

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